Hans Weingartner "brennt" für politisch-engagierte Filme

Regisseur Hans Weingartner über seinen neuen Film “303”

Freitag, 13. Juli 2018 | 10:30 Uhr

Mit “303” legt der gebürtige Vorarlberger Hans Weingartner seinen ersten Spielfilm seit 2011 vor. Auch sein neues Werk ist wieder ein politisch-engagiertes, der Dialogfilm eines Paares. Und genau dafür brenne er, so der Regisseur im APA-Interview. Ein Gespräch über das Glück der Gemeinschaft, Schreibblockaden und furzende Kühe.

APA: Bei der Berlinale feierte “303” in der Jugendschiene “Generation 14plus” Weltpremiere. Sehen Sie ihn selbst als Jugendfilm?

Hans Weingartner: Natürlich ist das ein Jugendfilm. Aber was heißt “Jugend”? Mein Koproduzent Rainer Kölmel ist 70 – aber das ist der jüngste Mensch, den ich kenne. Und auch auf der Berlinale war das Publikum zwischen 17 und 70. Der Film kommt auch bei älteren Leuten extrem gut an.

APA: Zwischen Ihrem vorletzten Film “Die Summe meiner einzelnen Teile” und “303” lagen sieben Jahre. Weshalb die lange Pause?

Weingartner: Das hatte verschiedene Gründe. Erstens bin ich kein so effizienter Mensch, der einen Film nach dem anderen abliefern kann. Obwohl ich in Deutschland lebe, verweigere ich mich der Diktatur der Effizienz. Zwischendrin sind auch andere Projekte geplatzt. Zudem war es eine echte Herausforderung, die Schauspieler zu finden. Dazu kommt, dass ich keine Drehbücher geschickt bekomme – ich muss die also immer selber schreiben. Dabei wäre ich am liebsten gar nicht Autorenfilmer, aber ich muss halt. Und so hat man halt auch mal eine Schreibblockade. Es hat also verschiedene Gründe, warum das so lange gedauert hat.

APA: Ist “303” so etwas wie Ihr Opus Magnum?

Weingartner: Es war ein “Work in Progress” Projekt. Ich habe fast 20 Jahre an den Dialogen geschrieben. Ich könnte da eine Fernsehserie mit fünf Seasons draus machen. Ich habe so eine philosophische Ader und liebe Theorien – wie funktioniert die Welt? Diese nächtelangen Diskussionen am WG-Tisch wie zu meiner Wiener Zeit gibt es in Berlin leider weniger. Deutschland ist das Land der Praktiker. Jeder hat ein Projekt, das wird gemacht. In Wien hingegen wurde das Herumsandeln und Tachinieren und Scheitern immer auch respektiert.

APA: Ihre beiden Hauptfiguren Jule und Jan belassen es – anders als die Charaktere Jule und Jan in Ihrem frühen Erfolg “Die fetten Jahre sind vorbei” – beim Theoretisieren, gehen nicht in die Aktion. Ist das ein Ausdruck unserer Zeit?

Weingartner: Was ist der Mensch? Wie funktioniert dieses System eigentlich? Die Theorie bestimmt die Praxis, nicht umgekehrt. Bevor man handelt, sollte man wissen, wo man den Hebel ansetzen muss. In “Die fetten Jahre sind vorbei” stürmen die Protagonisten los, ohne genau zu wissen wohin. In “303” wird nochmal grundsätzlich besprochen, was die Grundlagen dieses Systems sind, die Mechanismen. Einfach nur die Bonzen zu köpfen, das hat noch nie funktioniert.

APA: Haben Sie beim Dreh Improvisation zugelassen?

Weingartner: Der Text war genau niedergeschrieben, aber dann habe ich mich sechs Wochen mit den Schauspielern eingeschlossen und wir haben ihm den letzten Schliff gegeben. Und wir haben ausführlich die Inhalte besprochen, damit die beiden sie wirklich verstehen und im Schlaf spielen können. Dadurch konnten sie sich beim Drehen auf die Emotion konzentrieren. Einen Satz wie “Monogamie ist kulturell programmiertes Unglück”, den musst du verstehen, sonst klingt er gestelzt.

APA: Sie sind auch bei “303” wieder Drehbuchautor und Regisseur in einer Person. Fehlt da nicht der Reibebaum des kreativen Gegenübers?

Weingartner: Das ist leider so beim Autorenfilm – muss man eine gespaltene Persönlichkeit sein. Da muss sich nicht nur der Drehbuchautor innerlich mit dem Regisseur unterhalten, sondern in meinem Fall auch der Produzent mit dem Regisseur. Da sagt der eine “Ich brauche diesen Shot unbedingt”, während der andere meint: “Dafür hast Du die Kohle nicht!”. Natürlich setzt sich immer der Regisseur durch – auch deshalb ist mir das Geld ausgegangen zwischendrin. Da mussten dann Sponsoren wie meine Schwester einspringen.

APA: Wie sehr haben Sie beim Schreiben Ihrer sehr gesellschaftskritischen Texte auch bereits an das Filmbild gedacht?

Weingartner: Der Film ist eine Umsetzung meiner beiden Leidenschaften Film und Wissenschaft: Es gibt einerseits die Texte und andererseits das Roadmovie in Kombination mit einer Liebesgeschichte. Dafür bin ich die Strecke selbst abgefahren in weiblicher Begleitung, aber immer mit einer Frau, die nicht meine Freundin war – mit drei verschiedenen Frauen, weil keine so lange Zeit hatte. Damit ich diese Zwischenräume verstehe, wie eine Reise abläuft, die man nicht als Paar macht. Ich habe den Film in real gelebt. Und dann musste ich im Nachhinein mit dem Finanzamt streiten, dass ich die Kosten absetzen kann. “Sie waren doch nur privat campen!” Hah, wenn die wüsten wie anstrengend Roadmoviedrehs sind! Das war harte Arbeit (lacht).

APA: Auch “303” setzt sich sehr kritisch mit den Bedingungen unserer heutigen Gesellschaft auseinander. Sehen Sie denn ungeachtet aller politischen Entwicklungen gar keine Bewegung hin zum Besseren?

Weingartner: Es tut sich schon was. Aber solange es die Kluft gibt zwischen dem, wie wir leben wollen und dem, wie wir tatsächlich leben, sehe ich keinen Grund aufzuhören. Wir brauchen einen Generalstreik! Wir wollen als Menschen nur friedlich zusammenleben und uns nicht ständig gegenseitig ausstechen müssen. Unser Leben ist doch inzwischen eine einzige große Castingshow. Warum gibt es so viel Burn-out?! Laut Glücksforschung ist die Nähe zu anderen Menschen der wichtigste Glücksfaktor. Politisch geht es aber in die andere Richtung, in Richtung Separation, in Richtung Neandertaler. Und Donald Trump ist der Ober-Neandertaler, der uns zu Raubtieren degradieren will. Dabei sind wir von Natur aus gar keine Fleischfresser, wir haben keine Fangzähne. Was die Republikaner derzeit mit ihrer Marionette Trump durchziehen ist das Schlimmste, das je eine Gruppierung der Menschheit angetan hat: Sie fahren alle Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zurück und wollen noch mehr Kohle verbrennen, die Leute noch mehr auseinanderdividieren, noch mehr sozialen Sprengstoff, noch mehr Waffen, noch mehr Trash-TV. Dagegen müssen wir uns wehren.

APA: Kann solch ein Backlash nicht auch ein “Arschtritt” für eine Gesellschaft sein?

Weingartner: Wenn es dadurch einen Atomkrieg gibt, war das der letzte Arschtritt. Auch die Erderwärmung ist ab einem gewissen Grad nicht mehr umkehrbar. Wir haben nicht mehr so viel Spielraum wie wir denken. Taut der Permafrostboden in Sibirien auf, dann war’s das. Tschüss Menschheit. Jede andere Spezies auf der Welt würde sich übrigens riesig freuen, wenn der Mensch aussterben würde. Letztlich ist das nichts anderes als schlechtes Karma: Das Massakrieren und die Quälerei von Tieren durch die Fleischindustrie schlägt im Endeffekt auf uns zurück, denn die Massentierhaltung ist zu 60 Prozent für die Erderwärmung verantwortlich. Jetzt sind wir schon wieder total am Theoretisieren – ich liebe solche Gespräche. Genau so etwas wollte ich mal in einen Film packen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

Von: apa

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