Lars Eidinger übernahm Rolle von Josef Hader

Lars Eidinger über “Die Blumen von Gestern”

Donnerstag, 05. Januar 2017 | 11:58 Uhr

Wenn es um sorglosen Umgang mit dem Holocaust geht, versteht Lars Eidinger keinen Spaß. Das hat er mit Toto, seiner Figur in “Die Blumen von gestern”, gemein. Die Rolle hätte ursprünglich Josef Hader spielen sollen. Nach künstlerischen Uneinigkeiten mit dem Regisseur schied der österreichische Kabarettist “im Guten” aus, wie er der APA erzählte. Die Rolle übernahm nun Eidinger.

In Chris Kraus’ Tragikomödie verkörpert nun deutsche Theater- und Filmschauspieler (“Alle Anderen”) den Holocaustforscher und Nazi-Nachfahren Toto. Mitten in einer Lebenskrise verliebt sich Toto in die französische Jüdin Zazie (Adele Haenel). Im Vorfeld der Premiere des Films am Montag (9. Jänner) im Wiener Gartenbaukino und dem Kinostart am 13. Jänner fordert der 40-Jährige im APA-Interview in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mehr Verantwortungsbewusstsein und weniger Tabus.

APA: Im Trailer von “Die Blumen von gestern” wird damit kokettiert, dass nach “Der Untergang”, “Er ist wieder da” und Co. “endlich wieder ein Film über den Nationalsozialismus” im Kino anläuft. Waren auch Sie skeptisch, ehe Sie den Inhalt kannten?

Lars Eidinger: Ja. Das war sowieso mein großes Thema in den letzten Jahren, weil ich mich wahnsinnig darüber geärgert habe und Schwierigkeiten mit der Art hatte, wie das Thema aufgearbeitet wird. Die Sachen, die ich angeboten bekommen oder die ich gesehen habe, werden dem Thema nicht gerecht – eher im Gegenteil, die unterlaufen die Dimension konstant. Die größte Gefahr ist, dass teilweise die falschen Leute deutsche Geschichte nacherzählen. Die Verführung des Films ist immer die, dass man es dann doch nicht abstrahieren kann, sondern immer denkt: Das war so. Diese Verantwortung hat man als Filmemacher und ich bin mir nicht sicher, ob die Leute, die für die letzten Projekte verantwortlich waren, sich dessen bewusst sind. Die Gefahr ist groß, dass man Geschichte verklärt und auch verfälscht. Deshalb war ich froh, dass sich Chris Kraus zwar diesem Thema stellt, aber aus dem Heute; dass es keine Rückblenden und kein Archivmaterial gibt und dass ich um diese Form von Reenactment, vor der ich mich sträuben würde, herum gekommen bin.

APA: Toto und Sie eint die Warnung vor “Banalität” im Umgang mit dem Holocaust. Was war Ihnen wichtig an der Grenze zwischen Tragik und Komik?

Eidinger: Als Schauspieler denke ich gar nicht in diesen Kategorien. Ich kann verstehen, dass man von außen versucht, das so einzuteilen, aber im Grunde ist ja auch mein Leben tragisch und komisch und so ein Film versucht natürlich, Realität abzubilden. Manchmal sind die tragischsten Momente auch komisch und umgekehrt. Die Figuren in “Die Blumen von gestern” sind sich der Komik nicht bewusst und der Film zielt nicht auf vordergründige Lacher ab, sondern funktioniert auch, wenn keiner lacht. Es gibt viele Komödien, die so konstruiert sind, dass sie scheitern, wenn der Zuschauer nicht lacht. Ich als Schauspieler muss die Komik gar nicht mitdenken. Es ist umso lustiger, je ernster ich das Thema nehme. Der Zuseher lacht darüber, wie verbissen und ernst diese Figuren teilweise sind, besonders meine Figur. Man lacht ja nicht über den Holocaust, das verbietet sich tatsächlich. Im Zuge der Vorbereitung auf den Film habe ich viel gelesen, auch Erlebnisberichte von KZ-Überlebenden, und da gibt es Geschichten – wer die gelesen hat, der macht sich darüber nicht mehr lustig.

APA: Ist “Die Blumen von gestern” in Ihren Augen eine individuelle Geschichte oder allgemeingültig? Wie sehr beeinflussen uns Schuld und Traumata unserer Großeltern?

Eidinger: Ich glaube, dass uns das extrem beeinflusst. Trauma ist der richtige Begriff: Das bezeichnet, was nicht im vordergründigen Bewusstsein ist. Uns ist nicht bewusst, wie sehr uns das charakterlich und persönlich prägt. Letztendlich ist das auch unsere jüngste Vergangenheit. Ich erschrecke immer vor dem Umstand, dass der Zweite Weltkrieg in den 80ern so lange her war wie die 80er zu heute. Das war doch gerade erst! Wenn ich mir vorstelle, dass Leute in den 80ern dachten ‘Das war doch gerade erst’, wundert mich das. Alleine dadurch, dass wir größtenteils Schwarz-Weiß-Fotografien haben, denken wir, das war eine ganz andere Epoche. Aber mein Opa hat noch im Krieg gekämpft, mein Vater wurde im Krieg geboren; das sind Leute, die mich erzogen und sozialisiert haben, natürlich bin ich davon geprägt.

APA: Haben Sie sich zuvor wie Toto mit Ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt?

Eidinger: Nein, gar nicht. Das fand ich erschreckend. Ich habe nie meinen Vater gefragt, was sein Vater eigentlich im Krieg gemacht hat. Ich habe es dann recherchiert, als mir klar wurde, dass es eine zentrale Stelle gibt, wo man die Akte seiner Großeltern einsehen kann. Da steht, was die im Krieg gemacht haben. Vorher bin ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen.

APA: Toto hat aus diesem Schuldgefühl heraus sehr hohe moralische Ansprüche an sich selbst und seine Mitmenschen. Produzent Danny Krausz spricht gar von einer “Moralparalyse” in unserer Gesellschaft. Sind wir erstarrt?

Eidinger: Ja, ich merke zumindest in Gesprächen und in Interviews zu diesem Film, wie schwer es ist, über dieses Thema zu reden und wie tabuisiert vieles ist; wie vorsichtig man ist, sich überhaupt zu äußern. Man hat immer Angst, etwas falsches zu sagen oder missverstanden zu werden. Dieser Problematik hat sich dieser Film gestellt; er ist eigentlich die beste Antwort auf die Frage, weil er dieses Thema auf sehr eigene, tiefgründige und komplexe Art von allen Seiten beleuchtet. Das ist die größte Qualität des Projekts: Dass man versucht, sich einem Thema, das schwer zu greifen ist, über filmische Mittel zu nähern.

APA: Eine Szene von “Die Blumen von gestern” spielt in Wien, wo Relikte aus der NS-Zeit – vom Flakturm über deutsch-nationale Burschenschaften – sichtbar sind. Merken Sie Unterschiede, wie das Thema in Österreich vergleichsweise zu Deutschland behandelt wird?

Lars Eidinger: Das kann ich nicht so richtig beurteilen. Ich empfinde aber die Deutschen als viel komplexbeladener, schwerer und düsterer in ihrem Wesen als die Österreicher. Das kann auch meine subjektive Wahrnehmung sein. Ich habe eher das Gefühl, dass es hier (in Österreich, Anm.) nicht so ein großes Thema ist. Ein deutsches Phänomen ist: Wenn man sich mit einem Deutschen unterhält, gibt es immer noch eine Ebene dahinter, die einem verschlossen bleibt; wo das Gegenüber an etwas ganz anderes denkt. Diese Unmittelbarkeit im Austausch hat man bei Deutschen nicht. Das habe ich bei vielen anderen Kulturen ganz anders kennengelernt; auch die Österreicher empfinde ich als viel direkter miteinander.

APA: Vor der US-Präsidentschaftswahl verbreitete sich online ein sarkastischer “Brief” aus Deutschland, der Parallelen zwischen Donald Trump und Adolf Hitler zog. Teilen Sie die Sorge, dass Erinnern und Warnen nicht ausreicht?

Eidinger: So ein Film soll dazu beitragen, solche Phänomene zu verstehen, auch in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein wichtiger Punkt im Film ist, als Zazie Toto fragt: “Wie war denn dein Großvater?” Und Toto sagt: “Lieb.” Das ist etwas, das man überhaupt nicht erwartet. Aber es ist klar, dass das nur in dieser Widersprüchlichkeit funktioniert und dass man sich etwas vormacht, wenn man denkt, man selbst hätte sich vom Nationalsozialismus nicht verführen lassen. Das war eine Massenbewegung, die meisten waren Nazis und nur ein verschwindend geringer Teil war im Widerstand oder hat sich davon distanziert. Man muss sich klarmachen, in welchem Wertesystem das passiert, und das ist immer aktuell.

Ich könnte mir vorstellen, dass nachfolgende Generationen sagen werden: “Wie konntet ihr im Kapitalismus leben, wie konntet ihr dieses System stützen? Ihr wusstet doch, auf wie viel Ungerechtigkeit das beruht und dass euer Reichtum nur aufgrund von Ausbeutung armer Menschen besteht.” Und: “Wie konntet ihr die Flüchtlinge nicht aufnehmen?” Das sind Vorwürfe, mit denen wir uns irgendwann konfrontieren müssen. Ich glaube, dass das in dieser Hinsicht fast ein Shakespeare-Moment ist: Das sind menschliche Konflikte, die man nie überwinden wird, die immer da sein werden. So elitär oder arrogant das vielleicht klingt, aber: Die Masse wird immer die falsche Entscheidung treffen. Sie wird immer wieder beweisen, dass sie dumm ist. Nur dieser Umstand begünstigt Parteien wie die AfD und die FPÖ und macht Donald Trump zum US-Präsidenten. Die Leute fallen einfach auf die Dümmsten rein, weil sie nicht widerstehen können und die Verführung des Trivialen zu groß ist.

APA: “Die Blumen von gestern” erzählt im Kern die fiktive Liebesgeschichte des “Täter-Enkels” Toto und der “Opfer-Enkelin” Zazie. Sind solche Konstellationen in der Realität denkbar?

Eidinger: Bestimmt! Ich glaube auch daran, dass es so komische Koinzidenzen gibt, man sich wieder begegnet und es Verbindungen gibt, die nicht zu kappen sind. Die Essenz des Films ist die Begegnung zwischen diesen beiden Figuren. Ich habe noch nie ein vergleichbares Erlebnis mit einer Schauspielerin gehabt, wo wir uns so nah waren und es so eine Intensität im Zusammenspiel hatte. Ich war froh, als ich den Film gesehen und gemerkt habe, dass das sichtbar ist. Man schafft einen Rahmen und erzählt von einer Figur, die hochgradig auffällig, gestört, cholerisch und aggressiv und ein Misanthrop ist, die Menschen und sich selbst hasst, und die ab einem gewissen Punkt wieder Liebe empfinden kann. Das ist eigentlich, worum es zwischenmenschlich geht. Das ist wie eine romantisierte, idealisierte Verbindung, die sie eingehen.

APA: Wie kann man sich die Intensität im Zusammenspiel vorstellen?

Eidinger: Das war von vornherein da – eine Form von Vertrauen, von Ähnlichkeit im Verständnis und in der Art, wie wir unseren Beruf sehen und was die Bereitschaft betrifft, gemeinsam an Grenzen zu gehen, emotional in Extreme zu gehen und sich da nichts vorzumachen. Das schönste mit Adele war eine Form von produktiver Konkurrenz. Es gab ein tolles Erlebnis: Adele hat sich mitten in unseren Proben in Berlin “Richard III.” angeschaut. Sie war ganz süß als Zuschauerin – ich habe sie öfter angekuckt beim Spielen und sie saß da im Publikum mit offenem Mund und aufgerissenen Augen und hat sich so gefreut. Am nächsten Morgen haben wir uns sehr früh zu einer Probe getroffen und sollten eine Szene improvisieren, in der sie nach der ersten Liebesnacht etwas über mich herausgefunden hat, das sie ärgert. Sie kam rein, ich saß halb verschlafen am Tisch, und sie hat innerhalb von fünf Minuten den ganzen Raum zerlegt, einen Klapptisch an die Wand geworfen und belegte Brötchen flogen durch den Raum. Das gefiel mir, denn es hatte viel damit zu tun, was sie am Abend davor erlebt hat. Sie hat es als Herausforderung genommen, wie ich Richard III. spiele – nach dem Motto: “Das kann ich auch, jetzt zeige ich dir, wo der Hammer hängt!” Das hatte immer etwas sehr Lustvolles, Spielerisches und nie – was ich auch oft erlebe mit Kolleginnen – mit Eitelkeit und Zickerei zu tun. Wenn eine Adele mit mir spielt, will sie besser sein als ich und ich will besser sein als sie. Im besten Fall führt das dazu, dass man sich gegenseitig übertrifft und auch sich selbst übertrifft.

Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA

INFO: http://die-blumen-von-gestern.de

Von: apa