Lukas Valenta Rinner hat derzeit kein Interesse an Popcorn-Kino

Regisseur Valenta Rinner erzählt über “Die Liebhaberin”

Mittwoch, 23. August 2017 | 10:59 Uhr

Er ist eine der aufstrebenden Regiehoffnungen des österreichischen Kinos – respektive des argentinischen: Lukas Valenta Rinner. Der 32-Jährige hat heuer mit seinem Zweitling “Die Liebhaberin”, der am 1. September anläuft, den Großen Spielfilmpreis bei der Diagonale abgeräumt. Mit der APA sprach der Regisseur über Dreharbeiten zwischen Sexorgien, politischen Anspruch und Humor als Schmerzmittel.

APA: Ihre Ausbildung hat in Salzburg im erzbischöflichen Gymnasium begonnen. Eine prägende Erfahrung?

Rinner: Das war sehr brav katholisch. Aber das Gute war der musikalische Schwerpunkt – und das hat mich in Richtung der Kunst gebracht. Ich hatte mit meinem jetzigen Kameramann Roman Kasseroller mit 16 Jahren eine Grunge-Band und bin dann über das Theater und Zeichnen zum Film gekommen. Das war einerseits eine Rebellion, andererseits wurden diese Projekte intern auch gefördert.

APA: Und danach ging es für Sie ohne jegliche Sprachkenntnisse nach Barcelona?

Rinner: Ich bin bei der Recherche dort auf einen zweijährigen Grundkurs in Regie gestoßen. Und ich wollte sowieso raus und die Welt kennenlernen – und mich auch ein wenig abgrenzen von den “normalen” österreichischen Lebenswegen, die klassisch von Salzburg nach Wien führen. Eines Tages, nachdem ich schon längere Zeit in Barcelona war, hat mich dann mein Schulfreund Roman angerufen und gefragt, ob wir gemeinsam Film in Buenos Aires studieren wollen. Zuerst haben wir Urlaub in Argentinien gemacht – und drei Monate später stand fest, dass wir dort hingegen. Und nun sind wir schon zehn Jahre dort.

APA: Während Ihr Erstling “Parabellum” einst über lange Zeit entstand, haben Sie “Die Liebhaberin” in Rekordzeit gedreht. Wie kam das?

Rinner: Bei “Parabellum” hat es Jahre gedauert, bis wir fertig waren. Das war ein ewig langer Prozess. Und dann kam das südkoreanische Jeonju Filmfestival auf mich zu und hat gefragt, ob ich eine Idee für einen neuen Film hätte. Ich habe ihnen dann eine Synopsis geschickt und hatte eine Woche später die Zusage – allerdings mit der Vorausgabe, dass der Film in sechs Monaten fertig ist. Dann hat das Kamikazearbeiten begonnen: Gleichzeitig Drehbuchschreiben, Casten, Locations finden. Eine Woche vor Beginn war das Drehbuch fertig. Das war ein Jazzprojekt, bei dem man immer auf das reagiert, was auf einen zukommt. Das war eigentlich sehr verrückt.

APA: Und doch zeichnet sich “Die Liebhaberin” durch eine sehr markante, elaborierte Optik aus. Wie haben Sie das geschafft?

Rinner: Mein Kameramann Roman und ich verstehen uns schon intuitiv. Wir wissen, wie wir mit der Distanz spielen, wann wir Handkamera einsetzen. Dabei lief der Betrieb im Nudistenklub ja ganz ungestört weiter, als wir gedreht haben. So ist unser Cast während der Dreharbeiten immer angewachsen.

APA: War es schwierig, die professionellen Darsteller zu casten? Schließlich müssen diese viel nackte Haut zeigen…

Rinner: Wahnsinnig. Vor allem auch, weil Nacktheit in Argentinien ein riesiges Tabu ist und keine Tradition der Saunakultur existiert. Das ist immer noch sehr sexualisiert. Iride Mockert, unsere Hauptdarstellerin, musste da einen schwierigen Prozess durchmachen, auch wenn sie uns vertraut hat. Sie kommt zwar aus einem sehr körperlichen Theater. Aber es ist natürlich nicht einfach, wenn du in einem Nudistenklub zwischen lauter Laien drehst und dich auf deine Szene konzentrieren musst, während zehn Meter weiter eine Orgie gefeiert wird. Das war für uns alle eine Art Abenteuerreise. Aber man gewöhnt sich daran. Da werden die Sexgeschichten drum herum zum Drehklatsch. Und ich mag den Fokus auf Körper, der keine erotisierende Ästhetik ist.

APA: Die Sprache spielt in Ihren Filmen keine narrative Rolle, ist mehr Geräusch. Hängt das damit zusammen, dass Sie als Nicht-Muttersprachler hier eine gewisse Distanz haben?

Rinner: Vielleicht hat es tatsächlich damit zu tun. Meine Filme haben ja ein wenig den Blickpunkt des Beobachters. Und das entspricht vielleicht auch meiner Position in den vergangenen Jahren als jemand, der nicht im argentinischen Kulturkreis aufgewachsen ist. Es ist wichtig, ohne Dialoge zu kommunizieren – die werden im deutschsprachigen Kino oft missbraucht, um Innerlichkeiten zu kommunizieren. Das finde ich relativ uninteressant. Ich brauche Schauspieler, die viel Entwicklung über ihren Körper ausdrücken können.

APA: Wie ist Ihre Position im argentinischen Filmschaffen: Sind Sie so etwas wie ein Exot?

Rinner: Man wird schon mit einem gewissen Misstrauen beobachtet. Allerdings haben wir mittlerweile mehrere Regisseure, die aus dem Ausland kommen. Es gibt also auch andere “Aliens” in Buenos Aires, die neue Stimmungen reinbringen. Das neue argentinische Kino war zuletzt etwas erstarrt – und vielleicht bringen wir etwas frischen Wind rein.

APA: Zugleich haben Sie mit Nabis Ihre eigene Produktionsfirma gegründet, die eine Schnittstelle nach Europa sein soll?

Rinner: Die argentinischen Förderstrukturen funktionieren wahnsinnig langsam. Das ist das Gute an der österreichischen Filmförderung, die relativ schnell auf neue Projekte reagiert. Deshalb habe ich Nabis als Standbein in Österreich gegründet. Unser Ziel ist, Koproduktionen mit Österreich zu kreieren und die hiesige Filmszene mit Lateinamerika zu vernetzen. Lateinamerikanische Filme stoßen im deutschsprachigen Raum schließlich auf großes Interesse.

APA: Was ist für Sie der Ausgangspunkt eines Projekts? Ein Bild? Ein Sujet?

Rinner: Meist sind es Lebensräume, Gruppen, die zwar am Rand unserer Gesellschaft stehen, aber sehr viel über die Gesamtheit aussagen. Diesen Ansatz versuche ich nun bei meinem nächsten Projekt auf Österreich umzulegen. Ich kann da hoffentlich eintauchen und etwas zurückbringen, das für die gesamte Gesellschaft Relevanz hat.

APA: Wie politisch denken Sie Ihre Arbeiten?

Rinner: In den vergangenen Jahren gab es ein sozialpornografisches Kino, in dem die Armut als interessantes Phänomen für den internationalen Markt gezeigt wurde. Ich hingegen versuche, mich den Phänomenen mit einem gewissen Humor zu widmen. Wenn man nur Schmerz zeigt, kann sich der Zuschauer leichter distanzieren – das ist wie bei den Nachrichten. Die Diskussion entsteht oft aus einer gewissen Distanz.

APA: Das Popcornkino reizt Sie als Regisseur gar nicht?

Rinner: Im Moment überhaupt nicht. Aber man weiß ja nie, wohin man sich entwickelt. Solange ich aber die Energie habe und jung bin, werde ich mich gegen das Kompromisskino wehren.

(ZUR PERSON: Lukas Valenta Rinner wurde am 16. Mai 1985 in Salzburg geboren und ging dort ins erzbischöfliche Gymnasium. Nach der Schule studierte er zunächst in Barcelona und wechselte dann nach Argentinien, wo er sich den Künstlernamen “Valenta” als Referenz auf einen alten Familienzweig zulegte. Sein dystopisches Debüt “Parabellum” lief 2015 gleich beim Filmfestival Rotterdam im Wettbewerb und wurde auf der Diagonale als Bester Nachwuchsfilm gewürdigt. Mit seinem neuen Werk “Die Liebhaberin” (Los Decentes) triumphierte Valenta Rinner bei der Diagonale mit dem Großen Spielfilmpreis.)

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

Von: apa