Episoden-Roman mit Anleihen beim Thriller-Genre

Kunst, Morde und Abgründe: Alfares “Neuneinhalb Finger”

Dienstag, 08. November 2022 | 09:20 Uhr

Einen flotten Roman, der anhand aneinandergereihter Episoden zu einem großen Ganzen führt, hat der in Wien lebende Autor Stephan Alfare mit “Neuneinhalb Finger” vorgelegt. Anhand der Hauptfiguren, dem Schriftsteller Leon Schillinger und seinem Widersacher namens Töffels, führt die Lektüre des im Dachbuch-Verlag erschienenen Werks auch nach und nach in die tiefen und schmutzigen Abgründe der menschlichen Seele. Mordgelüste und tatsächlich verübte Morde inklusive.

“Aneinandergereiht” ist nicht ganz der richtige Ausdruck für die verschiedenen Begebenheiten, die Alfare in diesem Roman beschreibt. Vielmehr gibt es verschiedene Zeitebenen, in denen die Protagonisten auf bereits Geschehenes zurückblicken, die Haupthandlung spielt sich im Jahr 2006 ab. Die Erzählperspektive wechselt dabei zwischen Schillinger als Ich-Erzähler und der dritten Person.

Ein Autor, der nach dem gewaltsam herbeigeführten Verlust zweier Glieder seines Zeigefingers – der auch im Buchtitel zum Ausdruck kommt – nicht mehr schreiben, sondern seine Geschichten nur noch in seinen Gedanken speichern möchte, ein Mörder und Soziopath, den Hauptfigur Schillinger als “Lumpenfisch” bezeichnet, eine Künstler-Clique, die sich im Rahmen eines Stipendiums im Münsterland angesiedelt hat, und Kuriositäten wie eine Drogenparty, bei der striktes Alkoholverbot herrscht – all das begleitet einen bei der Lektüre der “Neuneinhalb Finger”.

Der gebürtige Bregenzer Alfare agiert in diesem rund 440 Seiten umfassenden Werk mit sprachlich feiner Klinge, die Covergestaltung und mitunter die Handlung kratzen am Thriller-Genre. Die kaltblütige Schilderung von Morden und hin und wieder zutage tretende Derbheit erinnert an Werke des Franzosen Michel Houellebecq, aber auch an den legendären Charles Bukowski. Der Rückklappentext legt auch Ähnlichkeiten zu Werken von Max Frisch, Alain Robbe-Grillet oder Hunter S. Thompson nahe. Aber auch heimische literarische “Verwandtschaft” zu Peter Handke (Erzählfluss) oder Thomas Bernhard (Spiel mit verschiedenen Zeitebenen) lassen sich mit etwas Fantasie herstellen. Vermutlich Alfare aber gar keine Vorbilder, stehen doch bisherige Buchtitel wie etwa “Das Begräbnis”, “Karl Heinz Zizala hat Krebs” oder “Schwangere Filzläuse & Ratteneier” durchaus für sich.

Und immerhin: Neben einem gewissen Tohuwabohu aus Künstlertum, Gewalt, Sex und Drogen gibt es in “Neuneinhalb Finger” Platz für philosophische Betrachtungen wie “Im Flughafengebäude konnte man einen Teil seines Lebens verbringen, ohne jemals einen Fuß an Bord eines Flugzeugs zu setzen” oder aber schlichte Beobachtungen wie “Der Kellner servierte ein großes Gulasch und einen Korb mit drei Fabriksemmeln”.

(S E R V I C E – Stephan Alfare: “Neuneinhalb Finger”, Dachbuch, 444 Seiten, 20,60 Euro)

Von: apa

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