Mit "Trainspotting" gelang Boyle 1996 ein Überraschungserfolg

Regisseur Danny Boyle über “T2 Trainspotting”

Freitag, 03. März 2017 | 17:32 Uhr

In seinen zweiten Film stolperte Danny Boyle (60) einst regelrecht hinein. Die Low-Budget-Produktion “Trainspotting” (1996) wurde zum Kultfilm der 90er-Jahre. 21 Jahre und einen Oscar (für “Slumdog Millionär”) später lässt der britische Regisseur dem Drogenfilm endlich eine Fortsetzung folgen – und musste dafür erstmal jegliche gesammelte Erfahrung abschütteln, wie er der APA in Berlin erzählte.

APA: “T2 Trainspotting” läuft nun seit einigen Wochen in Ihrer Heimat Großbritannien und begeistert sowohl Medien als auch Fans. Ist Ihre Erleichterung angesichts des Kultstatus des Originals größer als bei anderen Projekten?

Danny Boyle: Ja, das ist eine enorme Erleichterung. Erstmals beruhigt war ich, als wir den Film den Schauspielern gezeigt haben – ihnen ist sichtlich ein Stein vom Herzen gefallen. Man konnte ihnen ansehen, dass sie die Sorge mit sich herumgetragen hatten. Als Schauspieler dreht man seine Szenen, kommt nach sechs Monaten zurück und hat Angst, dass das Ergebnis furchtbar ist. Dann hatten wir ein Testscreening in Crawley, einer ganz gewöhnlichen Stadt südlich von London. Produktionsfirmen testen dort gerne Filme, weil der Ort nicht voller Intellektueller und Cineasten ist. Es war großartig, die Leute haben es geliebt! Teil dieser Begeisterung war eindeutig die Erleichterung. Auch sie hatten gehofft, dass die Fortsetzung kein Mist ist, weil sie das Original so mochten.

Wir sind an diesen Film nicht als Sequel herangegangen, sondern als etwas Eigenständiges. Aber je selbstbewusster wir wurden, desto mehr haben wir es mit dem Originalfilm verbunden – nicht, um einen Hit zu landen, indem wir die besten Szenen aus dem ersten Film wieder zeigen. Es sollte klar werden, dass die Filme zueinander gehören, im Dialog miteinander stehen.

APA: Zugleich bauen Sie Szenen aus Irvine Welsh’ Roman “Trainspotting” ein, die keine Verwendung im ersten Film fanden – darunter jene mit Begbie und seinem Alkoholiker-Vater, die den Titel erklärt. Hatten Sie stets im Hinterkopf, das eines Tages nachzuholen?

Boyle: Ja! Mittlerweile ist der Begriff “Trainspotting” – wegen des Films, aber auch der seither vergangenen Zeit – geläufiger. Aber als wir den Film herausgebracht haben, war eine der meistgestellten Fragen stets die nach der Bedeutung des Titels. Ich habe immer versucht, es zu erklären, jedoch nie einen Weg gefunden, das entsprechende Material einzubauen. Dann ist die Idee einer Zeitschleife langsam in mir herangereift – die Idee, dass Spud beginnt, diese Geschichten von früher niederzuschreiben. Es ist eine gefährliche Idee, weil sie sehr literarisch ist. Aber Spuds Sichtweise – und damit Irvines, natürlich – ist so einzigartig, dass es sich richtig angefühlt hat. Das gab mir die Gelegenheit, mich doch noch an diese Szene zu wagen – natürlich mit wesentlich emotionaleren Folgen, weil man jetzt weiß, wie es mit Begbie weitergegangen ist.

APA: Sie haben oft erzählt, dass Sie in “Trainspotting” – Ihren erst zweiten Film (nach dem Indie-Hit “Shallow Grave”) – regelrecht hineingestolpert sind. Wie anders war nun der Ansatz 20 Jahre später?

Boyle: Eines der Probleme, die man als Filmemacher mit mehr Erfahrung hat, ist: Sie macht einen nicht zwangsläufig besser. Man wird zwar technisch geschickter, aber nicht unbedingt interessanter als Filmemacher. Man eignet sich das Handwerk an. Was Menschen an dieser Art Film mögen, ist, dass er originell ist und sie so etwas vorher noch nie gesehen haben. Das ist eine Art Kampf, den man in sich austragen muss, um einen Teil des Rüstzeugs, durch das man einem Film seine Handschrift aufdrückt und Gefahren vermeidet, abzuschütteln. Diese Unschuld dabei, in etwas hineinzustolpern, ist die beste Art, um einen Film zu machen. Aber je älter und erfahrener man wird, desto schwieriger wird es, bei Null anzufangen. Produzenten hören das ja auch ungern. Die sagen dann: “Wir haben dir so viel Geld gegeben, und du willst so tun, als wüsstest du nicht, was du tust?” (lacht) Man muss ihnen klar machen, dass das Interessanteste immer aus dem Bauch heraus entsteht – dann, wenn man nicht weiß, in welche Richtung es geht.

APA: Da eine für Sequels ungewöhnlich lange Zeit zwischen den beiden “Trainspotting”-Filmen liegt, haftet “T2” automatisch Nostalgie an. Schwelgen Sie persönlich gerne in Erinnerungen oder schauen Sie ungern zurück?

Boyle: Ich bin eigentlich kein nostalgischer Mensch. Aber ich habe Kinder, die jetzt erwachsen sind – das macht einen automatisch nostalgisch. Wenn man sich Fotos ansieht, auf denen die Kinder noch jünger sind, macht das jeden Widerstand zunichte. Bei meiner Arbeit aber neige ich nicht dazu. Es war neu für mich, zu diesem Film zurückzukehren. Da kommt es zwangsläufig zu Momenten mit den Schauspielern, wo man sich an den Dreh bestimmter Szenen erinnert. Aber es ist kein Schwelgen in Erinnerungen, so einfach wollte ich es mir nicht machen. Wir haben den Originalfilm wirklich nur in besonderen Fällen herangezogen. Eines der Themen, von denen der Film handelt, ist die Tatsache, dass Männer viel eher dazu neigen, in der Vergangenheit zu leben. Nach meiner Erfahrung gehen Frauen mit dem Altern deutlich sensibler um, während sich Männer viel zu lange dagegen sträuben. Es ist tragisch, eigentlich. Ich hänge nicht an meiner Vergangenheit – zugleich bin ich mir bewusst, dass sie interessanter war – zumindest, was das Filmemachen angeht.

APA: Waren die vier Hauptdarsteller (Ewan McGregor als Renton, Ewen Bremner als Spud, Jonny Lee Miller als Sick Boy und Robert Carlyle als Begbie) in die Entscheidung hinsichtlich der Entwicklung ihrer Charaktere involviert?

Danny Boyle: Wir haben ihnen früh eine präsentable Drehbuchfassung geschickt. Aber es war fast unmöglich, sie alle an einen Fleck zu bekommen. Schlussendlich ist es uns gelungen, drei von ihnen einige Monate vor den Dreharbeiten für eine erste Lesung zusammenzutrommeln. Alle bis auf Jonny waren dabei – und ihre Stimmen wieder zu hören war toll. Das hat John (Hodge, Drehbuchautor, Anm.) geholfen, das Drehbuch zu finalisieren. Insofern haben sie ihren Beitrag geleistet. Zugleich vertrauen sie mir und John mit Irvines Charakteren. Und am Set entwickelt sich das ganz organisch. Irgendjemandem fällt dann auf, wenn etwas in Bezug auf den ersten Film unstimmig ist, dann bessert man nach. Wir haben uns davon aber nicht allzu sehr leiten lassen, sondern hatten immer das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.

APA: 20 Jahre, nachdem Renton seine besten Freunde um 16.000 Pfund gebracht hat, scheinen diese recht ziellos vor sich hin zu leben. Was setzt Rentons Rückkehr in seinen Heimatort Leith bei allen Beteiligten in Bewegung?

Boyle: In gewisser Weise ist der erste Film wie ein Artefakt – es ist fast so, als wüssten die Charaktere, dass es einen Film über sie gibt. Es ist seltsam, das zu sagen, aber sie sind Meta-Charaktere, sie sind überhöht und nicht realistisch wie in einem Ken-Loach-Film. Sie sind sich dessen bewusst, dass man sie beobachtet. Alle waren in einer Art Warteposition. Freilich hat niemand Renton seither gesehen, weil er in Amsterdam war. Aber auch die anderen Drei haben einander in dieser Zeit nicht getroffen: Niemand hat Begbie im Gefängnis besucht, Spud hat Sick Boy nicht um Geld für Drogen angehauen. Sobald Renton zurückkehrt, zündet diese chemische Katastrophe, die ihre Freundschaft mitsamt ihrer Freuden und Schrecken darstellt, wieder. Die Szenen, in denen sie sich zum ersten Mal wiedersehen, sind unglaublich – wenn Sick Boy erstmals auf Renton trifft und sich im Pub mit ihm prügelt, wenn Renton zu Spud kommt, als der gerade versucht, sich umzubringen, wenn Begbie Sick Boy im Pub aufsucht und sie sich auf die Brust trommeln oder als sich Renton vor Begbie auf der Toilette versteckt. Das sind hervorragende Szenen, die zeigen, dass alles auf diese Kollision wartet, die Renton in Gang setzt.

APA: Nun erleben sowohl Hardcore-Fans als auch Neulinge, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Stimmungen “T2” in den Kinos. Was ist das eine verbindende Element, das sie alle im besten Falle von diesem Film mitnehmen?

Boyle: Es gab für mich einen entscheidenden Moment, als mir klar wurde, was dieses Element ist. Als wir den Film gedreht haben, haben wir kein einziges Mal über Männlichkeit gesprochen. Alle Diskussionen drehten sich darum, wie Zeit vergeht – davon sollte der Film handeln. Doch als ich im Schneideraum gesessen bin und gesehen habe, was der Cutter (Jon Harris, Anm.) innerhalb von drei Wochen zusammengestellt hat, habe ich erkannt: Jede Szene dreht sich um Männlichkeit. Da sind umherlaufende Kinder, die keinen Vater haben, oder von ihm in Stich gelassen wurden; Frauen, die enttäuscht von ihren Männern sind; Männer, die sich kontinuierlich benehmen, als seien sie jünger, als sie eigentlich sind – und Drogen nehmen, um das zu schaffen, nur ist es diesmal Viagra statt Heroin.

Es kreist konstant um Männlichkeit, um Entmannung: Renton kann keine Kinder bekommen, also denkt er sich welche aus; Begbie hat keine Erektion, also nimmt er Viagra; Sick Boy kann nicht mit Veronika schlafen, weil er sich sicher ist, dass sie einen netteren Kerl als ihn verdient. Also sind wir im Schnitt den Film als eine Art Reise vom Knaben- ins Mannesalter angegangen, in der Hoffnung, dass er sich genau so anfühlt. Wir docken an den ersten Film an, als sie noch unbekümmert und rücksichtslos waren, ihnen alles egal war, sie selbst inklusive – sie riskierten ihr Leben mit Drogen, Freunde starben. Und dann kommt das Erwachsensein und man kann sich nicht mehr so verhalten.

APA: Wie stehen Sie der Möglichkeit gegenüber, diese Reise fortzuführen? Robert Carlyle hat ja bereits sein Interesse bekundet, Irvine Welsh’ Fortsetzungsroman “The Blade Artist” über Begbie drehen zu wollen.

Boyle: Das ist zweifellos ein großartiger, sehr einzigartiger Roman in Irvines Werk, weil er sich um nur eine Figur dreht, während er sonst eine ganze Galerie an Charakteren hat. Er lässt einen nicht los und ist wie ein Film geschrieben. Wenn es realisiert wird, sollte man es nicht “T3” nennen, denn das muss mit allen Vier zu tun haben. Ich bin mir sicher, dass es zustande kommt. Ich weiß nur noch nicht, ob ich involviert sein werde. Ich könnte mich nicht gleich darauf einlassen, denn es gibt dabei eine Gefahr, die wir immer vermieden haben – nämlich, eine schnelle Fortsetzung zu drehen, weil eine Popularität, ein Appetit da ist. Wir haben das schon beim ersten Film nicht gemacht und vom Warten profitiert.

Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA

Danny Boyle, am 20. Oktober 1956 im englischen Radcliffe geboren, gab sein Regiedebüt 1994 mit der schwarzen Komödie “Kleine Morde unter Freunden”, der er zwei Jahre später die Low-Budget-Produktion “Trainspotting” folgen ließ. Der Film über den toxischen Lebensstil und die turbulente Freundschaft junger schottischer Drogensüchtiger avancierte zum Kult, prägte den Begriff “Cool Britannia” mit und bescherte u.a. dem späteren “Star Wars”-Star Ewan McGregor den Durchbruch. Seither bewies sich Boyle erfolgreich in diversen Genres, schuf etwa mit “Steve Jobs” großes Schauspielkino und mit “127 Hours” Spannung pur. Sein Drama “Slumdog Millionär” wurde 2009 mit acht Oscars ausgezeichnet, darunter dem Regiepreis. 2012 überzeugte er mit der Inszenierung der Eröffnung der Olympischen Spiele in London Kritiker und Zuseher.

INFO: www.t2trainspottingfilm.de

Von: apa