Lagerfeld machte sich zuletzt in der Öffentlichkeit rar

Modedesigner Karl Lagerfeld im Alter von 85 Jahren gestorben

Dienstag, 19. Februar 2019 | 18:01 Uhr

Er war der Marathonläufer der Modewelt, ihr Tausendsassa und ihr wohl populärstes Gesicht. Karl Otto Lagerfeld, Urgestein des Pariser Chic, ist tot. Mehr als 50 Jahre lang entwarf Deutschlands wichtigster Mode-Export Kleider für die größten Modehäuser, darunter auch den Italiener Fendi. Seit 1983 leitete er die kreativen Geschicke von Chanel.

Daneben verfolgte der Wahlfranzose stets weitere Projekte, zeichnete Karikaturen, fotografierte, designte Inneneinrichtungen und gab sogar eine Zeitung “Karl Daily” heraus. Lagerfeld war nicht nur ein Stardesigner, er war der letzte Pariser Modezar.

Wann Lagerfeld geboren wurde, war zeit seines Lebens unklar. Der Meister selbst, den die Zeitschrift “L’Express” als “letzten Dandy von Paris” bezeichnete, schwankte immer wieder zwischen 1935 und 1938. Das deutsche “Munzinger”-Archiv zählt auch 1933 auf. Irgendwann bestand der Designer auf dem Jahr 1935 – die anderen Zahlen seien Angaben seiner Mutter. Als sicher gilt der Geburtstag am 10. September.

Die Ideen gingen ihm nie aus. Sein größter Coup jedoch war die Umgestaltung der eigenen Person zu einer Art Gesamtkunstwerk. Mit Sonnenbrille, weißgepudertem Zopf, dunkler Krawatte und dem typischen hohen “Vatermörderkragen” erkannte ihn gleichsam jedes Kind. Diese Montur bot zugleich eine undurchdringliche Fassade, hinter der er sich verstecken konnte. Er selbst spottete gerne über die eigene Erscheinung. Überhaupt liebte Lagerfeld Ironie.

“Ich kenne Strass, aber keinen Stress.” Viele Bonmots und Spitzen beweisen Lagerfelds Schlagfertigkeit. Über Freizeitkleidung: “Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.” Über Günter Grass (1927-2015): “Er sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen.” Über Heidi Klum: “Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.”

Großen Wirbel löste 2017 Lagerfelds Kritik an Angela Merkel aus. Die deutsche Kanzlerin habe eine Million zusätzliche Flüchtlinge aufgenommen, “um sich ein charmantes Image zu geben”. Merkel habe mit der Flüchtlingspolitik einen großen Fehler gemacht. “Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, Millionen Juden töten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen.”

Auch wenn Lagerfeld immer wieder öffentlich im Mittelpunkt stand und sich als “egoistisch” bezeichnete – egozentrisch wirkte er trotz des extravaganten Auftretens nie. Wer ihm persönlich begegnete, erlebte einen aufgeschlossenen Menschen, der Tageszeitungen konsumierte wie andere Zigaretten und stets ausgezeichnet über das aktuelle Geschehen unterrichtet war. Zudem besaß er etwa 300.000 Bücher und konnte trotz der Menge aus dem Kopf sagen, ob er einen bestimmten Titel schon hatte oder nicht. “Stets dem Leben zugewandt” schien seine Devise zu sein.

Seine Abneigung, nostalgisch nach hinten zu schauen, verrieten auch im Alter den gebürtigen Hanseaten, der zupackt und jede Art von Jammern verabscheut. Eine gute Umgebung von Leuten, die nicht über Krankheit und über das Altern sprechen, sei wichtig, wie er in einem Interview mit dem “Zeit Magazin” sagte. Er kenne niemanden aus seiner Generation und finde diese Leute entsetzlich.

Der Wahlpariser stammte aus Hamburg. Sein Vater Otto Lagerfeld war ein wohlhabender Dosenmilchfabrikant, seine Mutter Elisabeth eine Landratstochter aus dem Münsterland. Zeitweise lebte die Familie in Bad Bramstedt, wo der Vater in den 1930er-Jahren das Gut Bissenmoor erworben hatte. Lagerfelds künstlerische Begabung wurde von seiner Mutter gefördert, die ihm auch riet, als junger Mann nach Paris zu gehen.

Mitte der 1950er-Jahre gewann Lagerfeld in Paris einen Preis im Wettbewerb der Internationalen Wollsekretariats (IWS) für ein Mantelmodell und bekam daraufhin eine Stelle bei Pierre Balmain. Bald war er für verschiedene Modehäuser tätig. Der mit ihm befreundete Yves Saint Laurent wurde in den 1970er-Jahren sein größter Konkurrent. Doch als der geniale Saint Laurent schon den Zenit seiner Karriere überschritten hatte, begann Lagerfelds rasanter Aufstieg erst. Die Umgestaltung der Traditionsmarke Chanel zu einem modernen Luxuslabel geriet dem Deutschen zu einem Meisterstück.

Dem Erbe Coco Chanels blieb er treu, doch übersetzte er die kragenlosen Jacken neu, brachte den typischen Tweedstoff mal zerfranst, mal mit Bändern durchwirkt heraus, entwarf Motorradjacken mit Rautenmuster a la Chanel, fügte Bikerstiefel hinzu oder kombinierte Haute-Couture-Kleider zu Sneakers. Auch bei der Wahl der Orte für seine Schauen bewies er eine glückliche Hand. So bildete im Herbst 2017 die Hamburger Elbphilharmonie die Kulisse. Topstars wie Kristen Stewart unter Tilda Swinton waren unter den Besuchern.

Zuletzt fehlte der Stardesigner auf der Chanel-Show in Paris. Statt wie üblich am Ende der Schau aufzutreten und sich für seine Kreationen feiern zu lassen, hieß es von Chanel im Jänner, Lagerfeld habe sich müde gefühlt. Eine Premiere. Bereits bei der Show im Herbst gab es Spekulationen: Lagerfeld blieb damals außergewöhnlich lange auf dem Laufsteg, um den Applaus entgegenzunehmen. Ausnahmsweise war auch die Wertheimer-Familie gekommen, die Eigentümer von Chanel, um dem Chefdesigner zu gratulieren. Einige werteten dies als Abschied.

Lagerfeld arbeitete immer mit eiserner Disziplin, sah seine Tätigkeit jedoch nicht als Pflicht, sondern als Spaß an. Der Fabrikantensohn wollte selbst nie ein eigenes Unternehmen besitzen. Er fürchtete, dadurch in seiner Freiheit zu sehr eingeschränkt zu werden. Diese Freiheit nutzte er für einen wohl kaum zu überbietenden schöpferischen Output. Auch im Alter behielt er sein Gespür für die kommenden Trends, die angesagteste Musik oder die neueste Technik.

Mit seinen “seismografischen” Fähigkeiten entdeckte er künftige Topmodels, machte Claudia Schiffer und später seine männliche Muse Baptiste Giabiconi zu Stars. Zuletzt verhalf er sogar einem Haustier zu Weltruhm. Lagerfelds Katze Choupette warb für Autos und Kosmetik und hatte über 49.000 Follower auf Twitter.

Man kann sicher sein, dass nach Lagerfelds Tod Choupette gut versorgt sein wird. Auch langjährige Mitarbeiter wollte Lagerfeld in seinem Nachlass bedacht haben. Niemand, der über Jahre für ihn tätig sei, solle je wieder mit einem anderen arbeiten müssen, sagte er in einem Interview. Am Ende entpuppte sich der selbst ernannte Egoist als Menschenfreund. In der Mode hinterlässt er eine kaum zu füllende Lücke. Ein Paris ohne Karl kann und mag man sich kaum vorstellen.

Der Designer Wolfgang Joop würdigte Lagerfeld als europäischen Brückenbauer. Lagerfeld sei “einer der ersten Europäer” gewesen, sagte Joop Medien. “Er ist mit 16 Jahren nach Paris gegangen und hat es geschafft, eine deutsch-französische Brücke zu schlagen und ist dadurch eine europäische Figur geworden”, betonte Joop. Lagerfeld habe sich selbst eine persönliche Disziplin auferlegt, “gerade im Kontrast zu seinem ehemals besten Freund Yves Saint Laurent, der sich den Gefühlen, Sehnsüchten und Drogen hingegeben hatte”, sagte Joop weiter. “Er war ein Über-Mensch, der so unendlich viel geschafft hat.”

Von: APA/dpa

Kommentare

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24 Kommentare auf "Modedesigner Karl Lagerfeld im Alter von 85 Jahren gestorben"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Tabernakel
1 Monat 6 Tage

Gesicherte Erkenntnis.

“Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren”
K.L:

m69
m69
Kinig
1 Monat 6 Tage

Tabernakel @

LOL, dann bin ich ja (fast) schon verloren.
In meiner Freizeit trage ich fast immer einen Trainingsanzug! 😂👌😘😅

Aber gleich. Scheiß drauf! 😜😎

tschonwehn
tschonwehn
Tratscher
1 Monat 6 Tage

So ein Schwachsinn.

Calimero
Calimero
Superredner
1 Monat 6 Tage

@ m69

Mit oder auch ohne Trainingshose fehlt dir vor allem eines,
Respekt.

Tabernakel
1 Monat 6 Tage

Es war nichts anderes zu erwarten.
In gewissen Kreisen nennt man die auch Schnellfi…rhosen.

falschauer
falschauer
Universalgelehrter
1 Monat 6 Tage

@Calimero

“Respekt ist die Tür zur Pleite. In der Mode muss man über Leichen gehen.

man muss das aus der perspektive von lagerfeld sehen, diese branche ist extrem hart und hat ihn geprägt

Paula
Paula
Grünschnabel
1 Monat 6 Tage

R.I.P. – es ist immer zu früh 😭

Tabernakel
1 Monat 6 Tage

Wer entscheidet das? Du?

fritzol
fritzol
Superredner
1 Monat 6 Tage

mit diesen alter nicht zu früh.viele erreichen es nicht

Calimero
Calimero
Superredner
1 Monat 6 Tage

Er war eine echte Stilikone, besonders imponiert hat mich immer seine Hamburger kühle Art.

tschonwehn
tschonwehn
Tratscher
1 Monat 6 Tage

….. die vor lauter Arroganz kaum zu übertreffen war.

m69
m69
Kinig
1 Monat 6 Tage

R.I.P.

PS. Ich denke mir, als Karl vor vielen Jahren nur mit Cola abgenommen hat, war das auch nicht gerade das gelbe vom Ei!

Tabernakel
1 Monat 6 Tage

Kein Ei sondern 110 Gramm Zucker im Liter. Und das hast Du geglaubt?

Lana77
Lana77
Superredner
1 Monat 6 Tage

“Mit den Alter trifft die Hebamme kuane Schuld”
Er hot a longes, af seine Weise, erfülltes Lebn kopp und an Beruf dear ihm getaug hot. Wos will uaner mear.

falschauer
falschauer
Universalgelehrter
1 Monat 6 Tage

auch das ist karl lagerfeld:
der modemagnat provozierte gern…. meist ging es um mode, promis, ästhetik… im vergangenen jahr äußerte sich lagerfeld politisch…. über bundeskanzlerin angela merkel sagte lagerfeld, er „hasse“ sie, weil sie 2015 nicht die grenzen für flüchtlinge nicht geschlossen habe…. wegen ihr säßen nun „100 neonazis im parlament“ – er meinte die abgeordneten der AfD…..

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
1 Monat 6 Tage

falschauer
Ja, er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen. Bewundernswert. 👍😁

Targa
Targa
Tratscher
1 Monat 6 Tage

Ruhe in Frieden, Herr Karl Lagerfeld. Wir haben einen ganz Großen von der Modebranche verloren und einen Prominenten OHNE Skandale!😪💐👃

falschauer
falschauer
Universalgelehrter
1 Monat 6 Tage

eine ikone der houte couture ist gegangen….er möge in frieden ruhen

knoflheiner
knoflheiner
Universalgelehrter
1 Monat 6 Tage

 ruhe in frieden

Knut
Knut
Tratscher
1 Monat 6 Tage

RIP Karl der Große

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 6 Tage

Sicherlich a Legende dei speziell in seinem Genre nie vergessen werden wird.

Was will man mehr als sein Hobby zum Beruf zu machen, und dabei auch noch kommertiell Erfolg haben.

Bella Bionda
Bella Bionda
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Die Institution KL ist leider von uns gegangen, aber ich hoffe sehr, dass die Shows und auch die Marke in seinem Sinne weiter geführt werden wie es Donatella Versace auch geschafft hat.

Schneewittchen
Schneewittchen
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Die Welt braucht Menschen, die herrausstechen, schade dass Sie einen davon verloren hat

Targa
Targa
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Wird nun auch bei Beileidsbekundungen MINUS gedrückt?!

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