Regisseur Bron war vorher noch nie in der Oper

Regisseur Bron über seine Doku “Oper – L’Opera de Paris”

Mittwoch, 17. Januar 2018 | 05:10 Uhr

Mit “Oper – L’Opera de Paris” ist dem Schweizer Regisseur Jean-Stephane Bron gelungen, über ein halbes Jahr den Betrieb der Pariser Oper von innen zu verfolgen. Mit der APA sprach der 48-Jährige über die Opernwelt als Symbol eines europäischen Miteinanders, seine Vorurteile vor Beginn der Dreharbeiten und das Banale im Vergleich zur hohen Kunst.

APA: Sie waren vor dem Dreh noch nie in einer Oper gewesen. Wie kommt man da auf die Idee zu einem Dokumentarfilm über die Pariser Oper?

Jean-Stephane Bron: Es kann ja auch eine Anziehung sein, wenn man etwas nicht kennt (lacht). Ich hatte zuvor einen Film über Christoph Blocher (Schweizer Politiker, Anm.) gedreht, der im Hinblick auf die Demokratie ein sehr pessimistischer wurde, ein sehr dunkler. Deshalb wollte ich danach etwas machen, das quasi ein Gegenprojekt ist. Ich hatte die Idee, über ein Ensemble an Menschen zu arbeiten, die gemeinsam an einer Sache werken. Und da ist die Oper ein Paradebeispiel. Zugleich ist die Oper eine in sich geschlossene Welt in unserer Gesellschaft – sowie eine zutiefst europäische Idee, ein sehr spezifischer Teil der europäischen Geschichte. Das stand alles konträr zu den Ideen, die im Blocher-Film formuliert wurden.

APA: “Oper” ist Ihr erster nicht dezidiert politischer Film. Sehen Sie ihn auch gesellschaftspolitisch?

Bron: Wenn man Politik als die Form der Organisation einer Gesellschaft versteht, als Modus des Zusammenlebens, ja. Es geht in der Oper auch um Macht, es gibt verschiedene Klassen – aber es gibt zugleich etwas, das diese Gemeinschaft zusammenhält. Das sehe ich wie eine Vision, wie ein Projekt des Fortschritts. Aber natürlich geht es auch darum, hinter die Kulissen zu blicken und zu zeigen, wie eine Aufführung entsteht.

APA: Hatten Sie einen Ansatz, was Sie konkret bei Ihrem Projekt zeigen wollten, oder waren Sie in dieser Frage gänzlich offen?

Bron: Ich habe keine These, wenn ich anfange, aber ich hatte natürlich gewisse Vorurteile. Ich fand es jedoch extrem spannend, in diese Gesellschaft einzutauchen und zu sehen, wie sie funktioniert. Dieser Optimismus, mit dem man der Welt begegnet, hat mich angezogen.

APA: Ging es Ihnen primär um die Kunst als solches oder die Maschinerie dahinter?

Bron: Im Fokus stand für mich die Funktion der Kunst in Europa. Unser ganzer Diskurs um Kultur ist mittlerweile sehr populistisch. In diesem speziellen Moment der Geschichte, in den Diskussionen über Eliten und Macht, in dem alles ironisiert wird, einen ernsthaften Film zu machen, ist vielleicht ungewöhnlich. Aber die Arbeit der Künstler ist eine sehr ernsthafte, ist eine Arbeit an etwas beinahe Sakralem. Ich wollte aber auch das Konkrete, das Banale zeigen, das zu dem ganzen Prozess dazugehört und nicht ein Werk ausschließlich über die großen Künstler machen. Deshalb kommt die Tänzerin und der Regisseur genauso vor wie die Verwaltung oder die Direktion oder die Garderobenfrauen.

APA: Wie schafft man es als Dokumentarist, immer im richtigen Moment die Kamera im Anschlag zu haben?

Bron: Dem geht eine lange Phase der Beobachtung voraus. Und meistens hat man ja auch eine zweite oder dritte Chance für eine Einstellung. Die wenigstens Dinge sind einmalig. Sie haben mich angerufen, wenn es etwas gab, das mich in ihren Augen interessieren könnte. Das ist auch eine Art, sich der Wahrheit zu nähern. Es geht nicht zwingend um den einmaligen Moment, sondern auch um die Wiederholung.

APA: Was hat Sie am meisten an der Opernwelt überrascht?

Bron: Etwas, das sich gar nicht im Film findet – nämlich wie weit vorausgeplant wird. Dass etwa die Saison in vier Jahren fixiert wird. Auch die Rolle des Intendanten dabei, der an einem großen Haus um die Spitzenkräfte kämpfen muss und festlegt, was in vier Jahren zu welcher Uhrzeit in welchem Saal gespielt wird. Das ist eigentlich verrückt. Die Rolle des Intendanten kann man wohl am ehesten mit einem Studiochef in der Goldenen Ära Hollywoods vergleichen – der alle Personalentscheidungen treffen muss, die große künstlerische Vision braucht und trotzdem alle Alltäglichkeiten entscheiden muss. Er ist Generalist.

APA: Weshalb lassen Sie die Tricolore des Auftaktbildes von Wagner-Musik umspielen?

Bron: Das ist meine Art zu sagen: Macron und Merkel, wir bilden doch alle zusammen Europa (lacht).

Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA

Von: apa