Die Autorin mit ihrem neuesten Werk

Poznanskis “VANITAS – Grau wie Asche” bietet Spannung pur

Freitag, 20. März 2020 | 08:02 Uhr

Ursula Poznanski hat sich mit ihren Werken im Spannungssegment, speziell im Bereich Jugend- und Erwachsenen-Thriller, längst etabliert und findet sich mit diesen regelmäßig in den “Spiegel”-Bestsellerlisten. Mit “VANITAS – Grau wie Asche” erschien Anfang März der zweite Teil einer Trilogie, der dem Genre “Thriller” vollauf gerecht wird.

Die Wiener Autorin liebt es laut dem Pressetext zum Buch, ihre “bunte und breitgefächerte Leserschaft” von den “Ideen und Wendungen ihrer Bücher” zu überraschen. Ebenso zählen “versteckte Details” zu ihren Stilmitteln, womit sie ihren Leserinnen und Lesern “großen Spaß am Miträtseln” bereiten will. All das ist ihr mit dem zweiten “VANITAS”-Band einmal mehr gelungen.

Carolin Bauer, eine Blumenhändlerin am Wiener Zentralfriedhof, ist als Ich-Erzählerin einerseits die Haupt-Protagonistin in diesem Thriller, andererseits führt sie die Leserschaft mit ihren Erinnerungen an frühere Schwerverbrechen, für die eine in Deutschland tätige und vor keinen Grausamkeiten zurückschreckende russische Gang verantwortlich zeichnete und in die sie selbst gewissermaßen auf polizeiliches Geheiß – nämlich als verdeckte Ermittlerin – involviert war, sowie mit ihren Schilderungen aktueller Geschehnisse und ihrer Gedanken dazu durch eben diese Geschehnisse und ihre – potenziellen – Konsequenzen. Beim Lesen ist man somit stets auf dem gerade aktuellen Wissensstand der Hauptfigur und kann – ganz im Sinne Poznanskis – mit dieser miträtseln, aber vor allem mitkombinieren.

Die Ausgangssituation: Carolin gilt nach ihrer Verwicklung in das verbrecherische Treiben des Russen-Clans offiziell als tot. Aufgrund einer verschlüsselten Botschaft ihres Münchener Polizei-Kontakts – ihrer einzigen Vertrauensperson – weiß sie aber, dass der verbrecherische Clan inzwischen vom Scheitern seines vermeintlichen Mords und damit von ihrem Überleben Wind bekommen hat, ihre Spur aber in München verlor. Daher versucht sie, in Wien ein möglichst unauffälliges und ruhiges Leben zu führen. Ihr beschauliches Arbeitsleben in einer Blumenhandlung am “Zentral” erhält aber erste Risse, als es am größten Friedhof der Stadt zu nächtlichen Grabschändungen samt Exhumierungen kommt. Neben satanistischen Zeichen sind auch sehr rätselhafte Symbole auf den betroffenen Grabsteinen zu finden, und wirklich ernst wird es, als einmal auch eine “frische” Leiche auf einem nächtlich “bearbeiteten” Grab liegt.

Carolin ist einerseits über die nun einsetzende polizeiliche und mediale Aufmerksamkeit rund um ihre Arbeitsstätte alles andere als erfreut, kann andererseits aber ihre Neugierde nicht zurückhalten und forscht auf eigene Faust nach, was es mit den Grabschändungen auf sich haben könnte. Dabei gerät sie ins Visier eines ermittelnden Polizisten, der sie zwar nicht vordergründig für tatverdächtig hält, dem aber ihr regelmäßiges Erscheinen an den Tatorten als zumindest bemerkenswert erscheint. Dabei wollte sie genau so eine Situation vermeiden, zumal sich ihre eigene Situation alles andere als zum Besseren wendet: Nach einem Besuch durch ihren Münchener Kontaktmann ist dieser nicht mehr erreichbar, und nach und nach stellt sich heraus, dass dieser wohl die Verbrecher-Gang auf den Aufenthaltsort Carolins aufmerksam gemacht hat.

Die Indizien, dass ihr die Russen auf der Spur sind, verdichten sich zusehends und die Blumenhändlerin greift zu einem radikalen Schritt, nämlich der Entführung und dem Verstecken eines jungen Wiener Mannes, den sie für einen auf sie angesetzten und von den Russen angeheuerten Beschatter hält. Damit verstrickt sie sich immer tiefer in eigene kriminelle Machenschaften, weshalb ihr die Neugierde des Polizisten an ihrer Person zunehmend Unwohlsein bereitet. Zudem wird sie von massiven Gewissensbissen geplagt. Denn ganz sicher ist sie sich nicht, ob ihr Entführungsopfer tatsächlich im Dienste der Russen steht – und bis zu diesem Zeitpunkt hat sie sich schon mehrmals die Frage gestellt, ob ihr Verhalten nun von Vorsicht oder einer Paranoia geprägt ist. Musikbeflissenen Leserinnen und Lesern geht bei der Ausführung dieser Gedankengänge die Nirvana-Textzeile “Just because you’re paranoid don’t mean they’re not after you” durch den Kopf.

Wie die Hauptfigur des Thrillers mit ihrer immer hoffnungs- und aussichtsloseren Situation umgeht, welche unerwartete Allianz sie dabei schmiedet und auf welches unfassbare Verbrechen die Grabschändungen eigentlich zurückgehen, soll hier nicht verraten werden. Stattdessen ein Tipp: Das Buch am besten dann zur Hand nehmen, wenn man weiß, in den kommenden Tagen viel Zeit zum Lesen zur Verfügung haben – möglicherweise also in den aktuellen Tagen der “Heimquarantäne”. Denn man wird derart in die Handlung, aber auch in die Gefühlswelt der Ich-Erzählerin, hineingezogen, dass es schwerfällt, die Lektüre zu unterbrechen.

Trotz allem Lob am spannungsgeladenen Plot ist auch eine kritische Anmerkung in Sachen Sprache angebracht: Es wäre wünschenswert, dass die österreichische Herkunft der Autorin auch im sprachlichen Ausdruck erkennbar wäre. Das Publizieren in einem Münchener Verlag sowie der große Erfolg im gesamten deutschen Sprachraum führt verständlicherweise dazu, sich sprachlich anzupassen und die diesbezüglich leidgeprüfte österreichische Leserschaft hat sich wohl schon großteils daran gewöhnt, dass jemand gelegen/gesessen/gestanden “hat” und nicht “ist” – aber dass eine Taschenlampe “angemacht” wird, mutet aus österreichischer Feder doch mehr als eigenartig an. Genau genommen hätte das im saloppen österreichischen Sprachgebrauch nämlich sogar eine ganz andere Bedeutung, und man würde es mit Sicherheit auch in Deutschland und in der Schweiz verstehen, wenn das Licht bzw. eine Taschenlampe “eingeschaltet” wird.

(S E R V I C E – Ursula Poznanski: “VANITAS – Grau wie Asche”, Knaur-Verlag, 400 Seiten, 17,50 Euro, ISBN: 978-3-426-22687-2, erhältlich auch als E-Book bzw. Hörbuch)

Von: apa