Monroe kurz vor ihrem Tod

Marilyns letzte Fotosession neu aufgelegt

Mittwoch, 08. Juni 2022 | 07:04 Uhr

“Wie ein Tier ist sie auf einem Foto nie nur sie selbst, sondern sie selbst plus die Summe ihrer Umgebung”: Das schrieb der zweifach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Autor Normal Mailer über Marilyn Monroe. Der Vertreter des “New Journalism” sollte Anfang der 70er-Jahre zu einem Monroe-Bildband den Text verfassen, herausgekommen ist eine “Roman-Biografie”. Diese legt der Taschen-Verlag neu auf – in Kombination mit Aufnahmen der legendären letzten Fotosession der Monroe.

Über zwei Wochenenden stand die Schauspielerin 1962 kurz vor ihrem Tod vor der Kamera des Mode- und Werbefotografen Bert Stern. Die Bilder erschienen posthum unter “The Last Sitting” in der Vogue. Mehr als 2.500 Mode-, Porträt- und Aktaufnahmen entstanden – “in mehr als 20 Outfits”, so Stern, “wenn man ein Schaltuch als Outfit rechnet.” Die Monroe sei eine totale Überraschung gewesen, erinnerte sich Stern 2011. Sie habe Gewicht verloren, und das habe sie transformiert. “Sie war besser als die körperreiche, fast überzogene Schauspielerin, die ich in den Filmen gesehen hatte.”

Monroe, die am 1. Juni 96 Jahre alt geworden wäre, starb am 5. August vor 60 Jahren. Der Filmproduzent und Herausgeber Laurence Schiller hatte zu Beginn der 70er die Idee zu einem Bildband mit Monroe-Fotos aus unterschiedlichsten Sessions. Der Verlag verlangte einen Begleittext, der modern und publicity-trächtig sein sollte. Die Wahl fiel auf Mailer, der anhand bereits existierender Biografien die Fiktionen, Halbwahrheiten und Fakten über Monroes Leben auf seine unverkennbare schriftstellerische Art interpretierte. Seine Sprache ist maskulin, seine Analysen von Monroes Sex-Appeal sind provokant und diskussionswürdig.

Aber Mailer schuf das intime Porträt einer Schauspielerin, die vom Begründer des Method-Acting, Lee Strasberg, in einem Atemzug mit Marlon Brando genannt wurde, aber wegen ihres Sexbombenimages nie die entsprechende Anerkennung erhielt. Mailer konzentriert sich auf die Person Monroe, auf ihr Privatleben, auf ihren Charakter, auf ihre Zerrissenheit zwischen Triumph und Depression. “Marilyn wurde zur Protagonistin in der großen amerikanischen Seifenoper. Das Leben ist in einer Stunde wunderbar für sie, tragisch in der nächsten”, schrieb der Autor.

Der Taschen-Verlag legte Mailers Analyse neu auf, kombinierte diese ausschließlich mit Fotos von Sterns Session. 1.000 Dollar kostete der großformatige, wunderschön gestaltete Band “Norman Mailer. Marilyn Monroe. Bert Stern.” in der limitierten Erstausgabe.

Nun gibt es das üppige Buch (nur in Englisch) wieder zu einem erschwinglichen Preis. Sterns Bilder zeigen Monroe in vielen Facetten – und damit passend als Illustration von Mailers Text. “Es gab keinen Schmerz, den sie ertragen wollte, wenn es ein Schmerzmittel dagegen gab”, kommentiert Mailer. So fröhlich, natürlich, lasziv und stylish Monroe auf vielen Bildern wirkt, so einen benommenen und von Pillen betäubten Eindruck macht sie auf andere. Die US-Autorin und Journalistin Natasha Vargas-Cooper urteilte kritisch: “Ihre Sinnlichkeit flackert auf einigen der nachgedruckten Kontaktbögen, aber auch ihre Vulgarität. Wenn Sie diese Aufnahmen aus nächster Nähe betrachten, haben Sie das Gefühl, Zeuge von etwas Obszönem zu werden – ein Auftakt zu einer Autopsie”, schrieb sie für die Zeitschrift “Bookforum”.

(S E R V I C E – “Norman Mailer. Marilyn Monroe. Bert Stein.”, Taschen Verlag, gebundene Ausgabe, 28 x 33,8 cm, 2,53 kg, 276 Seiten, 80 Euro)

Von: apa

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