Hollywood reißt sich um McEwans Bücher

Kultautor Ian McEwan wird 70

Donnerstag, 21. Juni 2018 | 12:52 Uhr

Seine Bücher machen sich gut auf der Leinwand: Am bisher erfolgreichsten war das preisgekrönte Kriegsdrama “Abbitte” von 2001 mit Keira Knightley und James McAvoy. Und gerade kam die Filmadaption seines Bestsellers “Am Strand” ins englische und US-amerikanische Kino. Seinen 70er feiert er mit der Kurzgeschichte “My Purple Scented Novel”, die an seinem Geburtstag am 21. Juni erscheint.

Geboren wurde er 1948 in Aldershot, einem Militärstützpunkt im Südosten Englands. Sein Vater, ein schottischer Offizier, wurde nach Asien, Deutschland und Libyen versetzt; seine Babysitter seien Unteroffiziere gewesen, sagte McEwan dem “Guardian” – er sei mit den “Trümmern des Krieges” um sich herum aufgewachsen. Mit elf wurde er ins Internat geschickt und studierte anschließend englische Literatur und kreatives Schreiben: “Innerhalb einer Stunde sprach eine seltsame Stimme zu mir aus den Seiten”, erinnerte er sich im “Guardian”.

Seine frühen Werke waren so bitterböse und skurril, dass sie ihm den Spitznamen “Ian Macabre” einbrachten und ihn bei einer breiten Leserschaft bekannt machten: Seine erste Kurzgeschichtensammlung “Erste Liebe, letzte Riten” gewann den Somerset Maugham Award. Es folgten Werke wie “Der Zementgarten” und “Zwischen den Laken” (beide 1978), in denen er mit schwarzem Humor von Geschwister-Inzest erzählte, eingelegten Genitalien und einem Mann, der sich in eine Schaufensterpuppe verliebt.

Das änderte sich in den 80ern, als er mit seiner Uni-Liebe Penny Allen eine Familie gründete: Seine Romane setzten nun weniger auf Schock und Sensationen, mehr auf Familiendynamik und politische Intrigen. Hollywood klopfte an die Tür, einige seiner Bücher wurden verfilmt, und er fing an, Drehbücher zu verfassen. 1998 gewann er den renommierten Booker-Preis für “Amsterdam” – nur eine von vielen Auszeichnungen für sein Werk.

Doch gleichzeitig focht er mit seiner früheren Muse – nun Ex-Frau – einen erbitterten Rosenkrieg um die beiden Söhne aus, der bis in höchste Instanzen ging. Ihm wurde das Sorgerecht zugesprochen. Diese Erfahrungen vor dem Familiengericht nutzte er zwei Jahrzehnte später für seinen Roman “Kindeswohl” (2015). Die Eltern eines an Leukämie erkrankten Jungen – alles streng gläubige Zeugen Jehovas – verweigern aus religiösen Gründen ihre Zustimmung zu einer lebensnotwendigen Bluttransfusion. Eine Familienrichterin, deren Mann gerade in einer dramatischen Lebenskrise steckt, muss die Entscheidung über Leben oder Tod treffen.

Wie immer dringt McEwan tief in die Psyche seiner Figuren ein, vermischt Fakten mit Fiktion und schafft mit knappen Details Atmosphäre. “Seine Prosa ist kontrolliert, sorgfältig und eindringlich präzise”, urteilt die Bestseller-Autorin Zadie Smith (“Zähne zeigen”) über ihr literarisches Vorbild: “Seine Romane sind nicht länger als notwendig.”

Das heißt nicht, dass er sich nicht gerne vor dem Schreiben drückt – am besten funktioniere das mit Lesungen: “Es bedeutet weniger Zeit alleine mit den Geistern, und ich komme raus und interagiere. Ich bin ziemlich gut darin, nicht zu schreiben”, gestand er der “Oxford Times”. Wenn er ein neues Buch anfängt, stöpselt er sein Telefon aus und klickt Emails weg. Seine zweite Frau, die Journalistin Annalena McAfee, hat sogar eine spezielle Software installiert: “Mit einem Timer, so dass Sie für vier bis sechs Stunden nicht online gehen oder im Internet schnüffeln können. Das bedeutet, dass ich viel Arbeit erledige.”

Zweieinhalb Jahre braucht er im Schnitt für Werke wie “Honig” (2013) über Sex, Spionage und Verrat oder zuletzt “Nussschale” (2016), das die Geschichte Hamlets aus der Sicht eines Embryos erzählt. McEwan hofft, dass seine besten Werke noch vor ihm liegen. Sein Rezept, um geistig fit zu bleiben: Neugier. “Solange du einen aktiven Hunger auf die Welt hast, kannst du Sachen herausfinden, wenn du dich nicht an sie erinnern kannst”, verriet er “Esquire”. “Wenn du deinen Hunger verlierst, sie herauszufinden, kannst du auch irgendwo hingehen und dich sonnen. Das will ich unbedingt vermeiden.”

Von: APA/dpa

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