Ruth Mader fürchtet die Gegenwart

Regisseurin Mader über ihren Sci-Fi-Film “Life Guidance”

Freitag, 05. Januar 2018 | 12:13 Uhr

Eine unterkühlte Gesellschaft, in der nur Erfolg und Funktionalität zählen: Ruth Mader hat sich mit “Life Guidance” einer gar nicht so fernen Zukunft gewidmet und dabei ein dystopisches Bild gezeichnet. Ab 12. Jänner läuft der neue Film der österreichischen Regisseurin in den Kinos. Mit der APA sprach sie davor über ihr Faible für Science-Fiction, passende Bilder und die Kraft der Reduktion.

APA: Frau Mader, was reizt Sie an Science-Fiction?

Ruth Mader: Mich interessiert gesellschaftliche Science-Fiction, wie Orwells “1984” oder “Clockwork Orange”. Das sind Klassiker, die gesellschaftliche Zustände beleuchten und ins Jetzt reflektieren. Dadurch bleiben sie für viele, viele Jahre gültig. Wir wollten einen Science-Fiction-Film machen, wo der Zuseher während des Films merkt, dass es eigentlich schon im Jetzt sein könnte.

APA: Wie furchteinflößend ist denn die Gegenwart?

Mader: Ich finde sie schon furchteinflößend. Dieses Unbehagen mit der Gesellschaft hatten eben mein Koautor Martin Leidenfrost und ich. Wir haben das in vielen Gesprächen analysiert, was es eigentlich ausmacht, bis wir auf diesen Plot gekommen sind mit der Agentur (die titelgebende “Life Guidance”, Anm.), die die Leute optimiert.

APA: Eine weitere Ebene von “Life Guidance” ist das komplett durchgetaktete, kapitalistische System, das all dem zugrunde liegt. Stecken wir da schon mitten drin?

Mader: Da stecken wir mitten drinnen.

APA: Gibt es aus Ihrer Sicht Gegenbewegungen?

Mader: Es ist ja auch selbst verschuldet. Zum Beispiel die Tatsache, dass Leute ihre intimsten Dinge ins Netz stellen. Der gläserne Bürger ist ja kein orwellscher Überwachungsstaat mehr, die Leute machen das selber. Und das ist eigentlich das Befremdliche.

APA: Im Film hört die Agentur “Life Guidance”, konkret in Form von Florian Teichtmeister, alles mit. Wir tragen unseren kleinen Spion mit dem Smartphone in der Hosentasche, überspitzt formuliert. Hatten Sie das im Hinterkopf?

Mader: Natürlich. Die Leute geben ihre Daten preis – ob das das Handy ist oder Facebook oder die Kreditkarte. Man muss sich eigentlich nicht mehr sehr viel Mühe machen, um etwas über ein Individuum herauszufinden. Das war auch ein großes Thema, dass dadurch die Freiheit in Gefahr ist. Und zwar die Freiheit des Einzelnen, die eigentlich ein Kapitalismusversprechen ist. Wenn man ein System umwälzen will in einem anderen Land, dann sagt man immer: Wir bringen den Kapitalismus und die Freiheit. Aber eigentlich ist es das Gegenteil.

APA: War es für Sie schwierig, für die immer wieder gesetzten Verfremdungen die passenden Bilder zu finden?

Mader: Das war schwierig und ein Haufen Arbeit, aber dafür macht man einen Film. (lacht) Weil eine eigene filmische Welt kreiert werden sollte, und das erreicht man, indem man die Motive sehr genau wählt, die eben einen eigenen filmischen Raum und eine eigene Spannung erzeugen.

APA: Sind Sie diesbezüglich anders als bei Ihren Vorgängerfilmen vorgegangen?

Mader: Die Motivsuche war intensiver. Es waren mehrere Monate lang ein paar Leute am Suchen, dann gab es sehr viele Vorschläge. Dann vereinheitlicht man es auf eine Linie, wo man auch ein genaues Farbkonzept hat und es ins Kostüm- oder Maskenkonzept eingreift. Das muss alles aufeinander abgestimmt werden.

APA: Begibt man sich bei dieser Art von Science-Fiction auch auf eine Gratwanderung im Sinne: Wie stark darf man etwas verfremden, ohne dass es den Bezug zum Heute verliert?

Mader: Eine gute Science-Fiction ist immer eine gesellschaftliche Kritik an den jetzigen Zuständen, weil es diese zuspitzt oder überzeichnet. Zur Figurenzeichnung: Wir haben versucht, mit einem reduzierten Spiel und reduzierten Dialogen zu arbeiten, um da eine Abstraktion herzustellen.

APA: Wie weit lassen Sie Ihren Hauptdarsteller Fritz Karl als Mann des Systems ausbrechen und entgleisen?

Mader: Es ist eigentlich nur eine Suche, denn er kann nicht wirklich ausbrechen. Der Preis wäre, sein komfortables Leben aufzugeben, und das macht er letztendlich nicht. Auf der Suche entdeckt er seine Welt neu.

APA: War dieses pessimistische Resümee für Sie von Anfang an klar?

Mader: Ja, unbedingt. Es ist eine Dystopie. Das soll den Zuschauer aufrütteln. Sonst denkt sich der, es ist eh alles in Ordnung, und er kann weiter auf Facebook posten.

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

INFO: www.lifeguidance.at

Von: apa

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