Und ewig lockt die Pyroshow

Rammstein in Klagenfurt: Feuer, Rauch und Abgesang

Donnerstag, 26. Mai 2022 | 11:01 Uhr

Ein Konzert vor Publikum, das die Karten vor fast drei Jahren gekauft hatte, in einer Welt, die sich seither komplett umgekehrt hat. Eine Ironie, wie gemacht für diese Band – wenn da nur die Pointe käme. Das Uhrwerk Rammstein läuft im Wörthersee-Stadion wie vor drei Jahren und zuvor. Eine Materialschlacht sondergleichen, auch wenn ab und zu Abschiedstendenzen mitschwingen.

Juli 2019. Der Vorverkauf für das Konzert am Wörthersee startet, die Karten sind so schnell dahin, dass später ein Zusatz-Gig angesetzt wird. Die öffentliche Diskussion am Standort ist geprägt von einem Kunstprojekt: “For Forest”, das Projekt nach einer Zeichnung von Max Peintner, in dem knapp 300 Bäume einen Wald im Wörthersee-Stadion mimen. Und dann: Pandemie, Stillstand, zweimalige Verschiebung der Rammstein-Show. Bis zum gestrigen Mittwoch.

Der Kontrast könnte wohl nicht größer sein, als Rammstein ihr Feuerwerk zünden: Wo sich morgens zur Zeit des Wald-Projekts, das eigentlich als Mahnmal gegen die Umweltzerstörung geplant war, Singvögel und abends Fledermäuse zwischen Laub- und Nadelbäumen tummelten, erhebt sich eine fast beängstigende Stahlkonstruktion, schießen Lichtsäulen empor und die Stichflammen hätten wohl die letzten neu eingenisteten Lebewesen vertrieben. Das Feuer trocknet auch die vom Regenguss beim Einlass durchnässten Fans. Rammstein liefern ab, wie gewohnt.

Dass mehrere Lieder von einem Album stammen, von dem zur Zeit des Kartenvorverkaufs noch keine Rede war, stört keineswegs: Das vor Sarkasmus triefende “Zick Zack”, “Armee der Tristen” sowie das melancholische Titellied “Zeit” rühren die Sprechchöre. Rammstein-Fans sind treu, das erkennt man daran, dass einige neben der langen Zeit auch einen langen Weg auf sich genommen haben, um zum Konzert zu kommen.

Um dann das zu erleben, ohne das kein Konzertbesucher in die Nacht entlassen wird: Die Reihe der Lieder, von denen man eigentlich nur den Titel zu kennen braucht, um den Refrain mitsingen zu können.

Und die zünden völlig ohne Pyro-Show: “Mein Herz brennt” kommt komplett ohne eine solche aus und wird nur von dem ausverkauften Stadion getragen. “Du hast” lebt von den Sprechchören – noch bevor Feuersäulen und massiver Feuerwerksbeschuss einsetzen – und auch “Engel” oder “Du riechst so gut” brauchen wohl keine Spezialeffekte, um verlässlich ihre Wirkung zu entfalten.

Trotzdem: Ein brennender Kinderwagen? Mit einem augenscheinlich besessenen Baby, das einen Fliegenhagel entlässt, der das gesamte Stadion umhüllt? “Mein Teil”, das Lied mit Kannibalismus-Hintergrund, zu dem mit Flammenwerfer einem Kochtopf mit menschlichem Inhalt zu Leibe gerückt wird?

Oder “Pussy” mit dem dauerejakulierenden Riesenpenis? Mitte der 1990er vielleicht ein Aufreger, heute wohl eher von Fans erwünschter und akklamierter Beifang zum gewohnt verlässlichen Musikprogramm.

“Zeit – Bitte, bleib steh’n, bleib steh’n” heißt es im wohl eindrücklichsten Lied des neuen Albums, in dem Rammstein wie gewohnt mit Mehrdeutigkeiten spielen – wie auch im gesamten Auftritt. Da fragt man sich natürlich, was gemeint ist, wenn bei neuem Album und europäischer Stadiontournee ausgerechnet das letzte Lied “Adieu” heißt. Den Fans in Klagenfurt kann das – zumindest zunächst – egal sein: Das nachgeholte Zusatzkonzert wird am Donnerstagabend gegeben.

Von: apa

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