"Macklemore" Benn Haggerty hatte das Publikum gut im Griff

Macklemore holte beim Frequency Festival alle ins Boot

Samstag, 18. August 2018 | 09:22 Uhr

Auf einem Festival wird man schnell zu einer großen Familie. Wie gut das funktionieren kann, bewies US-Rapper Macklemore als vorläufiger Höhepunkt am diesjährigen Frequency in St. Pölten. Mit einer Show, die alle Stückerln spielte, vor allem aber weit ins Popfeld reichte und damit fast alle Stilrichtungen beatgeprägter Musik zusammenbrachte, ließ er kaum einen Wunsch offen. Wie einige andere auch.

Ein hartes “Firebreather” wurde beim mehrfach Grammy-prämierten Macklemore alias Ben Haggarty ziemlich früh gesetzt und gab mal prinzipiell die Stimmung vor. Zurückhaltung? Fehlanzeige! Stattdessen wurde das brechend volle Venue um die Space Stage von der ersten Sekunde an von kristallklarem Sound durchflutet und so die tanzende Meute, die ohnehin zu allem bereit schien, noch mehr angeheizt. Außerdem: Wieso sollte man seine Hits zurückhalten? “Thrift Shop” wurde extrem früh verheizt, US-Präsident Donald Trump quasi standesgemäß und obligatorisch gebasht und dann “Same Love” gefeiert.

Denn Macklemore hatte eine Botschaft: Wir alle gehören zusammen und nichts kann uns auseinanderdividieren. “Liebe besiegt alles”, so das ebenso einfache wie eingängige und natürlich gefeierte Statement, das Macklemore seinem Gig gewissermaßen als Motto einbrannte. Danach war alles möglich: Schräge Kostüme (“And We Danced” reichte tief in den trashigen Eurodance hinein), Kinderbuchanleihen mit Pyro-Feierlichkeiten (“Willy Wonka”) und die stets gern angenommene Hochzeit des Automobils (“White Walls”). Was braucht man schon mehr? Natürlich etliche “Austria”-Shoutouts, die das Publikum weiter anstachelten und viel Liebe für seine treuen Anhänger.

Diese müssen sich Thunderpussy offenbar erst erspielen. Denn obgleich die aus Seattle stammende Rockband heuer ein äußerst überzeugendes, gleichnamiges Debütalbum vorgelegt hat, das sogar von Pearl-Jam-Mitglied Mike McCready veredelt wurde, verirrten sich nur eine Handvoll Rockenthusiasten in die Weekender Stage, um das weibliche Quartett als dortigen Headliner zu bestaunen. Schade, denn so haben ziemlich viele Leute einiges verpasst. Und zwar eine äußerst mitreißende Rockshow, die dank Songs wie “Speed Queen”, “Velvet Noose” oder dem großartigen “Torpedo Love” einfach nur fantastisch gelang. Knackiger Rock mit reichlich Blues-Infusion, natürlich von alten Helden inspiriert, aber trotzdem heutig präsentiert und mit genug Neuigkeiten versehen, um einfach punkten zu können.

Vor allem das Zusammenspiel von Sängerin Molly Sides, stilecht im hautengen Jumpsuit mit Bandlogo am Rücken, und Gitarristin Whitney Petty ließ da an einige große Rockduos denken – wie sich die beiden gegenseitig neckten, anstachelten und umspielten war eine wahre Freude. “Lebe schnell und stirb jung”, stieß Petty vor dem Gig im APA-Interview lachend das Rock’n’Roll-Motto hevor. Klar, wenn man stundenlang im Tourbus sitzt, kurz vor der Show erst ankommt und schon wenige Stunden danach wieder in die Enge gepfercht wird, um die nächste Station zu erreichen.

“Aber so mögen wir es. Wie die Kakerlaken”, pflichtete ihr Drummerin Ruby Dunphy bei. “Aber ehrlich: Ich weiß nicht mal, welcher Tag ist. Wir sind wohl erst im ersten Viertel der Tour.” Da bringt man auch schon mal ein paar Sachen durcheinander, wie Petty betonte. “Weißt du, wie Pilze ganz modrig und staubig werden? So fühlt sich mein Kopf an.” Auf der Bühne war davon klarerweise nichts zu erkennen, gab sich die Band doch energetisch und spielfreudig, als ob man vor ausverkauftem Haus spielen würde. “Das Lustige ist: An so heißen Tagen wie heute kommst du erst darauf, wo man überall schwitzen kann”, meinte Petty. Der Witz passt bei Thunderpussy jedenfalls.

Und zum Glück auch der Sound: Denn trotz all der offensichtlichen Einflüsse hat es die Gruppe geschafft, ihren eigenen Dreh einzubauen. Rocksongs, die zum immer wieder Hören einladen. Vor allem auch deshalb, weil Sides mit einer äußerst variablen und kraftvollen Stimme punkten kann. “Eigentlich verbringst du ja dein ganzes Leben damit, deinen Sound zu finden”, sprach Petty die Suche nach dem gewissen Etwas an. “Und so wird es ewig weitergehen. Du suchst und suchst und suchst. Wenn du ein Album machst, ist das ja kein Endpunkt. Stattdessen frierst du einen gewissen Abschnitt einfach ein.” Bei Thunderpussy war das offenbar ein sehr ergiebiger Moment.

Was auch für RAF Camora und Bonez MC gilt: Das Deutschrap-Duo ließ am Freitagabend erstmals erahnen, was am diesjährigen Frequency in Sachen Publikumszuspruch möglich ist. Dicht gedrängt standen die Leute, um den in Wien aufgewachsenen Rapper und seinen deutschen Kollegen abzufeiern, die quasi den musikalischen Ballermann ausriefen. Gemeinsam haben die beiden mit dem 2016er Werk “Palmen aus Plastik” eine ordentliche Duftmarke hinterlassen, der bald ein Nachfolger verpasst werden soll. Bis dahin gab es für die Fans zwar in erster Linie bekanntes Liedgut und natürlich immer “Alle Hände hoch”.

Und auch wenn die Animationsversuche, die eigentlich überflüssig waren, nicht unbedingt originell dargebracht wurden, schien das an diesem Abend keinen zu stören. Da wurde unbarmherzig durch die staubige Luft gepflügt. Und wenn man nichts damit anfangen kann? Hat man Pech gehabt. An diesem Wochenende hat ohnedies die Jugend immer Recht. Deshalb passte es auch, wenn einer der gefeierten Helden ziemlich explizit und vor allem ebenso mitreißend wie selbstbewusst ankam. An diesem Tag wurden sicherlich alle bedient.

Von: apa