Die Schauspielerin singt auf Englisch und Französisch

Neues Album der vielseitigen Charlotte Gainsbourg

Dienstag, 14. November 2017 | 12:50 Uhr

Soll sie Englisch singen oder Französisch? Charlotte Gainsbourg empfindet das als Entscheidung über Nähe und Distanz. “Ich fühle, dass die Sprache einen großen Unterschied macht”, so die französische Künstlerin. Sie sitzt in Jeansjacke auf dem Sofa einer Berliner Hotel-Suite. Die Sprache habe etwas mit Intimität zu tun. Mit Gefühlen. Manchmal möchte die 46-Jährige sie zulassen. Manchmal verbergen.

Das passt: Mal wirkt sie schmal und in sich gekehrt, wie sie fast abwesend in die stufig geschnittenen, dunklen Haare fasst. Doch plötzlich bricht ein Strahlen aus ihr heraus, ein glückliches Lächeln, etwa wenn sie über ihre drei Kinder mit ihrem Lebensgefährten Yvan Attal spricht. Diese Frau besitzt offenbar mehr Energie, als man im ersten Augenblick denkt.

Die Schauspielerin und Sängerin, Tochter der französischen Künstlerlegende Serge Gainsbourg (1928-1991) und des britischen Stars Jane Birkin (Duett: “Je t’aime”), spricht beide Sprachen. Auf ihrem neuen Album “Rest”, das am Freitag erscheint, singt sie oft Französisch. Oder sie wechselt innerhalb eines Liedes von einer in die andere. So wie in den ersten zwei Songs “Ring-a-Ring O’Roses” und “Lying with You” mit vielen hingehauchten Passagen in ihrer typisch sanften Stimme.

“Englisch erzeugt weniger Resonanz in mir. Es ist mir nicht so nah”, erzählt sie in Berlin. “Das Französische hat etwas Wahres, ist so intim, dass ich verletzlicher bin, wenn ich in Französisch singe.” Gainsbourg macht mit einer Reihe von Interviews gerade Werbung für das Album mit elf Songs. Schauspielerin zu sein, sei zwar ihr Hauptberuf: Zur eindrucksvollen Filmliste gehören der Horror-Thriller “Antichrist” und die sexuelle Lebensstory “Nymphomaniac”. Aktuell ist sie in einer Nebenrolle im Krimi “Schneemann” zu sehen. Mit ganzer Person einsetzen tue sie sich allerdings eher für die Musik. Beim Dreh sei schließlich der Regisseur der Bestimmer, nicht sie.

Zwischen den CDs liegen dabei oft lange Pausen. “Für dieses Album brauchte ich vier Jahre, damit es Wirklichkeit wurde. Drei Jahre dauerte der Aufnahmeprozess”, beschreibt sie ihre Arbeitsweise. “Ich bin ein langsamer Mensch. Mit meinen eigenen Projekten bin ich oft zögerlich, ich bin abgelenkt.”

Dabei sucht und findet die Künstlerin stets andere Größen, die sie unterstützen. Am Anfang ihrer Karriere als Teenager hatte das Skandal-Duett “Lemon Incest” mit ihrem Vater Serge gestanden – samt Video, in dem beide leicht bekleidet auf der Matratze liegen. Auf ihr erstes Album “Charlotte for ever” (1986) folgte eine zwei Jahrzehnte lange musikalische Stille. Der Tod des Lebemanns Gainsbourg 1991, der fast alle Songs für sie geschrieben hatte, ließ die Tochter zweifeln, ob sie je wieder singen wollte.

Dann erschien 2006 das Popalbum “5:55”, der Titel meint die frühe Uhrzeit, als Anspielung auf schlaflose Nächte. Texte und Kompositionen stammten etwa von Pulp-Sänger Jarvis Cocker und der französischen Band Air. Für “IRM” (2009) arbeitete die Sängerin eng zusammen mit US-Star Beck.

Für “Rest” konnte Gainsbourg unter anderem Guy-Manuel de Homem-Christo von Daft Punk und den französischen Elektro-Musiker SebastiAn gewinnen. Ein Lied, “Songbird in a Cage”, hat Paul McCartney geschrieben. Der Brite habe ihr den “kleinen Schatz” schon vor Jahren geschenkt. Doch da kein Projekt in Arbeit war, musste das Stück des Ex-Beatles warten bis zur neuen Produktion in New York.

Dorthin ging Charlotte Gainsbourg mit ihrer Familie, nachdem ihre Halbschwester Kate Ende 2013 durch einem Fenstersturz gestorben war. Die Sängerin wollte so ihre Trauer bewältigen. “Ich hatte das Gefühl, dass ich in Paris, in Frankreich, untergehe”, sagt sie.

Bis auf den McCartney-Song hat sie diesmal ihre Texte selbst geschrieben – “zum ersten Mal”, erzählt sie stolz. “Es sind sehr persönliche Stücke, auch über den Tod meiner Schwester.” So handelt “Les Oxalis” vom Gang zum Friedhof. Dabei habe sie für ihre “kleine Stimme” als Kontrast bewusst oft kühle Elektronik und auch härtere Beats gewählt. “Ich finde, dass man zum Friedhofslied auch gut tanzen kann”, sagt sie. Das Widersprüchliche, das sei genau ihre Absicht. Oder noch direkter: “Das bin ich, ohne Filter.”

Von: APA/dpa

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