Liam Gallagher, der Bad Boy des Britpop

Mangels Versöhnung: Liam Gallagher präsentiert Solo-Debüt

Dienstag, 03. Oktober 2017 | 11:02 Uhr

Er hätte lieber ein neues Oasis-Album. Doch weil die Chancen dafür in naher Zukunft eher schlecht stehen, muss Liam Gallagher mit seinem Solo-Debüt “As You Were” eben erstmal allein ran. Britpop zwischen alter Schule und Neuanfang.

Liam Gallagher weiß, wie man sich im Gespräch hält. Gerade jetzt, wenn er das erste Album unter eigenem Namen auf den Markt bringt. Dann redet der Sänger ganz nebenbei über ein mögliches Comeback seiner früheren Band Oasis, um kurz darauf seinen älteren Bruder und Ex-Mitstreiter Noel im Fernduell dermaßen anzugiften, dass die Rückkehr einer der größten Britpop-Bands dann doch wieder in weite Ferne rückt. Ballon aufblasen und danach die Luft rauslassen.

Mit “As You Were” steht ab Freitag (6. Oktober) also Liam Gallaghers Solo-Debüt in den Plattenläden. “Kommando zurück!”, könnte man den Titel frei übersetzen – soll wohl heißen: alles auf Anfang. Voller Blues bringt der 45-Jährige seinen Album-Opener “Wall Of Glass” an den Start, bei dem sich Groove und Riffs gegenseitig zu übertreffen suchen. Genauso dick hämmert die Single “Greedy Soul” durch die Boxen. Experimente gibt es nicht. Rock, geradeaus, mal derb, mal feinfühlig. Als wären Oasis nie verschwunden.

“Die Musik ist ziemlich dieselbe wie früher: Gitarrenmusik, Rock’n’Roll, Melodien”, sagt Gallgher im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Manch einen werde sie an die Beatles, andere an die Stones oder die Sex Pistols erinnern. “Ich erfinde das Rad nicht neu.” Und im bekannten Mangel an Zurückhaltung schiebt er noch hinterher: “Gute Songs, gute Melodien, gute Texte. Es ist durch und durch sauguter Rock’n’Roll.” Selbstbewusstsein im Quadrat.

Acht Jahre sind seit der Trennung von Oasis vergangen. Von “Definitely Maybe” über “(What’s The Story) Morning Glory?” bis zu “Dig Out Your Soul” – die Gallagher-Brüder und ihre Kollegen setzen sich ab Mitte der Neunziger in ihrem Heimatland mit allen Studioalben an die Spitze der Charts. Mehr als 70 Million Platten will die Band weltweit verkauft haben.

Doch mit dem Erfolg rückt damals auch das ins Rampenlicht, was sich in anderen Familien meist hinter verschlossenen Türen abspielt: der Dauerzwist der Brüder. Im Grunde geht es darum, wer in der Band die Hosen anhat. Aber ganz genau kann man das bei solchen Streitereien ja häufig nicht erklären. 2009 jedenfalls lässt sich nichts mehr kitten und Oasis sind Geschichte. Noel macht mit der neuen Band Noel Gallagher’s High Flying Birds sein eigenes Ding und Liam gründet mit den restlichen Oasis-Mitgliedern die Band Beady Eye. Zwei ganz ordentliche Alben später ist 2014 aber auch hier Schluss.

Nun also allein. Einen Vorgeschmack gibt Gallagher vor rund zwei Wochen an der Hamburger Reeperbahn. In einem zunächst geheim gehaltenen, dann aber umso proppevolleren Konzert zeigt er, was spätestens im kommenden Frühjahr zu erwarten ist, wenn er dann ausführlich durch Europa tourt.

In “For What It’s Worth” gibt sich der frühere Vorzeige-Rüpel ganz demütig: “In my defense all my intentions were good”. Diese wirklich großartige Ballade muss sich wahrlich nicht hinter Schmachtfetzen der Oasis-Ära wie “Stop Crying You Heart Out” verstecken. Gallagher schmettert sein Herz heraus wie eh und je. Mit dem Vorzeige-Riffs in “You Better Run” und “I Get By” dreht er das Publikum dann wieder auf links. Bei all dem neuen Material haut er natürlich in Hamburg auch das eine oder andere Oasis-Brett raus. Als Zugabe gibt es sogar “Wonderwall”, den Mitgröl-Superhit schlechthin. Fanseelen streicheln.

Vor einigen Jahren hat Paul McCartney einmal gesagt, er hätte gern Oasis zurück. “Ich auch”, schießt es aus Gallagher im Interview heraus. “Ich würde viel lieber hier sitzen, um über eine Oasis-Platte anstatt über ein Liam-Gallagher-Soloalbum zu reden.” Doch ihn treffe freilich keine Schuld. “Der Grund, warum Oasis heute nicht hier sind: weil es Noel Gallagher nicht will”, redet er sich etwas in Rage. “Er will bei allem die Hauptperson sein. Er kann es nicht ertragen, dass ich auch da bin.” Klingt also nicht nach einem baldigen Comeback.

In wenigen Wochen bringen Noels High Flying Birds ein neues Album heraus, die nächste Runde im Gallagher-Gallagher-Schlagabtausch. Gut möglich, dass man dann erneut die alte Geschichte hören wird von zwei zerstrittenen Brüdern, die eigentlich zueinander finden wollen. Dann aber vielleicht einmal wieder von der anderen Seite.

Von: APA/dpa