Wikileaks-Gründer Julian Assange hat wenig Freiheiten

Leben im Fadenkreuz der Justiz – Julian Assange wird 50

Samstag, 03. Juli 2021 | 11:41 Uhr

Stella Moris huscht ein Lächeln übers Gesicht. Viel zu lachen hat die Partnerin von Wikileaks-Gründer Julian Assange eigentlich nicht. Der Vater ihrer zwei kleinen Söhne sitzt noch immer im Londoner Hochsicherheitsgefängnis HMP Belmarsh. Dort wird er am 3. Juli auch seinen 50. Geburtstag verbringen. Was Moris aufheitert, ist die Aussicht auf eine Hochzeit. Die beiden planen, sich hinter Stacheldraht und meterhohem Beton das Ja-Wort zu geben, wie sie der dpa erzählt.

Doch noch schwebt über dem Australier die Gefahr einer Auslieferung an die USA. Nach langem Hin und Her hatte ein Gericht in London das im Jänner abgelehnt – unter Hinweis auf Assanges angeschlagene Psyche und die zu erwartenden Haftbedingungen in den USA. Aber es ist unklar, ob das US-Justizministerium Rechtsmittel einlegen kann. Über den Antrag soll demnächst entschieden werden. Wird er abgelehnt, könnte Assange bald ein freier Mann sein. Ansonsten stehen ihm wohl weitere Monate quälender Ungewissheit bevor. Wenn nicht Jahre.

Die US-Justiz wirft Assange vor, gemeinsam mit der Whistleblowerin Chelsea Manning geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan sowie eine riesige Zahl diplomatischer Depeschen gestohlen und auf der Internet-Plattform Wikileaks veröffentlicht zu haben. Damit sei das Leben amerikanischer Informanten in vielen Ländern in Gefahr gebracht worden. Für die US-Ermittler ist Assange ein Spion. Ihm droht ein Strafmaß von bis zu 175 Jahren.

Seine Unterstützer sehen in ihm hingegen einen Journalisten, der mit investigativer Arbeit schlimme Kriegsverbrechen ans Licht brachte. Ein Video dokumentierte beispielsweise die Tötung von Zivilisten durch die Besatzung eines US-Hubschraubers im Irak. Von den Soldaten musste sich bisher kein einziger vor Gericht verantworten. Assange hingegen sitzt zusammen mit Serienmördern und Terroristen im berüchtigtsten britischen Gefängnis, ohne dass es je ein Urteil gab.

An dem Australier, den mit seinem beinahe elfenhaften Äußeren lange Zeit ein Hauch von Personenkult umgab, scheiden sich die Geister. Viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, empfinden ihn als schwierig. Viele großen Medien, mit denen er anfangs kooperierte, werfen ihm inzwischen vor, unverantwortlich mit sensiblen Daten umgegangen zu sein.

Doch sind die Vorwürfe gegen ihn strafrechtlich relevant? Hier stellen sich viele Journalisten, wie der ehemalige Chefredakteur des britischen “Guardian”, Alan Rusbridger, und auch Menschrechtler hinter Assange. Investigativer Journalismus finde nun einmal naturgemäß in einem rechtlichen Graubereich statt. Sie fürchten, mit einem Urteil gegen Assange könne ein Präzedenzfall geschaffen werden.

Im Moment beschäftigen sich Moris und Assange viel mit anderen Dingen: der Hochzeit. Ihnen geht es darum, ein Stück Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen. Assange ist seit beinahe zehn Jahren kein freier Mann mehr. 2012 flüchtete er vor der Auslieferung in Ecuadors Botschaft in London. Dort bekam er Asyl – bis sich in dem südamerikanischen Land der Wind drehte. 2019 konnte die ganze Welt dabei zusehen, wie Assange trotz heftiger Gegenwehr aus der Botschaft gezerrt wurde. Deutlich gealtert und mit dem wilden Bart und dem langen Haar auch verwahrlost.

Ermittlungen in Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen, die den Haftbefehl zunächst ausgelöst hatten, wurden später eingestellt. Der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, der sich tief in den Fall eingewühlt hat und kürzlich ein Buch darüber veröffentlichte, hält die Vergewaltigungsvorwürfe für “konstruiert”. Der Schweizer Experte für Internationales Recht ist einer der vehementesten Kritiker des Vorgehens gegen Assange.

Dessen Partnerin Moris setzt inzwischen darauf, dass die neue US-Regierung unter Präsident Joe Biden die Anklage fallen lassen wird. Sie hofft, dass auch Deutschland seinen Einfluss auf Washington geltend macht. Ob Assange, wenn er denn einmal wieder frei wäre, wieder an die Spitze von Wikileaks treten wolle? Moris ist sich nicht sicher. Sie denkt lange nach. Dann sagt sie, sie könne das nicht vorhersagen. Ginge es nach ihr, zöge die Familie aufs Land, weit weg von dem ganzen Trubel.

Doch dass die Welt irgendwann einmal gar nichts mehr von Assange hören wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Moris sagt: “Julian denkt einfach nur endlos über Projekte und Dinge nach, die er gerne tun würde.”

Von: APA/dpa

Kommentare

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9 Kommentare auf "Leben im Fadenkreuz der Justiz – Julian Assange wird 50"


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ohma
ohma
Tratscher
25 Tage 8 h

Der Artikel hätte noch erwähnen sollen, daß erst vor kurzem ein wichtiger FBI ‘Zeuge’, auf dessen Aussagen sich die Anklage stützt, zugegeben hat gelogen zu haben.

quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 7 h

ohma, nicht nur das muß erwähnt werden, sondern auch, daß die 2 Frauen in Schweden, welche Julian Assange Vergewaltigung vorwarfen, nachweislich von dem Us-Geheimdienst Geld bekamen.

ohma
ohma
Tratscher
24 Tage 11 h

Hier die Quelle, eine isländische Zeitung:
https://stundin.is/grein/13627/

quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 7 h

es ist ein Skandal, daß ein Journalist welcher Verbrechen veröffentlicht hat, in einem Gefängnis für Schwerverbrecher schon über 2 Jahre lang zubringen muß, lediglich um darauf zu warten ob er ausgeliefert wird oder nicht.
Nils Melzer hat der Gefängnisverwaltung auch physische und psychische Folter vorgeworfen.
Während die halbe Welt über 2 Halunken, die zahlreiche Straftaten begangen haben, Navalnj und Protassewitsch, die Kleider zerrissen, hat der größte Teil der Journalistengilde ihren Kollegen Julian Assange einfach im Stich gelassen.

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
24 Tage 3 h

Quilombo@ Ok das eine.diktatorische Scheindemokratie ,die Dreck am Stecken ohne Ende hat, Kritiker im Boden versenken möchte verstehe ich ja noch, aber das ,das ganze Mediensystem samt Journalisten eine derartigen Oportunismus zu Tage legt und sich diese Helden des.Wortes und Bildes dermassen in die Hose macht,verstehe ich nicht

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
25 Tage 7 h

God bless Amerika,das Land der Mörder,Intriganten und Lügner.

olli
olli
Grünschnabel
25 Tage 5 h

Wer ist das?

iwoasolls
iwoasolls
Superredner
25 Tage 4 h

ba ins wara long schun frei

quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 3 h

Italien macht vor den Usa genauso den Buckel krumm wie England. Alle italienischen Politiker fahren andenkend nach Washington wallfahren. Wenn sie zurückkommen berichten sie strahlend wie Schulbuben, daß ihnen der dortige Präsident auf die Schulter geklopft habe.

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