Markovics spielt in der Serie einen österreichischen Journalisten

Markovics beim “Babylon”-Dreh “wie in einer Zeitmaschine”

Freitag, 29. September 2017 | 00:02 Uhr

Die Ausmaße sind enorm: “Babylon Berlin” versucht als deutschsprachige Produktion, an den internationalen Serienhype anzuknüpfen und scheut dafür keine Kosten und Mühen. Im Berlin der Weimarer Republik begegnet man korrupten Polizisten, freizügigem Nachtleben und dunklen Geheimnissen. Mittendrin: Karl Markovics als österreichischer Journalist. Mit der APA sprach er über den Dreh und seine Rolle.

APA: Herr Markovics, in “Babylon Berlin” begegnen wir einer Stadt am Wendepunkt. Die Moderne trifft auf Historisches, gesellschaftliche Offenheit auf Korruption. Was war der Reiz dieses Settings für Sie?

Karl Markovics: Selten sind bei historischen Produktionen der Aufwand und die Dimensionen tatsächlich so groß, dass man sich beim Spielen in dieser Zeit von Anfang an verlieren kann. Es ist fast eine kindliche Art, dass man hineinpurzelt, wenn man auf Sets wie der Berliner Straße in Babelsberg dreht und dann originale Autos vorbeifahren, 300 Komparsen ein Straßenleben nachstellen und alles detailgetreu ist. Dann kommt man sich vor wie in einer Zeitmaschine. Abgesehen von diesen Schaumomenten geht das Wesen dieser Erzählung aber weit darüber hinaus.

APA: Hier kommen fiktionale Handlung und historischer Überbau zusammen. Geht das für Sie auf?

Markovics: Natürlich ist das ein Optimum an Wirkung, die fiktionales Fernsehen hervorrufen kann. Dass es sich also auf eine reale Epoche einerseits beruft, andererseits eine sehr griffige Kriminalstory ablaufen lässt. Das passiert aber nicht aufgesetzt, sondern funktioniert zwingend auch nur vor diesem Hintergrund – nicht nur einer Zeit, sondern auch diesem Ort. Diese Stadt Berlin ist mittlerweile ja zum reinen Mythos geworden, weil sie in dieser Form nicht mehr besteht, aber damals schon ein lebendiger Mythos war. Die erste Groß-Großstadt auf europäischem Kontinent. Und es gibt viele Episoden, die für die große Geschichte eigentlich unwesentlich sind, hier aber trotzdem einen bedeutenden Platz bekommen haben.

APA: Diese Tiefe wird gerne als Vorzug von Serien ins Treffen geführt. Stimmen Sie dem zu?

Markovics: Absolut. Wenn es eine Berechtigung gibt, das als eigenes Genre auch zu bedienen, dann ist es die. Man hat hier, weit mehr als in jedem anderen Format, die Möglichkeit, einen Kosmos, ein Panoptikum abzubilden. Man kann sich einerseits mehr Freiheiten nehmen, andererseits viel mehr in Details gehen und Nebenstränge aufgreifen, fallen lassen oder wieder zu Hauptsträngen erweitern. Diese Faszination, diese schiere Unendlichkeit an Möglichkeiten auch wirklich bedienen zu können, überträgt sich im besten Fall auf den Zuschauer.

APA: Das erfordert von diesem aber auch Zeit und viel Aufmerksamkeit…

Markovics: Auf jeden Fall. Man hat mehr davon, wenn man ein bisschen etwas über die Geschichte weiß. Aber andererseits ist es durchaus spannend, zu sagen: Ich weiß nicht von Anfang an, wohin der Hase läuft, werde aber neugierig gemacht. Das ist auch genre-immanent, gerade in dieser langen Erzählstruktur. “Babylon Berlin” versucht, diesen titelgebenden Kosmos abzubilden. Das ist ein irrsinnig ehrgeiziges Unterfangen.

APA: Ein Teil davon ist Ihre Figur, der österreichische Journalist Katelbach. Wie haben Sie ihn angelegt?

Markovics: Samuel Katelbach ist ein Vertreter jenes Journalismus, der zu dieser Zeit aufgekommen ist: der Beginn des europäischen Feuilletonjournalismus. Da gibt es ja berühmte Vertreter in der österreichischen Literatur, ob jetzt Joseph Roth, Alfred Polgar oder Anton Kuh, die einige Zeit in Berlin gelebt haben und für diverse Zeitungen Berichte geschrieben haben. Und die Figur ist angelehnt an diese Tradition. Ich habe sehr viel gelesen aus jener Zeit, insofern war mir schnell klar, wie der funktionieren wird. Ich wollte nur aufpassen, dass das kein österreichisches Klischee in einer deutschen Produktion wird. So etwas passiert sehr schnell. Ein Österreicher in der Vorstellung eines Deutschen ist ein Österreicher, wie es ihn nicht gibt. Ich habe aber auch von Drehbuchvorlagen noch selten so einen fertigen Charakter – und auch in der österreichischen Färbung so authentisch – gelesen wie in diesem Fall.

APA: Drei Regisseure haben die Serie gestaltet. Wie ist diese Arbeit mit so einem Team, wie stark kommen die einzelnen Handschriften durch?

Markovics: Ich habe in so einer Form noch nicht erlebt, dass drei Drehbuchautoren und Regisseure ein Projekt gemeinsam kreiert und geschrieben haben und dann zu dritt Regie führen. Es gibt klarerweise eine eigene Handschrift von jedem, es gibt aber auch die gemeinsame, weil man merkt, dass sie es tatsächlich gemeinsam erarbeitet haben. Man merkt: Das sind drei Freunde, auch wenn das naiv klingt. Trotz der Größe wird man bei der Arbeit nie erdrückt davon, man ist eher wie ein Kind erstaunt. Natürlich gibt es auch ganz intime, kammerspielartige Szenen und dann wieder solche im Studiogelände von Babelsberg mit einem irren Aufwand. Tatsächlich ist es immer sehr konzentriert und freundschaftlich gewesen.

(ZUR PERSON: Karl Markovics wurde am 29. August 1963 in Wien geboren. Der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor machte sich als Film- und Fernsehdarsteller einen Namen, stand aber auch immer wieder auf Theaterbühnen. International bekannt wurde er durch seine Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys oscarprämiertem Film “Die Fälscher” (2008). Sein Regiedebüt “Atmen” folgte 2011 und wurde mehrfach ausgezeichnet. Kommendes Jahr wird Markovics bei den Bregenzer Festspielen eine Oper inszenieren.)

Von: apa