Hart trifft auf zart - so ist Soap&Skin

Nicht greifbar und dennoch ganz nah: Soap&Skin in Wien

Dienstag, 04. Oktober 2016 | 10:51 Uhr

Das Wetter hat sich offenbar extra für diesen Anlass umgestellt: Dunkle Wolken beherrschten den Himmel, Windböen zerzausten die Haare der wartenden Schar, als man sich Montagabend vor dem Wiener Konzerthaus versammelte. Grund war ein Auftritt von Soap&Skin, dieser nicht wirklich greifbaren österreichischen Künstlerin zwischen Avantgarde und Pop. Und neuerlich untermauerte sie diesen Eindruck.

Die Stimmung im großen Saal des Hauses war geradezu feierlich, als mit wenigen Minuten Verspätung das neunköpfige Ensemble die Bühne betrat und schließlich Anja Plaschg folgte. Kurz der Blick ins Publikum, ein kaum hörbares “Hallo” und schon griff sie in die Tasten ihres Klaviers, spielte eine melancholische Melodie über elektronische Beats, die sie mittels Laptop steuerte, und ließ dabei Zartes auf Hartes treffen. Als der erste Song “Tybalt” verklungen war, schienen sich die Anwesenden nicht sicher, was nun zu passieren hatte: Applaus? Oder kommt noch etwas?

Im Popzirkus mag so eine Situation etwas eigenartig anmuten, im Falle von Plaschg hat das aber durchaus seine Berechtigung. Seit die gebürtige Steirerin vor knapp sieben Jahren als Soap&Skin ihr Langspieldebüt “Lovetune for Vacuum” vorgelegt hat, sitzt sie weit außerhalb jeglicher Genregrenzen, kann mit den üblichen Zuschreibungen kaum erfasst werden und unterwirft sich nicht den traditionellen Mechanismen der Musikindustrie. Gefeiert im In- wie Ausland, ließ sie drei Jahre vergehen, bis sie mit “Narrow” einen Zweitling nachschob, ein Minialbum von nicht einmal einer halben Stunde Länge, aber mit großer Wirkung.

Seitdem folgten vereinzelt neue Songs, gab es immer wieder Theater- und Filmarbeiten – jüngst etwa die Mitwirkung an Ruth Beckermanns “Die Geträumten” über den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan – sowie Auftritte, die in erster Linie durch Intensität, Eigentümlichkeit und krasse Gegensätze zu begeistern wussten. Das war auch diesesmal der Fall: In ziemlich genau zwei Stunden pflügte Plaschg durch ihr gesamtes Oeuvre, erzeugte in Kombination mit Streichern, Bläsern und Orgel eindringliche Klangbilder, überlagerte sich Analoges mit Digitalem und wurde man ganz nah an diese Künstlerin herangeholt.

Gerades letztgenannter Aspekt hat durchaus einen beklemmenden Beigeschmack. Zwar mag der Output von Soap&Skin aufgrund der teils sperrigen Grundausrichtung abweisend erscheinen, muss man sich diese Songs vielfach erst erarbeiten. Allerdings wird hier immer wieder sehr viel preisgegeben, was vor allem im Live-Kontext schmerzlich vor Augen geführt wird: So etwa beim Song “Vater”, den Plaschg für ihren verstorbenen Vater geschrieben hat. Zweimal musste sich das intensive Stück, ihr einziges bisher in deutscher Sprache, abbrechen. Als beim zweiten Mal Applaus aufbrandete, schüttelte sie beinahe ungläubig den Kopf in Richtung Publikum, formte die Worte “Come on!”. Ihr Anspruch ist ein anderer, ihr Anspruch ist keinesfalls Lorbeeren für etwas nicht Vollständiges entgegenzunehmen. Und so vollendete sie das Stück auch.

Bis dahin hatten vielfach die ruhigeren Nummern die Oberhand, gab es mit dem Cover “Voyage Voyage” eine ihrer schönsten Interpretationen zu erleben und konnte man bei “Thanatos” erahnen, was später noch folgen sollte. Denn spätestens, als ihre Schwester Evelyn ans Klavier wechselte und Anja Plaschg für die Robert-Johnson-Nummer “Me And The Devil” an die Bühnenfront ging, wurde aus der bis dahin reduzierten Inszenierung ein ganz großer Abend. Mal gänzlich im Dunklen, dann wieder mit einer einfachen, aber effektiven Lichtshow versehen, ertönten Stücke wie “Marche Funebre” wie von einer anderen Welt. Schreie, Duelle zwischen Streichern und knarzenden Beats, unvermittelte Ruhe und plötzliche Ausbrüche: Die ganze Palette wurde hier aufgefahren, Soundschichten aufgetürmt und wieder zum Einsturz gebracht.

Es verwunderte nicht, dass Plaschg bei der vorletzten Nummer “Boat Turns Toward The Port” ihrer Darbietung Tribut zollen musste. Nach wenigen Takten versagte ihr die Stimme, machte sie die entsprechende Handbewegung beinahe entschuldigend und verließ unter lautem Jubel die Bühne. Noch ein letztes Mal trat sie danach in den Scheinwerfer, setzte sich an die Orgel und gab die Instrumentalnummer “Falling” zum Besten. Fallen lassen bleibt abschließend wohl auch als beste Beschreibung dieses Abends: Eine Künstlerin, die sich ganz fallen lässt, ganz aufgeht in ihrer Musik. Und auch als Hörer konnte man nicht anders, als sich einhüllen lassen von den Sounds, von Skizzenhaftem, von aufwendig ausarrangierten Momenten. Vergleichbares wird man nach wie vor nur schwer entdecken.

Von Christoph Griessner/APA

Von: apa