Auf den Spuren von Filmregisseur Haneke

Oeuvre auf Bibelpapier: Hanekes gesammelte Drehbücher

Dienstag, 08. Januar 2019 | 10:44 Uhr

Ein Oeuvre auf 1.328 Seiten Bibelpapier – welches Material würde besser zu einem Kompendium des vollständigen Kinoschaffens von Michael Haneke passen?! Unter dem lakonischen Titel “Die Drehbücher” hat Österreichs Starregisseur nun seine schriftlichen Arbeitsvorlagen für die filmischen Hochämter der emotionalen Kälte und Distanz zwischen den Menschen versammelt.

Schnörkel-, bild- und vorwortlos kommt das Opus Magnum daher, reiht die selten mehr als 70 Seiten umfassenden Prosawerke umstandslos aneinander und dient somit Freunden, Wissenschaftern und Fans als unersetzliche Quelle für die Analyse des Haneke-Kosmos. Die Scripts für cineastische Klassiker wie “Die Klavierspielerin”, “Das weiße Band” oder “Liebe” erlauben den Tiefenscan der Gewalt, ohne als Betrachter vom unweigerlichen Fortschreiten der filmischen Erzählung getrieben zu sein.

Hanekes private Porträts, die ohne dezidierte politische Marksteine doch zu Porträts einer Gesellschaft im moralischen Grenzgang werden, entfalten auch in der niedergeschriebenen Version ihre Qualitäten, auch wenn nur wenige Leser diesen Haneke am Nachtisch platzieren dürften. Vielmehr erlaubt das Monumentalwerk einen Überblick über 13 Kinoarbeiten des europäischen Autorenfilmers – der seit seinem Debüt “Der siebente Kontinent” 1989 auf immerhin 14 Langspielfilme zurückblicken kann. Einzig das Bild für Bild getreue Remake “Funny Games US” aus 2007 hat Haneke aus verständlichen Gründen keines Abdrucks gewürdigt. Zum temporären Hörbuch mutieren “Die Drehbücher” dann am 16. und 17. Jänner, wenn Haneke in Frankfurt respektive Berlin aus seinem neuen Werk liest.

INFO: Michael Haneke: “Die Drehbücher”, Verlag Hoffmann und Campe, 1.328 Seiten, 55,60 Euro

Von: apa