"Oooh, that's a bingo!!"

Oscarpreisträger Christoph Waltz wird 60

Dienstag, 04. Oktober 2016 | 09:01 Uhr

Christoph Waltz war Anfang 50, als Hollywood ihn für sich entdeckte. Seit seiner Oscar-gekrönten Rolle als SS-Oberst Hans Landa in Quentin Tarantinos “Inglorious Basterds” (2009) war der Österreicher vorrangig auf manipulative Bösewichte gebucht, spielte im Vorjahr gar den Bond-Antagonisten. Rund um seinen 60. Geburtstag am 4. Oktober darf Waltz wieder vermehrt als Guter in Erscheinung treten.

Seine aktuellen Filmengagements lesen sich wie eine – für das Publikum wie auch ihn selbst – willkommene Abkehr vom überaus erfolgreichen, wenn auch etwas repetitiven Pfad des Superschurken in Hollywood: Gerade hat er mit Matt Damon und Kristen Wiig Alexander Paynes Comedy-Drama “Downsizing” in Kanada abgedreht; Ende des Jahres ist er in der historischen Romanverfilmung “Tulpenfieber” (Österreich-Start: 23.12.) an der Seite von Alicia Vikander als gehörnter Ehemann zu sehen. Und in der von James Cameron produzierten Manga-Verfilmung “Alita: Battle Angel” ist er mal nicht Antagonist, sondern Dr. Dyson Ido, Mentor des titelgebenden Cyborgs Alita; Start ist 2018.

Bereits früh erarbeitete sich der am 4. Oktober 1956 in Wien geborene Spross einer Theaterdynastie den Ruf eines prägnanten Filmbösewichts mit diabolischer Unbestimmbarkeit, der auch im komödiantischen Fach brillieren kann. Der Sohn der Bühnen- und Kostümbildner Johannes Waltz und Elisabeth Urbancic tat sich nach einem Bühnendebüt am Zürcher Schauspielhaus (“Amadeus”) und Engagements an verschiedenen Theatern u.a. in den Filmen “Du bist nicht allein – Die Roy Black Story”, “Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit”, “Lapislazuli” und der europäischen Großproduktion “Katharina die Große” hervor. Breite Bekanntheit erlangte er daneben nicht zuletzt mit Episodenauftritten in “Derrick”, “Der Alte” oder “Kommissar Rex”.

2009 dann kam die Karriere erst so richtig in Schwung: Von Quentin Tarantino wurde Waltz erst in der Kriegsgroteske “Inglourious Basterds” und dann als Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in “Django Unchained” (2012) besetzt, für beide Rollen erhielt er neben dem Golden Globe auch den Oscar als bester Nebendarsteller. Die beiden Oscars, sagte er später rückblickend, hätten ihm “totale Freiheit” gebracht, “ein unbeschreibliches Glücksgefühl”. Mit dem Eintritt in den Hollywood-Olymp wandte sich Waltz, der seine Eliteausbildung sowohl am Reinhardt-Seminar in Wien als auch am Lee Strasberg Theatre Institute in New York genossen hatte, voll und ganz dem US-Kino zu.

Dem Rollenfach, das ihm den späten Durchbruch verliehen hatte, blieb Waltz folglich treu, wobei er stets für namhafte Regisseure vor die Kamera trat. In Michel Gondrys “The Green Hornet” verkörperte er den Untergrundboss Benjamin Chudnofsky, in Paul W.S. Andersons “Die drei Musketiere” den intriganten Kardinal Richelieu, in Roman Polanskis “Der Gott des Gemetzels” den zynischen Anwalt Alan Cowan, in Tim Burtons “Big Eyes” den manipulativen Möchtegern-Künstler Walter Keane und für David Yates den belgischen Kolonialisten Rom in “Tarzan”.

Der Ritterschlag in punkto Antagonisten-Ehren erfolgte 2015 mit der Rolle des Franz Oberhauser/Ernst Stavro Blofeld im 24. James-Bond-Film “Spectre”. Die Reaktionen auf Waltz’ Darstellung schienen hier ausnahmsweise verhalten – und auch der Schauspieler selbst äußerte sich kürzlich unzufrieden mit seiner Leistung. “Ich kann nicht behaupten, dass mir der Blofeld wirklich gelungen ist”, sagte Waltz dem Magazin “Mann” der “Zeit”. “Es war nicht das, wonach ich gestrebt habe. Ich habe nach mehr Inspiration gesucht.” Auch seine Bemühungen, nach dem TV-Film “Wenn man sich traut” (2000) mal wieder selbst einen Film zu inszenieren, waren zuletzt Anlass für Frustration: Sein Hollywood-Regiedebüt “The Worst Marriage in Georgetown”, ein Kriminaldrama nach wahren Begebenheiten, stagniere aufgrund von Unstimmigkeiten mit einem Produzenten. Mehr Glück hat er im Opernfach: Seiner Inszenierung von Richard Strauss’ “Der Rosenkavalier” in Antwerpen 2013 lässt er 2017 Verdis “Falstaff” nachfolgen.

Seinen Wohnsitz hat der Vater von vier Kindern mittlerweile nach Los Angeles verlegt, wo er gerne mit seinem Außenseiterstatus als kultivierter Europäer kokettiert. In Late-Night-Shows wie jener von Jimmy Kimmel zeigt er sich von der Popcorn-Kultur in Kinos, Barbecue und Hot-Dogs entsetzt; in einer Werbung für ein Smartphone macht er sich kongenial über den “American way of life” lustig, ehe er samt Familie, Hund, Griller und gehissten US-Flaggen selbst zum wandelnden Klischee mutiert. Die Verbindung zu seiner Heimat hat er allein schon aus “größter Sorge” angesichts der hiesigen Politik nicht gekappt, wie er kürzlich in einem Interview mit dem “Focus” sagte: Waltz, der bereits im Mai dem Bundespräsidentschaftskandidaten Alexander van der Bellen seine Unterstützung aussprach, warnte da vor “radikalen Nichtlösungen” der “Herren Populisten”.

Von: apa