Nick Cave mehr Poet als Sänger

Nick Cave wird 60 Jahre alt

Freitag, 22. September 2017 | 09:49 Uhr

Seine Konzerte gleichen einer Messe. Der Australier Nick Cave ist Rock-Messias und Demiurg in einer Person, der sich nach Erlösung sehnt, die ihm aber doch immer verwehrt bleibt. Ein schwarzer Romantiker und charismatischer Schmerzensmann – am Freitag wird er 60 Jahre alt. Ende der 70er Jahre begann Nick Caves Karriere mit seiner College-Band Boys Next Door in den Pubs von Melbourne.

Besonders aufregend klang die von einer Punk-Attitüde beseelte Musik noch nicht, was sich aber bald ändern sollte. Aus den Boys Next Door ging 1981 schließlich die Post-Punk-Band Birthday Party hervor, die ein bis dahin ungehörtes Inferno entfesseln sollte. Mit ihrem kompromisslosen und wüsten Sound gingen Nick Cave, Mick Harvey (g), Rowland S. Howard (g), Phil Calvert (dr) und Tracy Pew (b) an die Grenze des Machbaren und wurden mit ihren Alben “Prayers on Fire” und “Junkyard” eine der härtesten Bands der Welt.

In seinen Texten leuchtete Nick Cave die dunklen Kammern der menschlichen Seele aus und bevölkerte seine eigene Hölle mit Psychopathen, Außenseitern und Ausgestoßenen. Liebe, Schmerz und Tod. Viel zu früh löste sich die Band bereits 1983 wieder auf und Nick Cave gründete The Bad Seeds – Berlin wurde zeitweilig die zweite Heimat des damals schwer Drogenabhängigen, der seine Sucht inzwischen längst überwunden hat.

Ruhiger und weniger düster, morbid und brachial ist Caves Musik im Laufe der Jahre geworden. Die Welt sei schlecht genug, hasserfüllte Musik mache sie nicht besser, sagte Nicholas Edward Cave. Deswegen pflegt und kultiviert er beharrlich den Stil eines Leonard Cohen – voll anmutiger Trauer. Als Teenager saß Nick einst oft tagelang in seinem abgedunkelten Zimmer und litt zur Musik des kanadischen Poeten.

Nick Cave veränderte sich, wandelte “sich vom übergeschnappten Hexendoktor des australischen Rock zum liebeskranken Schmelzsänger von unerwarteter Zärtlichkeit” (“Rock-Lexikon”). 1995 hatte Nick Cave gar in etlichen Ländern der Welt einen Hit, als er mit Pop-Prinzessin Kylie Minogue, deren Karriere damals ziemlich brach lag, die sehnsuchtsvolle Mörderballade “Where The Wild Roses Grow” sang.

Aus dem Wüterich wurde schließlich ein Crooner. Der britische Comedian Sean Hughes, der für seinen schwarzen Humor bekannt ist , brachte es auf den Punkt: “Er ist unser Frank Sinatra. Denn es ist einfach so, dass er meine Sprache spricht, er redet über die Dinge, die ich hören will und er hat eine tolle Stimme.”

Ein Rockstar im eigentlichen Sinne ist der von seinen Fans und Jüngern tief verehrte Nick Cave allerdings nie geworden. Eher schon eine Ikone – ein Seher. Im Grunde seines Herzens ist Nick Cave mehr Poet als Musiker. Das schlug sich vor allem in “Und die Eselin sah den Engel” nieder, ein Buch “voller pechschwarzer Ironie und perverser Melodramatik” (“NME”), das sich im Stil an die Bibel anlehnte. Sein zweiter Roman “Der Tod des Bunny Monroe” entpuppte sich dagegen mehr als Ausgeburt schlüpfriger Männerfantasien.

Daneben trat der so gut wie nie lächelnde Ausnahmekünstler und begnadete Selbstdarsteller u.a. im Wim Wenders Film “Der Himmel über Berlin” auf, glänzte als Drehbuchautor (“Lawless”) und schrieb zahlreiche Filmmusiken mit seinem Bad-Seeds-Mitstreiter Warren Ellis. Entstanden sind dabei elegische Meisterwerke, die düster, bedrohlich, trostlos und ein wenig morbid klingen.

In einen Alptraum aber verwandelte sich das Leben Nick Caves, als sein 15-jähriger Sohn 2015 bei einem Sturz von Klippen in Südengland tödlich verunglückte. “Die Menschen sagen, er lebt im Herzen weiter”, sagte Cave in der Dokumentation “One More Time With Feeling”. “Er ist in meinem Herzen, aber er lebt da nicht. Er lebt nicht mehr.”

Aber irgendwie muss es weitergehen: Am 1. November ist Nick Cave mit den Bad Seeds in der Wiener Stadthalle zu sehen und zu hören.

Von: APA/dpa

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