Mediziner, Musiker, Politiker - und nun auch Buchautor

Marco Pogo: “Österreichische Politik ist ein Kasperltheater”

Sonntag, 24. Oktober 2021 | 10:31 Uhr

Mit seiner Punkband Turbobier hat er im Sommer die Wiener Arena ausverkauft, mit der Bierpartei vor genau einem Jahr elf Bezirksratsmandate bei der Wien-Wahl errungen, nun ist er unter die Buchautoren gegangen: Dominik Wlazny alias Marco Pogo hat reichlich zu tun. Mit der APA sprach er über seine “Gschichtn”, wieso er oft unterschätzt wird und die politische (Un-)Kultur im Land.

APA: Am Montag erscheint mit “Gschichtn” Ihr erstes Buch. Wie ist das Projekt entstanden?

Marco Pogo: Den Wunsch, ein Buch zu verfassen, hatte ich schon lange. Ich hätte aber nie geglaubt, dass das rein technisch machbar ist für mich. (lacht) Irgendwann, im 14. Lockdown muss das gewesen sein, habe ich dann einfach begonnen zu schreiben. Und es hat funktioniert! Meine Devise ist immer: Einfach machen, es wird schon irgendwie klappen.

APA: In 15 kurzen Kapiteln erzählen Sie aus Ihrem Leben. Das ist fast ein bisschen wie ein Album mit 15 Songs, oder?

Pogo: Genau. Ich habe versucht, verschiedene Aspekte meines Schaffens abzubilden. Es geht ja nicht nur ums Touren mit der Band, sondern auch um die Politik. Natürlich muss man einen Filter einbauen, weil nicht jede Geschichte für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt ist. (lacht) Außerdem habe ich das Buch aus eigennützigen Motiven geschrieben, weil ich viel vergesse. Mein Hirn ist ein Nudelsieb. Es tut sich einfach viel. Also schnell niederschreiben, sonst sind diese leiwanden Geschichten irgendwann weg.

APA: Sie haben Turbobier 2014 gegründet, seitdem ist Ihnen viel aufgegangen. Wie viel Arbeit steckt letztlich dahinter?

Pogo: Ich bin schon ein Getriebener. Bilde ich mir etwas ein, dann muss ich es machen! Das war schon beim Medizinstudium so. Ich muss am Ende sagen können, dass ich es durchgezogen habe. Vielleicht habe ich damals gelernt, hart durchzubeißen. Da habe ich schon viel nebenbei gemacht, auch, als ich dann berufstätig war – ein sehr dunkler Fleck in meiner Vergangenheit. (lacht) Beides ist sich zeitlich irgendwann nicht mehr ausgegangen. Also hast du nur eine Chance: Volles Karacho nach vorne! Eigentlich hätte ich geglaubt, dass ich meine Stelle im Krankenhaus nach ein paar Monaten wieder antreten werde. Aber ich bin nie zurückgekommen.

APA: Werden Sie in Ihren Augen als Musiker, Unternehmer oder Politiker auch unterschätzt?

Pogo: Ja, weil es mit einer übertriebenen Lässigkeit meinerseits an die Öffentlichkeit gespielt wird – also die totale Arbeitsverweigerung. Dass es aber nicht funktioniert, wenn man nicht gerne hackelt, ist offensichtlich. Das bin schon ich, das runterzuspielen. Ich überrasche lieber, als hochzustapeln. Dann ist nämlich die Fallhöhe nicht so groß – und da weiß ich, wovon ich rede.

APA: Bei der Wien-Wahl 2020 haben Sie mit der Bierpartei 1,8 Prozent und insgesamt elf Bezirksratsmandate erreicht. Wie ist Ihr Resümee nach einem Jahr in der Politik?

Pogo: Ich habe begonnen, auf einer rein humoristischen Linie Politik zu machen. Humor ist mein Kommunikationsmittel. Es gab einen – das klingt jetzt wie ein echter Politiker – deutlichen Wählerauftrag. Dieses Vertrauen will ich nicht komplett mit Humor bedenken, sondern versuchen, Themen, die mir wichtig sind, politisch umzusetzen. Außerdem ist die österreichische Politik sowieso schon so ein Kasperltheater, dass es Zeit wird, dass auch eine vernünftige politische Kraft da ist – und damit meine ich die Bierpartei. (lacht) Ich freue mich auf die nächsten Wahlen, weil viele Leute erkennen, dass hinter Marco Pogo nicht nur der bierverliebte Humorist steckt, sondern dass er auch manchmal seine hellen Momente hat und etwas vernünftiges tut. (lacht)

APA: Wie sind Ihre politischen Konkurrenten auf Sie zugegangen?

Pogo: Eigentlich sehr offen, weil ihnen zu Beginn nicht klar war, dass von der Bierpartei auch vernünftige politische Arbeit zu erwarten ist. Ich war einfach der Typ aus dem Wahlkampf mit der lustigen Idee und den geilen Videos. Jetzt merken sie: Da kommt schon was. Und sie fragen sich: Wie viele Stimmen werden die uns bei der nächsten Wahl kosten? Der Gegenwind wird ein bisschen rauer.

APA: Das bedeutet aber, dass Sie zunehmend ernst genommen werden, oder?

Pogo: Ich denke schon. Wir haben knapp zwei Prozent bekommen. Da hätte das eine Prozent durchaus bei den Grünen, das andere bei den Roten landen können. Vielleicht haben sich sogar ein paar verwirrte FPÖ-Wähler vom Wort Bier überreden lassen. (lacht) Mit steigender Bekanntheit der Bierpartei und zunehmend ernsthaften Inhalten werden viele der anderen Parteien auch checken: Hey, die kosten uns einen Sitz oder zwei – oder vielleicht auch mehr. Politiker haben ja allgemein ein Problem damit, wenn man ihnen Macht wegnimmt. Sieht man ja.

APA: Damit spielen Sie auf die Inseratenaffäre um Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz an. Wie beurteilen Sie diese Causa?

Pogo: Mir zieht es die Ganslhaut auf wenn ich daran denke, dass eine junge Truppe an machtgeilen Menschen das Land offensichtlich mit einem Selbstbedienungsladen verwechselt hat. Eigentlich ist es erschreckend, dass der Aufschrei in der Bevölkerung noch gar nicht so groß ist. In Wahrheit war es unser aller Geld. Ich hoffe, dass wir irgendwann einmal im Zentrum dieser schönen Stadt eine riesige, goldene Statue von Thomas Schmids Handy errichten werden. Wir können ihm dankbar sein, dass er bei all seiner Kommunikationsfreude ziemlich unfähig ist, Daten zu löschen. Das ist wirklich ein Goldschatz! Hoffentlich werden die Zeiten in diesem Land in Zukunft ein bisschen ruhiger und besser. Ich bin jedenfalls bereit anzupacken.

APA: Im Sommer haben Sie mit einer Corona-Impfaktion am Rande Ihres Konzerts in der Arena für Schlagzeilen gesorgt. Warum war Ihnen das ein Anliegen?

Pogo: Ich habe als Musiker 600 Tage nicht auftreten können. Es gibt nur einen Weg aus diesem Schlamassel raus, dass eben möglichst viele Leute immunisiert sind. Ich kann nur den Leuten, bei denen ich Gehör finde, sagen, dass ich das für wichtig erachte. Es ist eigentlich eine ganz einfache Sache: Jeder und jede, die zusätzlich geimpft werden, helfen, dass ich meinen Beruf wieder ausüben kann – und ganz viele andere auch.

APA: Sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Haben Sie keine Angst, dass Sie damit potenzielle Fans vor den Kopf stoßen?

Pogo: Ich finde es immer schade, wenn sich Personen der Öffentlichkeit aus Diskussionen rausnehmen. Alles ist in irgendeiner Form politisch oder polarisierend. Es ist nie verkehrt, laut zu sagen was man sich denkt und für seine Überzeugungen einzustehen. Ich habe das immer gemacht. Natürlich kann man dadurch einige Leute verlieren, die vielleicht nicht trennen können zwischen meiner Musik und der Tatsache, dass ich im Sommer 30 Leute geimpft habe. Aber wer diesen intellektuellen Spagat nicht schafft, dem kann ich auch nicht helfen.

APA: Werden Sie mit zunehmender Bekanntheit vorsichtiger in Ihren Aussagen?

Pogo: Tatsächlich nicht. Das sage ich nicht, weil es gut klingt, sondern weil es für mich ein extremer kreativer Hemmschuh wäre. Wenn ich mich immer frage, wie ich wirke oder ob jemand etwas in den falschen Hals bekommt, dann ist das für mich als Satiriker der Tod. Genau das zeichnet diesen humoristischen Grenzgang aus, dass es manchmal zu kippen droht. Geht man nur auf der sicheren Seite, ist es fad.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E – Marco Pogo: “Gschichtn”, Seifert Verlag, 136 Seiten, 19,95 Euro; ausgewählte Termine der Lesereise: 28.10. im Wohnzimmer, Klagenfurt, 29.10. im Cafe Erde, Graz, 30.10. im Röda, Steyr, 3.11. im Volkstheater, Wien, 6.11. im SBÄM, Linz und 17.11. im Rockhouse, Salzburg; Turbobier spielen am 13. und 14. November im Wiener Volkstheater; https://marcopogo.at)

Von: apa

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