Monika Willi bei der Weltpremiere von "Tár" in New York 2022

Oscar-Kandidatin Willi bekommt keine Komödien angeboten

Dienstag, 28. Februar 2023 | 08:40 Uhr

Am 12. März wird es für Monika Willi ernst. Österreichs renommierteste Editorin ist für den Schnitt von Todd Fields “Tár” oscarnominiert und kann im Hollywoodolymp des Dolby Theatres auf eine der Goldstatuetten hoffen. Zuvor sprach die 54-Jährige mit der APA über die Einsamkeit im Schnittraum und die Fragen, weshalb sie keine Komödien angeboten bekommt und ob sie sich als Academy-Mitglied selbst gewählt hat.

APA: Sie erscheinen nicht per se als Mensch, der sich über die Prominenz im Zuge einer Oscar-Nominierung freut. Sind Sie froh, wenn das Rampenlicht wieder aus ist?

Monika Willi: Das kann man so sagen. Wir im Team haben uns alle über die sechs Nominierungen für “Tár” gefreut, aber die viele Aufmerksamkeit ist für mich sehr fordernd. Das muss man mögen. Und man braucht dazu viele Skills, die nicht zu meinen Kernkompetenzen gehören.

APA: Sie waren auch vor der Oscar-Nominierung Österreichs bekannteste Editorin, und doch konnten Sie sich wohl stets unbehelligt im Supermarkt bewegen. Im angelsächsischen Raum sind Editoren hingegen deutlich prominenter. Woran liegt das?

Willi: Im Supermarkt kann ich mich immer noch unerkannt bewegen. (lacht) Aber es stimmt, dass die Bedeutung des Schnitts im angelsächsischen Bereich eher erkannt wird. In US-Kritiken wird der Editor immer genannt, bei uns nicht. Aber ich weiß letztlich auch nicht warum. Es ist eine gewachsene Tradition.

APA: Sie stehen als Editorin immer ein wenig außerhalb des eigentlichen Filmteams, arbeiten alleine oder eben mit dem Filmemacher, der Filmemacherin zusammen. Wie geht es Ihnen mit dieser einsamen Position?

Willi: Die Einsamkeit muss man mögen, wenn man diesen Beruf wählt. Man muss aushalten, in Kommunikation mit dem Material, aber nicht mit Menschen zu stehen. Denn es ist letztlich vorteilhaft, wenn man möglichst wenig vom Drumherum weiß und nicht vor Ort ist. Stimmungen, Spannungen und Konflikte am Set beeinflussen einen dann nicht in der Beurteilung des Materials.

APA: Sie haben mit Regisseuren wie Michael Haneke, Ulrich Seidl, Barbara Albert oder jetzt Todd Field gearbeitet. Sehen Sie selbst einen Roten Faden in ihrem Œuvre?

Willi: Der Rote Faden ist sicher, dass ich immer im klassischen europäischen Arthousebereich arbeite. Und ich arbeite oft an Stoffen, die schwierig im Umgang erscheinen. Ich habe eine liebe Kollegin, die oft zu mir meint, dass sie depressiv werden würde, wenn sie meine Filme schneiden müsste, weil sie die tagtägliche Auseinandersetzung mit den Themen nicht aushalten würde. Aber die Güte des Materials macht mich glücklich! Kunst hat den großen Sinn, dass wir uns mit uns und der Welt auseinandersetzen – und dazu gehören auch viele Abgründe. Mich würde es umgedreht unglücklich machen, eine noch so lustige Komödie zu schneiden, wenn die Schauspieler nicht gut sind.

APA: Wählen Sie Ihre Projekte nach dieser “schweren Thematik”, oder werden Sie für Komödien einfach nicht angefragt?

Willi: Ich bekomme tatsächlich keine Angebote für das Komödienfach. Und ich habe deshalb mit “Contact High” von Michael Glawogger bisher auch nur eine Komödie geschnitten. Dabei finde ich, dass Komödien zum Allerschwierigsten gehören, was den Schnitt betrifft. Die Pausen richtig zu setzen, was beim Lachen extrem wichtig ist, das gehört zum Komplexesten in unserem Fach. Deshalb würde es mich absolut reizen, einmal eine Komödie zu schneiden.

APA: Wie individuell gehen Sie an ein Projekt heran? Wie stark ist Ihre eigene Schnittsprache, wie sehr stellen Sie sich auf das Gegenüber ein?

Willi: Wir arbeiten im Schnitt ja mit bestehendem Material – und das definiert das Tempo und den Grundrhythmus. Ich versuche also nicht, einem Film von außen einen Stempel aufzudrücken. Aber ich habe es gerne klar, scharf gesetzt. Sich wirklich auf das Material einzulassen, dass ist das Allerwichtigste. Man muss wissen, aus welcher Perspektive man etwas erzählen möchte – das ist letztlich die große Entscheidung.

APA: Es gibt Regisseure wie Haneke oder jetzt Field, die stets im Schnittraum mit dabei sind. Andere geben Ihnen da mehr Freiheiten. Welche Variante zu arbeiten bevorzugen Sie?

Willi: Da muss ich flexibel sein – denn da sind die Arbeitsweisen der Regisseure und Regisseurinnen zu unterschiedlich. Ich kann es total verstehen, wenn jemand beim ganzen Prozess dabei sein will. Einer Editorin die Entscheidung zu überlassen, welchen Take man nimmt – das ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis, den manche einem geben. Ich weiß nicht, ob ich – wäre ich Regisseurin – das jemand anderem überlassen würde. Man muss im Endeffekt gut miteinander können, denn es ist schon ein sehr intimer und langer Prozess. Todd Field und ich sind sieben Monate sieben Tage die Woche an “Tár” gesessen.

APA: Wie gehen Sie mit dem Dilemma um, dass Sie ein Werk im Arbeitsprozess schnell besser kennen als alle anderen und zugleich für ein Publikum arbeiten, das den Film meist zum ersten Mal sehen wird?

Willi: Szenen tagtäglich so zu sehen, als würde man sie das erste Mal sehen, das gehört zu den wesentlichen Fähigkeiten für eine Editorin. Früher habe ich mir manchmal gedacht, ich muss ein bisschen blöd sein, weil ich eine Sequenz zum hundertsten Mal anschauen kann, als würde ich sie nicht kennen – bis ich draufgekommen bin, dass das ein Talent ist! Aber das gelingt natürlich nicht jeden Tag.

APA: Legen Sie persönlich beim Schnitt mehr den Fokus auf die Narration oder auf Fragen des Bildrhythmus, der Bildsprache?

Willi: Es gehört zu den Qualitäten guter Regisseurinnen und Regisseure, wenn sie verstehen, was im Schnitt notwendig ist. Konflikte im Schnittraum gibt es dann, wenn die Bildsprache und die Narration nicht korrelieren.

APA: Hängt das auch mit der gestiegenen Menge an Material zusammen, mit der Sie im Schnittraum konfrontiert sind?

Willi: Das ist eine Entwicklung infolge des digitalen Drehs – das Material kostet weniger. Bei manchen Produktionen wird unglaublich viel gedreht, aber es gibt keine entsprechende Schnittzeit. Der Luxus bei einer Produktion wie “Tár” besteht deshalb vor allem aus einem: Zeit.

APA: Wäre “Tár” der Film, für den Sie sich selbst in Ihrem Œuvre den Oscar geben würden?

Willi: Ich gebe mir keinen Oscar! Ich schwimme natürlich auf der Erfolgswelle des Films mit, und sicher hätte es auch noch andere Film gegeben, die… Aber eigentlich, nein: Dass es eine Nominierung für diesen Film geworden ist, freut mich sehr! Wir haben sehr akribisch an diesem Film gearbeitet.

APA: War Ihnen bereits beim Schneiden klar, dass “Tàr” ein Erfolg wird?

Willi: Ich wusste im Fall von “Tár”, dass die Performance von Cate Blanchett unglaublich ist. Dass der Film dann so erfolgreich wird, das war nicht absehbar. Daran denke ich beim Arbeiten aber auch nicht.

APA: Sie sind Mitglied der Oscar-Academy und damit stimmberechtigt, natürlich auch im Schnittbereich. Haben Sie für sich gestimmt?

Willi: Das ist eine geheime Wahl! (lacht)

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(ZUR PERSON – Monika Willi wurde am 29. Mai 1968 in Innsbruck geboren. Sie hat sieben Geschwister, darunter den Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi. Sie zählt heute zu den renommiertesten Editoren des Landes und hat mit Filmemacherinnen und Filmemachern wie Barbara Albert, Ulrich Seidl oder Barbara Eder gearbeitet. Michael Glawoggers unvollendetes Werk “Untitled” schnitt sie nach dem überraschenden Tod des Regisseurs aus dem vorhandenen Material zu Ende. Vor allem aber machte sich Monika Willi einen Namen durch ihre Kooperation mit Michael Haneke, dessen Filme sie seit “Die Klavierspielerin” bis auf eine Ausnahme allesamt geschnitten hat.)

(S E R V I C E – Monika Willi ist am morgigen Mittwoch sowie am 22. März im Wiener Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien bei einem Publikumsgespräch zu erleben. https://filmcasino.at/film/tar/)

Von: apa

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