Vom Filmemacher zum Buchautor

Regisseur und Autor Fritz Lehner wird 70

Dienstag, 15. Mai 2018 | 13:20 Uhr

Fritz Lehner wird am 15. Mai 70 Jahre alt. Am Tag davor wollte er das Manuskript zu seinem zehnten Buch abschließen. Neun Monate hat er an dem Roman “13 A” gearbeitet, der mit “Seestadt” und “Nitro” eine Trilogie bilden wird. Diesmal geht es um eine Serienmörderin. “Ich bin vom Schreiben gefangen genommen”, sagt er. “Ich arbeite mehr als jemals zu vor.” Er schreibt, seit er keine Filme mehr dreht.

Ganz so stimmt das natürlich nicht. “Ich habe schon immer sehr gerne geschrieben”, sagt Lehner im Gespräch mit der APA. “Für mich war es als Regisseur nie ein Problem, ein Drehbuch schreiben zu müssen und noch nicht drehen zu können. Es war mir immer ein großer Genuss, ein, zwei Jahre am Drehbuch zu arbeiten. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass alles vom Drehbuch abhängt.” Seine Akribie in der Vorbereitung lässt sich auch am Umfang seiner Zettelkästen messen: 10.000 Karteikarten sollen es für sein letztlich nicht verfilmtes Skript “Frederick” über Friedrich den Großen gewesen sein. Seine Recherchen über die k.u.k. Nordpolexpedition von Julius Payer und Carl Weyprecht (2.000 Karten) waren die ersten, die nach dem Scheitern des Filmprojekts zum Buch wurden: “R” (spiegelverkehrt geschrieben) war 2003 sein erster Roman. “Das war der Beginn meines zweiten Lebens.”

“Jedermanns Fest” war 2002 sein letzter Film. Bis dahin hatte der 1948 im oberösterreichischen Freistadt Geborene als wesentlicher Protagonist des heimischen Nachkriegsfilms gegolten. “Ich habe meine allerbeste Zeit in der goldenen Ära des Fernsehfilms im ORF erlebt”, erinnert sich Lehner. “Das hat mich ausgemacht. Das war ich.” Unter Abteilungsleiter Gerald Syszkowitz gab die heimische Fernsehanstalt 20 bis 25 Literaturverfilmungen pro Jahr in Auftrag, und schon unmittelbar nach seinem Diplom an der Wiener Filmakademie erhielt Lehner seine erste Auftragsarbeit: “Der große Horizont” (1976), die Adaption eines Romans von Gerhard Roth. In den folgenden Jahren realisierte Lehner Literaturverfilmungen wie Innerhofers “Schöne Tage” (1981), eigene Drehbücher wie “Edwards Film” (1977) und fremde wie “Der Jagdgast” (1978) von Gernot Wolfgruber.

Für Kontroversen sorgte Lehners Porträt seines Heimatorts “Freistadt” (1976), das manchen als “Nestbeschmutzung” galt. 40 Jahre später erhielt er beim Festival “Der neue Heimatfilm” den Würdigungspreis der Stadt Freistadt. “Das Dorf an der Grenze” (1979-83), ein von Thomas Pluch geschriebener Dreiteiler über die Geschichte Südkärntens und ein Plädoyer für das friedliche Zusammenleben von Österreichern und Slowenen, wurde von Jörg Haider als “Machwerk übelster Sorte” diffamiert. Höhepunkt seiner Arbeit wurde 1986 der Schubert-TV-Dreiteiler “Mit meinen heißen Tränen”, der 1988 als “Notturno” auch fürs Kino adaptiert wurde.

Der Film mit dem jungen Udo Samel in der Hauptrolle machte Aufsehen – u.a. weil es außergewöhnlich fotografiert war, und weil es sich nicht auf den Musiker, sondern auf den unglücklichen und an Syphilis erkrankten Menschen konzentrierte. Ein Künstlerfilm als Triumph eines eigenwilligen Filmkünstlers. Danach begannen die Schwierigkeiten.

“Der ORF hat sich danach gewandelt”, sagt Lehner heute. “Ein Schubert-Film war damals möglich. 15 Jahre danach war ein Bruckner-Film nicht mehr möglich. Es war auch der Film ‘Hotel Metropol’ über die ehemalige Wiener Gestapo-Zentrale, den ich jahrelang betrieben habe, nicht möglich. Mit dem Ergebnis, dass ich dann einen Roman mit drei Teilen und 1.600 Seiten daraus gemacht habe. Es ist ganz bedauerlich, dass mein Kafka-Film nicht möglich war, den ich nach Schubert machen wollte. Die Verfilmung des Romans ‘Fasching’ von Gerhard Fritsch habe ich 1980 zum ersten Mal angeboten. Und ich bedauere zutiefst, das der großartige Roman ‘Die größere Hoffnung’ von Ilse Aichinger, die eine Kinogeherin war, nicht verfilmt wurde.”

Fritz Lehner spricht gerne über nicht verwirklichte Projekte, “denn so bleiben sie in Erinnerung”. Es sind viele. Der Film “Der Baum” etwa, der zeigen sollte, was während der langen Lebenszeit eines Baumes so alles rund um ihn passiert. “In Verbindung mit einem 70. Geburtstag gefällt mir, dass alte Bäume attraktiver sind als junge”, schmunzelt der Mann mit den langen weißen Haaren. Aus dem “Baum” wird aber kein Roman werden: “Dieser Stoff ist zu filmisch.”

Lehners multimedialer Fortsetzungs-Krimi “Margolin” war 2012 ein Versuch, beide Genres zu verbinden. Monatelang stellte er jede Woche nicht nur einen neuen Text, sondern auch einen neuen Filmclip dazu online. Kein Low Budget Film, sondern ein No Budget Film. “Ich möchte nicht die Restspielzeit meines Lebens mit Betteln um Geld verbringen”, sagt Lehner, der am Roman-Schreiben auch genießt, “dass man nicht zugleich mitdenken muss, was es kostet”.

Hat der rasante technische Fortschritt und die Veränderung der Branche dem Avantgardisten Lehner nicht in die Hände gespielt? Gibt es heute nicht jede Menge ästhetisch anspruchsvolle Produktionen, die im Internet ihr Publikum finden? Er habe alles technische Equipment zu Hause und halte sich am neuesten Stand, versichert der Regisseur. “Aber jetzt Videofilme zu machen – dazu hab ich noch zu wenig geschrieben. Das Schreiben ist für mich eine große Erfüllung. Ich leide nicht darunter. Nur, dass ich nicht mit einem Team arbeiten kann, fehlt mir.” Außerdem gelte: “Alle meine Romane sind auch Filmprojekte. Ohne, dass ich sie betreibe. Aber ich hätte kein Problem, einen Stoff zu haben.” Wenn wer fragt. Doch niemand fragt.

Das liegt vor allem an “Jedermanns Fest”. Ausgerechnet Lehners 13. Film wurde ihm zum Verhängnis und der Regisseur zum Outcast der Branche. “Solidarität habe ich nicht erlebt. Bis auf zwei Regiekollegen, die vermitteln wollten, hat sich kein einziger gerührt. Mancher hat sich vielleicht gedacht: Ein Konkurrent weniger.” Das Projekt einer Transponierung des Jedermann-Stoffes in die Modebranche der Gegenwart wurde zum Fiasko und zum damals teuersten österreichischen Film der Nachkriegszeit. “Das Drehen war hervorragend. Dass wir nicht in der geplanten Zeit fertig geworden sind, hat dann zur Eskalation geführt. Mein Problem ist ja, dass immer alles zu umfangreich wird.”

Der Film, den die Stars Klaus Maria Brandauer und Juliette Greco zum Publikumserfolg machen sollten, lag jahrelang halb fertig auf Eis und wurde zum erbittert geführten Rechtsstreit, in dem es buchstäblich um Existenzen ging und dessen Wunden bis heute nicht verheilt sind. “Es kam auf die Ebene der Anwälte und zum Versuch, den Film ohne mich fertigzumachen. Es war der Kampf eines Regisseurs gegen eine Produktion.” Lehner konnte sein Recht durchsetzen, den Film selbst fertigzustellen, und ist mit dem Resultat zufrieden. Die Kritik war es nicht. Dennoch gab es für “Jedermanns Fest” 2002 den Großen Diagonale-Preis, eine von vielen Auszeichnungen in Lehners Karriere.

“Für mich ist dann etwas Kunst, wenn es wirklich in der Lage ist, Menschen zu irritieren, aufzuwühlen, zu bereichern, weiterzubringen. Ich bin ein großer Gegner der Haltung: ‘Kunst bewirkt nichts.’ Ich halte das für falsch. Natürlich bewirkt Kunst, bewirken Filme unglaublich viel. Wir merken es nur nicht gleich”, versichert Fritz Lehner und bringt ein Beispiel: “Mein Leben ist durch die Schwarz-Weiß-Filme, die ich als Bub vor der Auslage eines Elektrogeschäft in Freistadt frierend gesehen habe, sicher verändert worden.” Damals habe er auch jenes Künstlerbild entwickelt, dem er später immer zu entsprechen versucht habe: “Ich wollte nichts Besonderes sein, ich wollte etwas Besonderes tun. Dabei habe ich mich aber nie mit den Mächtigen verbrüdert. Ich muss niemandem dankbar sein. Mir wurde nichts geschenkt.”

Das Gespräch ist zu Ende. Ein Blick auf das Aufnahmegerät: Das Zählwerk zeigt nur sechs Minuten länger als die geplante Stunde. Fritz Lehner lacht: “So wenig zu lang war ich noch nie.”

Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA

Von: apa

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