Henckels "Werk ohne Autor" floppte in Deutschland

Regisseur Donnersmarck: “Kunst ist die beste Waffe”

Samstag, 23. Februar 2019 | 10:28 Uhr

Kurz vor der 91. Oscar-Verleihung wurden die Anwärter für den Auslandsoscar, darunter Florian Henckel von Donnersmarck, im Hauptquartier der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Beverly Hills bejubelt. Hier sprach der 45-Jährige über schwierige Sexszenen und darüber, dass seine Filme, inklusive “Werk ohne Autor”, in der Heimat nicht immer die gewünschte Wertschätzung finden.

Vor Mitgliedern des Filmverbands und geladenen Gästen plauderten die fünf Oscar-Anwärter Donnerstagabend (Ortszeit) über ihre Filme. Gemütlich saß der Deutsche Florian Henckel von Donnersmarck neben “Roma”-Regisseur Alfonso Cuaron, der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki (“Capernaum”), dem polnischen Filmemacher Pawel Pawlikowski (“Cold War”) und dem Japaner Hirokazu Kore-eda (“Shoplifters”).

Der diesjährige Gewinner in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film, das war ziemlich klar, stand aber eigentlich schon fest für alle in der Runde: Alfonso Cuarons Netflix-Drama “Roma” ist für insgesamt zehn Oscars nominiert und zieht als großer Favorit Sonntagabend ins Rennen um den wichtigsten Preis der Filmbranche. “Dieser Kerl wird alles gewinnen!”, lachte Pawel Pawlikowski.

Es ist zwölf Jahre her, seit Florian Henckel von Donnersmarck für sein Stasi-Drama “Das Leben der Anderen” den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekam. In diesem Jahr hat der deutsche Filmemacher mit österreichischem Pass mit “Werk ohne Autor” Chancen auf gleich zwei Goldjungen: als bester fremdsprachiger Film und für die beste Kameraarbeit des Amerikaners Caleb Deschanel (“Die Passion Christi”).

Damals wie heute, erzählte der in Köln geborene Filmemacher, war sein Film in der Heimat nicht besonders erfolgreich – bis er plötzlich nominiert wurde. Und das hätte die Leute in Deutschland dazu gebracht, “Das Leben der Anderen” anzusehen. “Werk ohne Autor” hat in Deutschland an seinem ersten Wochenende nur 40.000 Besucher angelockt. Das US-Branchenblatt “Variety” spielte eine Geschichte mit dem Titel: “Deutsches Publikum schaut weg von ‘Never Look Away'”, so der englische Titel.

“Ich denke, wir haben jetzt den gleichen Mechanismus”, erklärte von Donnersmarck und fügte hinzu: “Es wäre gut, wenn unsere Länder in ihrer eigenen Meinung etwas selbstbewusster wären, aber alle schätzen die Meinung der Academy!”

Sein Drama, basierend auf dem Leben des deutschen Malers Gerhard Richter, handelt von dem Künstler Kurt Barnert, der im Nationalsozialismus heranwächst, dann später in der DDR als sozialistischer Realist erfolgreich wird und schließlich in den Westen flieht. “Es gibt etwas an der Kunst, das für die Freiheit von grundlegender Bedeutung ist, und es ist immer noch die beste Waffe gegen politischen Extremismus”, so Donnersmarck.

Eine der größten Herausforderungen für den Deutschen waren die Sexszenen. “Das Kino ist ziemlich prüde geworden und ich finde, das ist ein Problem”, erklärte er. Sexszenen müssten stimmig sein und sollten den Film nicht unterbrechen, betonte er weiter. Aber seine Schauspieler hatten nicht so viel Erfahrung mit Filmsex, also hat er die gesamte Choreografie mit “zwei freigeistigen” Schauspielerdoubles in einem Hotelzimmer erarbeitet, die er dann in der allerersten Woche mit Tom Schilling und Paula Beer drehte. “Ich dachte, dass es eine wirklich gute Möglichkeit für die Schauspieler ist, sich kennenzulernen,” lachte Donnersmarck.

Ein Darsteller, den er unbedingt für seinen Film wollte, war Sebastian Koch, der einen SS-Frauenarzt spielt, und an diesem Abend auch im Publikum saß. “Ich konnte mir einfach niemand anderes vorstellen”, so der Regisseur. Anders mit Tom Schilling, der Kurt Barnert spielt, und Donnersmarck den gesamten Castingprozess “neu überdenken hat lassen”. Donnersmarck war schon lange von dem 37 Jahre alten Schauspieler beeindruckt gewesen. Er hat nicht viel Dialog im Film, also war es wichtig einen ausdrucksstarken Darsteller zu engagieren. “Aber als wir das erste Vorsprechen gemacht haben, war das gewisse Etwas nicht da”, erinnerte sich der Regisseur auf der Bühne, “wir konnten es auf den Bändern sehen, und ich dachte mir, vielleicht war es nur eine ungewöhnliche Situation für ihn, vielleicht hatte er Angst vor mir, aber wieder und wieder war es nicht da.”

Nach mehreren missglückten Versuchen, verschiedenen Szenenpartnerinnen, und dem siebenten Vorsprechen gab Tom Schilling ihm einen Brief, den er zuvor geschrieben hatte, und darin stand: “Florian, ich weiß, dass diese Vorsprechen schlecht sind. Ich weiß genau, was Du von diesem Charakter erwartest, und ich weiß, was du von mir willst, aber ich kann es Dir in solch einer Situation nicht geben, denn um etwas so Feines und Kompliziertes zu spielen, muss ich mich gewollt, angenommen und geliebt fühlen. Also nimm es einfach in gutem Glauben, ich kann diese Rolle spielen.” Und er tat es. Mit dem Brief konnte Schilling den Regisseur überzeugen. Und sobald er im Kostüm war, “war alles da”, so Donnersmarck.

Von: apa