"Ich möchte jetzt einfach frei sein"

Peter Weck im Interview anlässlich seines 90. Geburtstags

Mittwoch, 12. August 2020 | 09:41 Uhr

Peter Weck hat kurz vor seinem 90. Geburtstag vom Theater Abschied genommen und genießt seine neue Freiheit, wie er im APA-Interview erzählt. Wie 90 fühlt er sich aber dennoch nicht. Ein Gespräch über sehr viel Arbeit, Coronabeschränkungen und Missverständnisse, was die Liebe betrifft.

APA: Zu Ihrem Geburtstag erscheint die Neuauflage Ihrer Autobiografie “War’s das?”. Beim Lesen kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was sich in diesen vergangenen zehn Jahren getan hat. Wie ist es Ihnen bei diesem Rückblick ergangen?

Peter Weck: Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich überrascht war, was und wie viel ich in diesen zehn Jahren gemacht habe. Während ich gearbeitet habe, habe ich das gar nicht so empfunden. Aber dadurch, dass ich in meinem Leben immer sehr neugierig war, war ich immer ein bisschen voraus. Wenn mir Dinge, die ich gerade gemacht habe, nicht so gepasst haben, war ich gedanklich schon im nächsten Projekt. Dann ist das immer so nahtlos ineinander übergangen. Wenn ich jetzt die Liste sehe, denke ich mir: Oh mein Gott.

APA: Aber haben Sie zuletzt mehr Dinge gemacht, die Ihnen gefallen haben?

Weck: Das mit dem Vorausdenken war eher früher. In den letzten zehn Jahren war die Arbeit mehr Beschäftigung und Ablenkung. Und ich habe mir gedacht: Solange ich geistig und körperlich noch vorhanden bin, kann ich das eine oder andere machen.

APA: Sie haben letzten Winter mit “Sonny Boys” in München Ihre Theaterkarriere beschlossen, haben ein Angebot des Theaters in der Josefstadt für kommende Saison ausgeschlagen. Ist das letzte Wort hier schon gesprochen?

Weck: Das letzte Wort wird wahrscheinlich am Zentralfriedhof gesprochen werden. Aber im Ernst: Durch diese Vielzahl, die ich in meinem Leben gemacht habe, bin ich müder geworden. Auch war jetzt die Zahl 90 da, aber eigentlich interessiert mich das nicht. Es geht um das innere Alter. Ich fühle mich viel jünger. Aber ich habe gespürt, wenn ich jeden Abend Theater spiele, strengt mich das doch so an, dass ich mir sage, ich muss das nicht mehr machen. Ich will nicht mehr auf einen Terminplan schauen, was ich alles nicht machen kann, weil ich an dem Abend spiele. Ich möchte jetzt einfach frei sein. Nicht vom Beruf, aber von der Anstrengung, was Theater anlangt. Herbert Föttinger hat das sehr gut verstanden.

APA: Kurz nach Ende Ihres Engagements kam Corona. Seit fast einem halben Jahr steht der Kulturbetrieb still. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Weck: Ich habe einfach die Vorschriften befolgt und mich nicht in meiner Freiheit eingeschränkt gefühlt, sondern die Zeit genützt, hier zu Hause alles Mögliche zu erledigen. Da standen noch Kartons von meiner Übersiedelung aus dem Vorjahr herum, und ich habe gar nicht mehr gewusst, was da überhaupt drinnen ist. Das habe ich alles begonnen wegzuwerfen, weil ich gesehen habe: Man kann mit viel weniger auskommen. Ansonsten bin ich ein paar Mal ums Haus herum gegangen, als man wieder durfte. Die ganze Zeit wurde ich von meinen Kindern mit allem versorgt.

APA: Es gab seitens der Kulturszene viel Kritik an den Maßnahmen. Wie empfanden Sie die Reaktion der Kulturpolitik?

Weck: Ich verstehe die Reaktion der Branche. Aber ich verstehe nicht, dass so viele Menschen von der Hand in den Mund leben. Ich habe immer versucht, so schnell wie möglich selbstständig zu werden und nicht leichtsinnig alles zu verschleudern. Aber das ist kein Rezept. Klar haben viele gelitten unter den großen Einbußen. Das war bedauerlich. Andererseits ist das gesundheitliche Risiko, dem wir ausgesetzt sind, eben so hoch, dass man die Situation nicht unterschätzen darf.

APA: Es gibt aber viele Menschen, die keinen finanziellen Polster hatten. Ist das Prekariat im Kulturbereich größer als früher?

Weck: Ich glaube schon. Alles ist schnelllebiger geworden, es wird viel mehr gemacht, und viele Künstler verlassen sich drauf, dass sie immer das Nächste finden und alles weitergeht. Aber es wird so nicht weitergehen, das muss man ganz klar sehen. Und da hilft es auch nicht, dass man andere dafür verantwortlich macht. Man muss immer die Wahl treffen, wie abhängig man sein will.

APA: Apropos Schnelllebigkeit und Veränderung. Im Wiener Theaterbereich hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan: Martin Kusej hat das Burgtheater übernommen, Kay Voges kommt ans Volkstheater. Bei den Vereinigten Bühnen werden die Weichen in den kommenden Jahren ebenfalls gestellt. Wie intensiv beobachten Sie diese Veränderungen und wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Weck: Ich will mich nicht rausstehlen, aber ich bin glücklich, dass ich in diesem Alter nur mehr Beobachter bin. Ich habe die ganzen Kämpfe – auch mit der Politik – hautnah miterlebt. Und ich will auch nicht Beckmesser sein und sagen, es war früher besser. Es war nur schön, dass ich diese Zeit erlebt habe. Dass sich die Dinge so verändert haben, liegt in der Natur der Sache. Es wird heute natürlich ganz anders Theater gespielt als zu unserer Zeit. Nicht schlechter, nicht besser, anders. Viel politischer, vieles wird so verfremdet, dass man das Stück nicht mehr erkennt. Diese Sachen könnte man kritisieren, aber ich beobachte das nur und bin manchmal verwundert.

APA: Im Musicalbereich hat sich in den vergangenen 20 Jahren ebenso viel verändert. Wie bewerten Sie die Richtung, die Wien hier genommen hat?

Weck: Auch da habe ich mich rausgehalten. Damals hatte Musical einen anderen Stellenwert als heute. Irgendwann war es so, dass alles, wo Musik dabei war, gleich als Musical verkauft wurde, wo es in Wirklichkeit eigentlich Revuen waren. Damit hätte ich mich nicht abgegeben. Das Niveau hat nachgelassen.

APA: Warum?

Weck: Das Niveau hängt eben davon ab, was man zulässt. Viele Dinge sind heute billiger, aber das Musical lebt von einer ungeheuren Präsenz und Präzision.

APA: Fehlt der Mut?

Weck: Der Mut und das Wissen (lacht). Ich gehe nicht auf ein bestimmtes Theater los. Aber wenn die Führungskraft nicht das Niveau und das Können hat, geht es in den unteren Etagen so weiter. Viele suchen sich eine schwächere Umgebung, dann blühen sie. Aber das Ganze blüht nicht. Ich habe mir immer eine Umgebung gesucht, die so stark war, dass ich mich anstrengen musste. Das war der Kampf. Da muss man selber der Kämpfer sein.

APA: Sie haben einmal gesagt, eine Produktion wie “Ich heirate eine Familie” würde heute wahrscheinlich abgelehnt. Wie empfinden Sie die Veränderungen, die das Fernsehen genommen hat?

Weck: Es wird einem immer eingeredet, das Publikum will es. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass alle nur Krimis sehen wollen. Alle nach Schema F, das kann ich schon nicht mehr sehen. Früher war in den Produktionen auch Literatur dahinter, mit fantastischen Schauspielern. Heute ist alles so nivelliert.

APA: Wie steht Sie zu Netflix & Co.?

Weck: Hie und da fällt einem was auf und dann schaut man es sich an. Ich spreche damit zwar gegen meinen Beruf, aber: Ich schaue mir jetzt lieber Naturfilme an, über Länder, wo ich noch nicht war und auch nicht mehr hinkomme. Die Fernsehinformation ist gut, aber die Unterhaltung nicht mehr.

APA: Wie kann man sich Peter Weck als Pensionisten vorstellen?

Weck: (lacht) In der Früh aufstehen und wissen, nicht telefonieren zu müssen oder keine Termine zu haben, das ist ein göttliches Gefühl, nachdem man so viel gemacht hat. Ich habe so viele Dinge weggestrichen, weil ich die Tage, die ich noch habe, anders füllen möchte. So sollte ich etwa zum Geburtstag nach Deutschland fliegen. Aber ich denke nicht daran, dass ich in einen Flieger steige und in einer Talkshow mit anderen zusammensitze und mit anderen Gästen aus dem Leben plaudere, wo jeder auf sein Image schaut und witzig sein will. Dafür ist mir mein Leben zu teuer.

APA: Der ORF widmet Ihnen einen Schwerpunkt. Sind Sie jemand, der sich die alten Filme dann noch einmal auf der Couch anschaut?

Weck: Es ist ein Jammer. Jene Dinge, auf die ich größeren Wert gelegt habe, waren am Theater. Deshalb bin ich auch Schauspieler geworden. Beim Sender ist es so, dass sie ein paar banale Dinge aus dem Archiv heraus holen und zusammenschneiden. Und dann soll man was dazu sagen. Das nennt sich dann Porträt. Ich habe keine Freude damit. Wenn man mich fragen würde, was ich gerne sehen würde… aber das tut man ja nicht. Stattdessen holen sie sich das Billigste aus dem Archiv.

APA: Was würden Sie denn gerne sehen?

Weck: Zum Beispiel “Lumpazivagabundus” mit dem Attila Hörbiger im Burgtheater oder Gogols “Revisor” in den Kammerspielen. Damals hat man aber teilweise – muss ich zur Verteidigung sagen – noch nicht so oft fürs Fernsehen aufgenommen. Aber es gibt auch in Film und Fernsehen Dinge, die ich lieber sehen würde. “Aimee & Jaguar”, aber das zeigt man kaum. Oder “Der Kardinal”, wo ich mit der Romy (Schneider, Anm.) gespielt habe. Aber das ist zu teuer. Stattdessen kommt irgendein Wörthersee-Film, wo ich ins Wasser falle. Ein Sommerfilm. Das ist einfacher und billig. Aber damit muss man leben.

APA: Wie verbringen Sie Ihren Geburtstag?

Weck: Ich weiß es noch nicht. Für mich ist ja jeder Tag ein Geburtstag, wenn ich in der Früh wieder aufwache. Bisher hat meine Frau die runden und halbrunden gemacht. Und jetzt kümmere ich mich nicht drum. Beim 85er haben liebe Freunde etwas für mich gemacht, das war rührend. Und jetzt soll ich selbst was inszenieren? Das will ich nicht.

APA: Sie haben einen Interviewmarathon hinter sich. Gibt es noch etwas, das Sie sagen wollen?

Weck: Ja, etwas, das immer falsch ausgelegt wird, will ich richtigstellen: Ich habe nach acht Jahren mein Junggesellenleben wieder angetreten, aber es ist nicht mehr so lebendig, wie ich vor meiner Ehe gelebt habe. Das ist auch richtig so und gar nicht schlecht. Aber alleinsein ist schon etwas, das einen auf die Dauer bedrückt. Ich habe schon vor zwei Jahren durch Zufall eine Frau kennengelernt, dann ein Jahr nicht mehr gesehen und dann wieder getroffen: Und ich habe entdeckt, dass das ein ganz wertvoller Mensch ist. Das hab ich unlängst in einem Interview gesagt. Dass mir die Nähe dieser Person sehr wohl tut. Sie ist intelligent, lustig und ohne Absicht. Und sofort wird einem alles Mögliche angedichtet! Mit 90 – wo denken die hin? Das ist ja lächerlich! Das ist eine rein menschliche, wunderbare Geschichte. Aber die sehen mich schon wieder vorm Traualtar. So was Blödes kann ich mir wirklich nicht ausdenken. Es ist harmlosest und ist einfach nur schön. Aus und Ende.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

Von: apa