Marie Bäumer ähnelt tatsächlich Romy Schneider stark

Marie Bäumer über ihre Rolle als Romy Schneider

Mittwoch, 11. April 2018 | 08:48 Uhr

Die Ähnlichkeit mit Romy Schneider ist unverkennbar. Oft wurde Marie Bäumer gefragt, ob und wann sie in die Rolle der österreichischen Ikone schlüpfen wird. Ihre Antwort: “Damit kann man nur gegen die Wand fahren.” Warum sich die deutsche Schauspielerin für das Drama “3 Tage in Quiberon” umstimmen ließ und was sie beim Dreh an ihre Grenzen brachte, erzählte sie im Interview am Rande der Berlinale.

In “3 Tage in Quiberon” verkörpern Sie eine psychisch angeschlagene Romy Schneider, die 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, während eines Kuraufenthalts ein sehr persönliches Interview gibt. Wieso ist es nach Jahren der Nachfragen der richtige Zeitpunkt, um doch Romy Schneider zu spielen?

Bäumer: Dieses Romy-Schneider-Thema hat für mich nie eine Rolle gespielt. Mir wurde da viel an Identifikationsthemen angehängt; ich werde sehr oft mit ihr verglichen, in Frankreich (Bäumers Wahlheimat, Anm.) und in Deutschland. Mich nervt das auch nicht, weil es so oder so ein Kompliment ist, sowohl äußerlich als auch vom Spiel her, und es wirklich Schlimmeres gibt, als mit Romy Schneider verglichen zu werden. Nur in der Häufigkeit – erschöpft das nicht die Leute, wenn sie immer dasselbe fragen?

Ein französischer Produzentenfreund von mir, Denis Poncet, fragte schließlich, ob das Thema endgültig für mich beendet sei. Ich habe gesagt: Ich würde nie als Schauspielerin eine Schauspielikone interpretieren, damit kann man nur gegen die Wand fahren. Man will den ursprünglichen Star sehen, zumindest geht es mir so. Wenn du aber Verdichtung am Ende ihres Lebens schaffst, können wir darüber sprechen. Dann kam die Idee mit diesen vier Personen und der Bretagne als fünftem Protagonisten, in Schwarz-weiß mit Emily Atef als Regisseurin, und das hat sehr schnell Gestalt für mich angenommen. Bis zum Drehbeginn drei Jahre später hatte ich komplett verdrängt, dass es sich um Romy Schneider handelt. Aber dann kam das wie ein Donnerschlag – die Frage, was mich denn da geritten hat.

Haben Sie sich im Vorfeld intensiv mit Romy Schneiders Geschichte beschäftigt?

Antwort: Nein, im Gegenteil. Ich wusste, ich kann mich ihr nur über die Distanz annähern. Ich wollte ein paar feine Striche zeichnen, was die Äußerlichkeit anbelangt, ein bisschen in die Sprache, in den Körper reinnehmen. Ich habe mir Interviews mit ihr angeguckt und da gibt’s ganz tolle Sachen. Das macht dann Spaß, das geht ein wenig in den Imitationsbereich rein, wie ein Kind, das mit Salatschüssel auf dem Kopf und Kopflöffel in der Hand sagt: Ich bin Robin Hood. Und ich spiele jetzt mal Romy Schneider – mit diesem nervösen Rauchen, dem Lippenlecken, diesem Tunnelblick. Dass sie Journalisten manchmal gar nicht ausreden ließ, so einen Gedanken weiterzog, haben wir in den Rhythmus übernommen; oder dieses Wiederholen: “Das weiß ich nicht, das weiß ich nicht, das weiß ich nicht.” Dann ist Schluss, denn dann muss ich frei sein im Spiel.

Hat Sie in der Auseinandersetzung mit ihr etwas überrascht?

Bäumer: Was mich gerührt hat, war, dass sie eigentlich sehr bürgerlich war und sich immer nach einem ganz geregelten Leben gesehnt hat, wie jeder Mensch und vor allen Dingen jede Frau. Sie war Erdsternzeichen, die haben gerne Erde unter den Füßen, einen klaren Rhythmus, eine Basis, die ihnen ein solides Zuhause bietet. Sie in dieser Zeit zu spielen, ist jetzt richtig – das hätte ich vor zehn, 20 Jahren natürlich nicht machen können. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie weder ein inneres noch ein äußeres Zuhause – das war, nach meinem Empfinden, der Kernkonflikt. Von dem aus kann man diese Einsamkeit, Bezugslosigkeit und 360-Grad-Sackgassen-Situation als Tiefenamplitude nehmen und gleichermaßen untersuchen, wie sie immer wieder an die Oberfläche und ins Licht zurückkommt.

Bäumer: Wie sehr ließ sich der Vorsatz, eine gewisse Distanz zur Person Romy Schneider zu wahren, auf die Dreharbeiten im Kammerspiel-Setting übertragen?

Antwort: Das war ein latenter Kampf, weil ich so einen Stress hatte und dachte: Oh mein Gott, wie soll ich das überhaupt jemals schaffen? Ähnlichkeit hin oder her, aber man wird sich die ganze Zeit nur danach sehnen, was man von dieser Ausnahmeschauspielerin kennt. Also musste ich versuchen, diesen Menschen hinter der Projektion zu fassen zu kriegen. Was für mich anders war als bei anderen Drehs: Ich bin brechtsch erzogen, das heißt, ich gehe auf meine Figur zu und kann mich dieser Figur leihen und am Ende des Arbeitstages wieder zu mir zurückkommen. Das war hier fast nicht möglich, auch weil es vom Pensum so ein Wahnsinn war.

Inwiefern?

Bäumer: Wir haben teils 15-minütige Plansequenzen gedreht, die Interviews habe ich immer in einem durchgespielt, mit allen emotionalen Amplituden. Wenn man da einmal raus war, war Ende. Diese Leibprozesse sind physisch enorm anstrengend. Man weiß, dass bei Menschen beim Weinen nach 15 Minuten eine Grenze erreicht ist, da hört man meist auf, egal, wie schlimm etwas ist. Nur diese freien Lachanfälle sind noch schwieriger. Es gibt, glaube, ich 14 Muskeln im Gesicht, die sich beim Lachen anspannen – und nur ein einziger ist für das authentische Lachen zuständig. Ich habe noch nicht herausgefunden, welcher das ist. (lacht) Aber man spürt das von innen heraus. Ich war erleichtert, dass das immer wieder funktioniert hat.

Frage: Romy Schneider hat sich gegenüber dem “Stern”-Journalisten Michael Jürgs, der im Film zynisch und übergriffig rüberkommt, ungemein geöffnet. Wie halten Sie es als Schauspielerin mit dem Zwiespalt, dass man gesehen werden, aber seine Privatsphäre bewahren will?

Bäumer: Ich hatte eine ganz andere Situation (als Romy Schneider, Anm.), bin mit Anfang 20 organisch in diesen Beruf eingestiegen – nicht mit 14 wie ein Popstar und mit einer Schauspielerfamilie, die auch stark in der Öffentlichkeit steht. Bei mir waren die ganzen Parameter bereits klar – wie versorge ich mich gut, wann schlafe ich, was sind meine Freundschaften und Beziehungen? Diese Pyramide, die du dir baust, stand bei ihr von Anfang an auf der Spitze, da braucht es von außen nur einen Anstoß und dann kippt das Ding. Sie hatte auch kein Über-Ich, ist vollkommen offen wie ein Schwamm in Interviewsituationen hineingegangen. Vor allem die deutschen Medien waren ja so unfassbar gehässig, haben ihre französischen Filme verrissen, und es war ihr maßloses Bestreben bis zum Ende, diesen Konflikt aufzulösen. Diese Idee, das über die Presse zu lösen, war natürlich vollkommener Wahnsinn. Das ist bei mir anders: Ich habe von vornherein ganz klar gesagt, es gibt Privates, und da ist meine Grenze. Bis heute gibt es kein Foto von mir mit dem Vater meines Sohnes.

Frage: Wurde die Presse Ihnen gegenüber auch mitunter übergriffig?

Bäumer: Ja, das passiert eigentlich permanent. Wir haben ja das Glück, dass wir die Sachen gegenlesen können, aber es gibt Medien, die sich überhaupt nicht daran halten. Da muss man manchmal sehr deutlich werden. Viele versuchen sich damit zu retten, dass es früher viel schlimmer war, aber das kann ich nicht bestätigen. Heute gibt’s Leute mit Teleobjektiven, die einem zum Teil auf der Straße verfolgen, das ist unfassbar. England, Holland und Deutschland haben eine brutale Boulevardpresse.

Frage: Die Rolle der Freundin und teils Beschützerin Hilde Fritsch in “3 Tage in Quiberon” hat die Burgschauspielerin Birgit Minichmayr inne. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Bäumer: Birgit war fantastisch. Sie und Charly (Hübner als Fotograf Robert Lebeck, Anm.) mussten ja teilweise über Stunden irgendwo im Hintergrund sitzen. Ich weiß nicht, wie viele Bücher Birgit während dieses Films gelesen hat, sie lag dann auf dem Bett und hat so viel so schnell gelesen, ich war immer ganz neidisch. Und Charly war auch unnachahmlich, die haben mich wirklich gestützt. Birgit hat eine sehr feine, intelligente Hilde gezeichnet – eine Freundin, die nicht droht, Moralapostel zu werden, sondern mit einem gesunden Menschenverstand auftritt. Das war sehr nuanciert, die ist schon wirklich ein Kaliber.

Frage: Wie schwer ist es Ihnen diesmal gefallen, die Rolle gehen zu lassen?

Bäumer: Normalerweise ist das ein recht zügiger Prozess. Hier dachte ich einerseits, ich versinke jetzt ein bisschen in einer Grauzone, andererseits war ich einfach unendlich erleichtert. Das war natürlich auch eine spezielle Zeit: Es war Winter, im Studio war’s dunkel, draußen war’s dunkel, meine Kinderfrau, die ich seit meinem vierten Lebensjahr kannte, starb in dieser Zeit, der Produzent Denis Poncet ist an Krebs gestorben, Robert Lebeck ist gestorben – da spielte noch ganz viel mit rein. Ich war einfach erschöpft und hatte innerlich eine Leere. Ich habe wirklich alles abgeschabt, und das war richtig und wichtig, aber ich habe auch gemerkt, dass jetzt wieder ein bisschen Zeit ins Land gehen und ich die Substanz aufbauen muss. Und ich würde jetzt wahnsinnig gerne mal eine Komödie machen.

Marie Bäumer, 1969 in Düsseldorf geboren und in Hamburg aufgewachsen, ist eine deutsche Film- und Theaterschauspielerin. Auf ihr Kinodebüt in Detlev Bucks Kultkomödie “Männerpension” folgten Rollen in u.a. Michael “Bully” Herbigs Blockbuster “Der Schuh des Manitu”, Sebastian Schippers “Mitte Ende August” sowie Dominik Grafs Mehrteiler “Im Angesicht des Verbrechens”. Im österreichischen Auslandsoscargewinner “Die Fälscher” hatte sie eine Nebenrolle; für ihre Darstellung der Hedda Adlon im TV-Dreiteiler “Das Adlon. Eine Familiensaga” erhielt sie 2013 die “Romy” als beste Schauspielerin.

Die Fragen stellte unter anderem Angelika Prawda/APA

Von: apa

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