Regisseur Boote steht dort, wo einst Regenwald stand

Regisseur Werner Boote über die “grüne Lüge”

Mittwoch, 07. März 2018 | 05:05 Uhr

Werner Boote legt den Finger in die Wunde: Der österreichische Dokumentarfilmer hat sich bereits mit Überbevölkerung und Plastikindustrie auseinandergesetzt, jetzt ist Greenwashing dran. In “The Green Lie” demaskiert er mit Journalistin Kathrin Hartmann Strategien von großen Unternehmen, um als nachhaltig und umweltbewusst zu gelten. Er fragt sich dabei: “Für wie blöd wollt ihr mich verkaufen?”

Ausgangspunkt für seinen Film ist eine Situation, die wohl viele kennen: Man steht im Supermarkt und versucht, ökologisch vertretbare Lebensmittel auszuwählen. “Die Menschen verspüren einfach mehr Druck bei der Entscheidung, welches Produkt sie nehmen sollen”, erläutert Boote im APA-Interview. “Die Aufgabe des Films ist es, die Verzweiflung des Alleinseins im Supermarkt wegzunehmen und dorthin zu führen, dass sich viele Menschen damit beschäftigen und man nicht allein in dieser Situation ist.”

Der Griff zu Banane, Fertiggericht oder Brot fächere schließlich viele Themen auf: Arbeitsrecht, Klimawandel, Transport. Aber kein normaler Konsument könne in all diesen Fragen Experte sein. “Genau das ist die Lüge”, umreißt Boote, “dieses ‘Du bist verantwortlich’. Das muss durchschaut werden, um zum nächsten Schritt gehen zu können.” Den haben er und seine Filmpartnerin Kathrin Hartmann, die sich als Journalistin seit vielen Jahren mit Greenwashing auseinandersetzt, gemacht: Sie sind in den vergangenen Jahren quasi einmal um die Welt gereist und haben sich unterschiedlichste Branchen angesehen. “Es existiert ja überall, mit den immer selben Mechanismen.”

Für Hartmann war die Dokumentation auch Neuland. “Als schreibende Journalistin habe ich sonst einen viel größeren Aufwand und muss sehr viel erklären. Es in Bildern zu zeigen war natürlich etwas Neues für mich.” Auch die Zusammenarbeit mit Boote sei besonders gewesen. “Er, der mich herausfordert und immer wieder fragt: Wieso jetzt? Moment mal! Das ermöglicht es den Leuten, uns auf eine andere Art und Weise zu folgen.” Dem pflichtet Boote bei: “Es ist ja kein Spielfilm. Wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist: Sie in ihrer Tendenz, mich mit ihrem Wissen zu überfluten, und ich in meiner Tendenz, ein bisschen zu begriffsstutzig zu sein.”

Thematisch hätten beide bestimmte Aspekte eingebracht. “Jeder hatte seine Präferenz”, so Boote. Davonausgehend habe man weitere Recherchen unternommen und so die Palette erweitert. “Für mich war jedenfalls klar, Deepwater Horizon und BP zu zeigen”, verweist der Regisseur auf das Bohrinselunglück 2010 im Golf von Mexiko. “Das ist ja bekannt als eines der größten Greenwashing-Beispiele.” Andererseits nimmt die Palmölindustrie einiges an Raum ein, sind die beiden doch u.a. auf einem verkohlten Ascheacker in Indonesien zu sehen. “Das tut weh und muss man erst mal aushalten”, betont Hartmann. “Aber auch diese Leute halten das Elend jeden Tag aus”, verweist sie auf die Bevölkerung vor Ort.

Mit “The Green Lie” wollen Boote und Hartmann jedenfalls die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. “Die Aufgabe des Films ist, das mehr ins Gespräch zu bringen: Wieso kann es sein, dass ich als Einzelperson für etwas verantwortlich gemacht werde, was ich nicht checken kann? Schon das kleinste Produkt ist global mit so vielen Rechten und Unrechten verknüpft”, bekräftigt Boote. Für Hartmann war es wesentlich, auch “die Stimmen der Leute vor Ort” einzubeziehen, wie etwa indigene Stämme in Brasilien, die um ihr Land kämpfen. “Das sind ja nicht nur Opfer, sondern auch die Handelnden. Sie haben ganz klare Vorstellungen, wie sie leben wollen und wogegen sie kämpfen. Das ist etwas ganz Anderes als die Erzählung, dass wir nur als Konsumenten handeln können. Das hat niemand vor Ort gesagt, die kämpfen ja nicht für bessere Lieferketten.”

Oft gelingt es dem Duo, Fakten mit emotionalen Bildern oder unterhaltsamen Anekdoten zu erweitern. “Es soll über die reine Aufklärung hinausgehen”, erhofft sich Hartmann. “Ich will es ja noch selber gerne erleben, in einer anderen Welt leben zu können. Der Film erreicht die Leute auf einer emotionalen Ebene: Sie sind nah dran, werden berührt, werden wütend. Oder sie lachen. Wenn man über diese Strategien der grünen Lügen lacht, ist man einen wesentlichen Schritt weiter aus der Machtlosigkeit.”

Auch Boote versucht sich an einem positiven Zwischenresümee. “Seit mittlerweile 50 Jahren lassen wir uns grüne Lügen und Slogans auftischen. Wir haben aber sicher schon lange gewusst, dass das nicht stimmt. Für wie blöd wollt ihr mich verkaufen? Wir versuchen, Lösungsansätze zu zeigen. Die Frage ist nur, wann der Moment zum Handeln kommt – wenn alles verbrannt ist? Kurzfristig bin ich Pessimist, mittelfristig gesehen ein Optimist”, so der Regisseur. Wem der Film übrigens nicht reicht, der kann auch zu Hartmanns Buch “Die grüne Lüge” greifen, das parallel zu den Dreharbeiten entstanden ist.

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

INFO: Kathrin Hartmann: “Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell”, Blessing, 240 Seiten, 15,50 Euro; Website zum Film: http://thegreenlie.at

Von: apa