Italiener sind heikel, was das Römische Imperium betrifft

“Nero 2.0” – Roms neues Musical entsetzt Kritiker

Donnerstag, 08. Juni 2017 | 13:49 Uhr

Rom will mit einem “brennenden” Nero-Musical den umstrittenen Kaiser neu inszenieren – und über den Sommer massenweise Touristen locken. Doch die Stadt verpasst mit der “Kitsch-Oper” eine einmalige Chance.

Der Ort könnte spektakulärer kaum sein. Auf dem Palatin-Hügel mit Blick auf das Kolosseum steht eine riesige Bühne. Die Luft ist lau, ein sommerlicher Wind weht. Oscar-gekrönte Choreographen, Komponisten und Bühnenbildner sowie altbekannte italienische Regisseure und Produzenten haben mehr als zwei Jahre an einem pompösen Musical über den berüchtigtsten aller römischen Kaiser gearbeitet: Nero. “Divo Nerone – Opera Rock” – angekündigt als das “sensationellste Spektakel”, das Rom je gesehen hat – soll im Sommer massenweise Touristen anziehen. Kritiker jedoch schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Und die Nonnen, die unweit in einem Kloster wohnen, beklagten den Lärm.

“Unser Nero wird Euch überraschen”, sagte der künstlerische Leiter Ernesto Migliacci. “Er ist sehr verschieden zu dem Nero, über den man in den Geschichtsbüchern liest. Er ist eine Art Nero 2.0. Er ist ein sehr zeitgenössischer Charakter.” Nero sei vom Volk verehrt, von anderen Politikern verachtet worden. Was genau er mit dem Nero 2.0 gemeint haben mag, blieb auch nach der ersten Aufführung unklar. Der Regisseur Gino Landi fügte hinzu: “Das Publikum dürstet es nach Persönlichkeiten und nach außergewöhnlichen Orten wie diesem.”

Die Musik soll an Größen wie Queen und die Pet Shop Boys erinnern, bleibt aber weit hinter dem Anspruch zurück. Das Bühnenbild und die Kostüme sind wenig einfallsreich. Die Kritiken sind entsprechend vernichtend. Von einer “Katastrophe” und einer “Trash-Oper” schreibt das Musikmagazin “Rolling Stone”.

Um Touristen aus aller Welt anzuziehen, wird das “brennendste Musical der Geschichte” fünf Mal pro Woche in Englisch und einmal auf Italienisch aufgeführt. “Während Nero mit seiner weißen Tunika tanzt und auf eine zahlende chinesische Kundschaft hofft, bleibt dem alten Rom sein eigener Glanz – und das würde reichen”, schreibt die Zeitung “Repubblica”.

Schon im Vorfeld hatte das Musical Kontroversen ausgelöst. Moniert wurde die monströse Bühne inmitten der archäologischen Schätze Roms. “Die Kaiserforen als Bühne für Blockbuster-Shows? Authentische Archäologie als Hintergrund für ein Kitsch-Musical über Nero? Eine schlimme Idee”, erklärte der Kunsthistoriker Tomaso Montanari in “La Repubblica”.

Zwar rechtfertigen sich die Macher damit, dass der Ort, an dem die Bühne mit ihren mehr als 3.000 Zuschauerplätzen steht, normalerweise “verwaist” sei und dass man mit allen zuständigen Behörden der Stadt intensiv zusammengearbeitet habe. Doch die Frage bleibt, ob an solch einem Ort für so viel Geld (angeblich hat auch die Region Latium eine Million Euro zugeschossen) nicht ein anspruchsvolleres Werk hätte aufgeführt werden können. Es hätte ein Zeichen setzen können, dass sich Rom nicht nur auf seinen tausende Jahre alten Schätzen ausruht, sondern kulturell auf der Höhe der Zeit ist. Und dass man Touristen nicht nur als Geldbeutel wertschätzt, sondern auch als Menschen mit kulturellem Geschmack. Unterhaltsam mag das Stück ja sein, aber reicht das?

Eine verschenkte Chance ist es auch, weil Nero (37-68 nach Christus) zwar im Volksglauben als Brandstifter von Rom und als tyrannischer Herrscher bekannt ist. Die Geschichtsschreibung hat aber zuletzt Versuche unternommen, ihn in einem anderen Licht darzustellen. Abgesehen davon war der Kaiser selbst ein passionierter Schauspieler – fraglich ist, ob er das Nero-Musical wertgeschätzt hätte.

Das italienische Kulturministerium und die römische Kulturaufsichtsbehörde unterstützten das Spektakel jedenfalls. Denn Italien versucht seit langem, mit Hilfe privater Investoren seine unzähligen Kulturschätze zu bewahren. Zu oft würden konservatorische Gründe vorgeschoben, um wertvolle Stätten für das Publikum abzusperren, schrieb Francesco Prosperetti, Roms oberster Archäologie-Beauftragter, im “Corriere della Sera”. “Aber sie sollten Teil unseres täglichen Lebens sein. Deshalb dachte ich, (…) ein Musical sei nicht frevelhaft.” Auffällig: Nach der Premiere hörte man kaum Stimmen von offizieller Seite.

Von: APA/dpa

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