Günter Brus erzählt "Von nirgendwo her bis irgendwo hin"

Neues Buch von Günter Brus

Donnerstag, 01. Februar 2018 | 12:20 Uhr

“Passen Sie auf Ihre Gattin auf, denn ich bin zum Frauenmörder begabt, Sie Dreckschwein!” Was Günter Brus als “Ein Drohbrief” an einen Nachbarn schreibt, möchte man nicht im Briefkasten finden. Er schließt mit einem Vierzeiler ab: “Rigorose Beleidigungen machen einen Riesenspaß / Zorn auszuüben ist furchtbar angenehm / Man fröne allzeit dem Menschenhaß / Die Streitaxtklinge ist schärfer außerdem”.

Exakt zum Start seiner großen Retrospektive im 21er-Haus erscheint bei Jung und Jung ein neues Buch des vielseitigen steirischen Künstlers, der als Aktionist die Grenzen von Körper und Kunst buchstäblich bis zum Zerreißen ausgelotet, als Bilddichter Wort und Bild verschmolzen und als Autor in vielen Büchern Genauigkeit in der Beobachtung und Freiheit in der Sprachbehandlung bewiesen hat. “Von nirgendwo her bis irgendwo hin” versammelt nun über achtzig kurze Geschichten, die mit pointierten Gedichten enden, und streut dazwischen etwas über zwei Dutzend Zeichnungen ein.

Die Texte vereinen sich zu einem Kompendium der Alltagsphänomene und zu einem Kaleidoskop der menschlichen Unzulänglichkeiten. Sie beschäftigen sich mit der “Petersburger Hängung”, mit der Oper, mit Roman und Romantik ebenso wie mit dem “täglichen Überleben”, “Mythen und Mysterien” oder “Katastrophen und Skandalen” (“Die Welt besteht nur aus Katastrophen und Skandalen. Finden einmal keine statt, so langweilen sich die Erdbürger zu Tode.”).

In der ebenso willkürlichen Auswahl wie ihrer enzyklopädischen Zusammenstellung erinnern die Texte an Karl Ove Knausgards Jahreszeiten-Projekt. Während der norwegische Literaturstar jedoch mit Bierernst, Akribie und nicht selten unfreiwilliger Komik naiv wie ein Kind die simpelsten Dinge hinterfragt und seziert, sprengt Brus die Welt als Konglomerat aus Wille und Wahrnehmung mit anarchischer Lust in die Luft. Er mischt Sinn und Hintersinn, Gier und Neugier, Ernst und Unernst, Moral und Unmoral. Er hinterfragt Gewissheiten, zerpflückt Idyllen und macht sich über alles lustig. Auch über sich selbst. Es ist eine ebenso fröhliche wie bösartige Weltaneignung, die Knausgard als trockenen, peniblen Buchhalter wirken lässt. Dieser möchte die Welt zu fassen bekommen. Brus weiß, dass das nicht möglich ist.

Nicht nur ewig Gültiges über den Menschen (“Der Mensch lebt dauernd in Störungszonen.”) findet sich in dem Buch, sondern auch scheinbar aktuelle Zeitkommentare – vom “Stammtisch” bis zu den “Germanen”. Und passend zu den in wenigen Tagen beginnenden Olympischen Spielen heißt es etwa zur “Rekordsucht”: “Am schnellsten lief der gestiefelte Kater / Er brach alle Rekorde, lief allen davon / Die Dopingmittel vererbte ihm sein Vater / Ein Verwandter vom gestiefelten Chamäleon”. Brus, dem Meister des künstlerischen Mehrkampfs, dem Freigeist aller Klassen, gebührt die Goldmedaille. Auch zur “Preisverleihung” hat Brus eine Anmerkung: “Höchstpreise erzielt man meist dann, wenn man auf eine Preisverleihung verzichten kann.”

(S E R V I C E – Günter Brus: “Von nirgendwo her bis irgendwo hin”, Jung und Jung, 148 Seiten, mit 28 Illustrationen des Autors, 20 Euro)

Von: apa