André Téchiné setzt auf große Gefühle

Regisseur André Téchiné wird 75

Dienstag, 13. März 2018 | 16:50 Uhr

Ein junger, französischer Soldat im Ersten Weltkrieg desertiert. Um nicht gefasst und exekutiert zu werden, verkleidet er sich als Frau. Sein jüngstes Drama “Nos années folles” (Unsere verrückten Jahre) stellte der französische Regisseur und Drehbuchautor André Téchiné, der am 13. März 75 Jahre alt wird, vergangenes Jahr im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes vor.

Im September kam es in die französischen Kinos, im deutschsprachigen Raum hingegen wurde es noch gar nicht gezeigt. Deutlich mehr Fortune hatte der Filmemacher mit seinem Vorgängerwerk, das 2016 auf der Berlinale Premiere feierte. Die unterhaltsame Coming-of-Age-Story “Mit siebzehn”, in der zwei rivalisiernde Heranwachsende verwirrt ihre Homosexualität entdecken, ging international in den Verleih und lief im März 2017 auch hierzulande an.

Große Gefühle: Die Liebe in all ihren Facetten und die Gründe ihres Scheiterns stehen bei Téchiné oft im Mittelpunkt seines Interesses. Dabei thematisiert er vor allem gern die Beziehung zwischen Sex und Moral, wie beispielsweise mit dem 2007 ebenfalls auf der Berlinale gezeigten Film “Les Témoins” (Die Zeugen), ein Anwärter auf den Goldenen Bären. Es geht darin um Aids und wie die Gesellschaft in den 80er Jahren mit der Pandemie anfangs umging.

Téchiné, der in der Nähe von Lyon im Südwesten Frankreichs geboren wurde, ging nach dem verhassten Internat mit 19 Jahren nach Paris, wo er eine Filmhochschule besuchen wollte. Er wurde allerdings nicht angenommen, verdiente sein Geld als Filmkritiker und inszenierte nebenbei Theaterstücke an kleinen Bühnen. Beim Film debütierte er dann 1969 mit “Paulina haut ab”, der Geschichte eines Mädchens, das wahnsinnig wird. Diesen seinen Erstling durfte er sogleich bei den Filmfestspielen von Venedig vorstellen – doch danach passierte erst einmal jahrelang nichts.

Seinen bisher wohl größten Erfolg feierte er erst 1985 mit dem Selbstfindungsdrama “Rendez-vous” mit Juiette Binoche und Jean-Louis Trintignant, für das er in Cannes den Preis in der Kategorie “Beste Regie” mit nach Hause nahm. In “Wilde Herzen” (1994) – mit dem Filmpreis César ausgezeichnet – behandelte er das Thema Inzest, und im Fokus des Psychodramas “Diebe der Nacht” (1996) steht eine Dreiecksbeziehung um eine junge Frau, die von ihrer Lehrerin wie von einem Polizisten geliebt wird.

Er holte die namhaftesten französischen Stars vor seine Kamera, darunter Isabelle Huppert, Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Isabelle Adjani, Emmanuelle Béart oder Daniel Auteuil sowie Gérard Depardieu. Seine filmerische Handschrift ist leidenschaftlich-poetisch. Er passt in keine Schublade und hat mehr als einmal die Kritik gespalten. In Deutschland ist er weniger bekannt, doch dürfte eines unstrittig sein: André Téchiné ist einer der Großen seines Fachs – nicht nur in Frankreich.

Von: APA/dpa