Erst im Dezember kam "mea culpa", nun "Vernissage My Heart"

Nachschlag von Bilderbuch mit “Vernissage My Heart”

Dienstag, 19. Februar 2019 | 10:50 Uhr

Viel Grund zur Freude für die stolzen Eltern: Nachdem im Dezember ohne große Ankündigung “mea culpa” das digitale Licht der Welt erblickte, schenkt Bilderbuch dieser Platte mit “Vernissage My Heart” nun ein Geschwisterchen. Ab 22. Februar sind beide Alben in sämtlichen Varianten – von Streaming bis Vinyl – erhältlich. Und man muss sagen: Sie sind eine schöne Bereicherung für die Familie.

Die Grundprämisse des noch jungen Vorgängers bleibt auch diesmal gültig. Die Indie-tauglichen Anfangstage oder das wild Zuckende einer “Maschin” wollen Maurice Ernst, Michael Krammer, Peter Horazdovsky und Philipp Scheibl nicht wiederbeleben. Es geht der in Kremsmünster gegründeten Band vielmehr um die Lust am Neuen, um das Überschreiten von Grenzen und das Zusammenführen der eigenen Vorlieben. Beispielsweise kommt kaum eine Bilderbuch-Nummer ohne ausgiebigem Gitarrensolo aus – aber eben nicht im typischen Rock’n’Roll-Stil, sondern gebeugt, gebrochen, neu ausgelotet.

Dabei gleicht der Beginn von “Vernissage My Heart” einem schelmischen Nicken in diese Richtung, wenn “Kids im Park” dröhnt, der Verzerrer strapaziert wird und Ernst festhält: “Wir wollen brennen wie die Superstars.” Breitbeiniger Rock in Ledermontur? Ja, das könnte Bilderbuch auch, nur scheut sich das Quartett aus gutem Grund vor Eindeutigkeit und abgehalfterten Zugängen. Stattdessen biegt man sofort in “Frisbeee” ab, dieser eingängigen Chillout-Nummer, die lockerflockige Sommertage heraufbeschwört und unverschämt gut nach den 90ern in neuer Bearbeitung klingt.

Spätestens bei “LED go”, der aktuellen Single mit dazugehörigem Billardkugeln-Spaß-Video, steht dann fest: Artifizieller Entdeckungsgeist und instrumentale Finesse geben sich Hand in Hand. Wirkte in dieser Hinsicht das 2015 veröffentlichte “Magic Life” manchmal eine Spur zu verkopft, hat Bilderbuch nun die richtige Balance gefunden. Es dürfen die Synthies fiepen, die Gitarren jaulen, die Beats knallen. Dazu grast Ernst das Lebensgefühl 2019 ab, kommt von Spaceship und Bitcoins zur Hitze der Stadt und “einer Freiheit nicht zu denken”.

Man könnte “mea culpa” auch als Übergang definieren, letztlich wird dank “Vernissage My Heart” nun vieles klarer: Diese insgesamt 17 Songs in gut 70 Minuten, verteilt auf zwei Platten, greifen ineinander, stellen Querverweise her und sind doch in ihrer Energie unterschiedlich geartet. Eben zwei Seiten einer Medaille. Die künstlerische Freiheit wird bis zum Äußersten ausgereizt, ohne in Beliebigkeit auszufransen. Ob das die Hits für eine neue Generation sind? Jedenfalls Songs mit dem Potenzial zum Nachwirken. Oder eben wie es im großen Abschluss “Europa 22” heißt: “Ein Leben ohne Grenzen.” Sicherlich nicht der schlechteste Gedanke in der heutigen Zeit.

Von Christoph Griessner/APA

INFO: “Vernissage My Heart” erscheint am 22. Februar, www.bilderbuch-musik.at

Von: apa