Das Ringtheater brannte vor 135 Jahren

Regisseurin McKechneay über ihre Doku “Sühnhaus”

Freitag, 02. Dezember 2016 | 10:22 Uhr

Maya McKechneay beschäftigt sich als Historikerin und Theaterwissenschafterin bereits seit langem mit dem verheerenden Brand des Wiener Ringtheaters, der in der kollektiven Erinnerung der Stadt einen Fixplatz hat – wobei die näheren Umstände, die fatale Architektur und die Fehler der Behörden etwa beim Rettungseinsatz kaum bekannt sind.

Mit “Sühnhaus”, ihrem ersten Film, beleuchtet die in Wien lebende gebürtige Münchnerin die Hintergründe der Tragödie und reißt die tröstende Decke weg, die rasch über die Geschehnisse gebreitet wurde, wie McKechneay im APA-Interview erläuterte. Die Produktion erlebte ihre Premiere bei der Viennale und startet am 8. Dezember in den Kinos – dem 135. Jahrestag des Brandes.

APA: Man kennt den Ringtheaterbrand, gleichzeitig ist der Ort in der öffentlichen Wahrnehmung nicht wirklich präsent. Wie kam es dazu, dass Sie sich entschieden haben, dem Schottenring 7 die Hauptrolle in ihrem dokumentarischen Essay zukommen zu lassen?

Maya McKechneay: Also ich kannte die Geschichte vom Ringtheater, bevor ich den Ort kannte. Ich bin zum Ort gegangen, weil ich mich für die Geschichte interessiert habe. Ich kenne sie aus dem Kriminalmuseum in Wien, wo der Kopf einer Brandtoten ausgestellt ist. Ich habe mir gedacht, wie kommt dieser Kopf in das Museum, wie geht das, dass ein Körperteil von diesem Menschen hier ausgestellt ist? Dann ist es so, dass ich mich immer schon für Spukhäuser interessiert habe, für Geisterhausgeschichten. Ich habe auch an der Volksbühne Berlin einen Vortrag gehalten über das Theater als “Haunted House”. Dafür habe ich den Ringtheaterbrand dann richtig wissenschaftlich recherchiert. Ich bin darauf gestoßen, was das für eine Geschichte ist, nämlich, dass das kein zufälliges Unglück war, sondern ein Versagen der Autoritäten auf ganzer Linie.

APA: Offenbar war es nicht so einfach, am Originalschauplatz zu drehen. Die Polizei war, wie sie im Film erzählen, nicht von der Idee begeistert. Wie ist es dann doch dazu gekommen, dass es dort eine Dreherlaubnis gab?

McKechneay: Das frage ich mich auch. Die Polizei am Schottenring ist eigentlich ein Hochsicherheitsgebäude, es gibt bis zum ersten Stock Panzerglas und eine Metallsperre am Eingang. Man kommt nicht leicht rein, es wird nachts das Stahltor zugefahren. Die fühlen sich offensichtlich sehr bedroht. Es war eine Zitterpartie, den Drehbuchentwurf zu schreiben, ohne zu wissen, ob man wirklich rein darf. Am Ende hatte ich das Glück, dass der Pressesprecher der Polizei selbst sehr kunstaffin ist. Er hatte einfach ein offenes Ohr für das Projekt.

APA: Das “Sühnhaus” kennt so gut wie niemand mehr. Ist das klassische Verdrängung? Oder liegt es daran, dass nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs eine solche einzelne Katastrophe – wie sie der Theaterbrand war – einfach kaum mehr Platz in der Erinnerung hat?

McKechneay: Es war das Anliegen, die Katastrophe in Form einer Geste wieder gut zu machen. All den Angehörigen wurde signalisiert, dass das nicht vergessen wird. Es gibt zwei Monumente, das Grabmal am Zentralfriedhof, da waren die Namen der Toten eingraviert. Dieses Grabmal ist im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört worden, man hat es als Mahnmal für den Zweiten Weltkrieg als Torso hinterlassen. Das andere Monument war das Sühnhaus, das ist im Krieg ausgebrannt. Es war nur leicht beschädigt. Auch das war eine bewusste Entscheidung, es abzureißen, obwohl man wusste, dass Freud darin gelebt hat. Ich glaube schon, dass Gesellschaften und eine Stadt verdrängen, so wie eine Person verdrängt. Es war eine unliebsame Erinnerung, denn da hat im Grunde die ganze Stadt versagt.

APA: Dass die Brandschutzvorschriften nach der Katastrophe massiv verschärft worden sind, wird gerne betont. Fast könnte man den Eindruck erhalten, dass das, was nach dem Ereignis geschehen ist, zu einer Art Erfolgsgeschichte umgedeutet wird…

McKechneay: Es sind tatsächlich wichtige Neuerungen eingeführt worden. Die Türen öffentlicher Gebäude dürfen sich etwa nur mehr nach außen öffnen. Es wurde die freiwillige Rettungsgesellschaft gegründet, nämlich von Personen, die damals dabei waren. Der Eiserne Vorhang wurde in Theatern eingeführt, auch Feuerwehrleute mussten jetzt immer in den Vorstellungen sitzen. Das ist wie so eine Decke über diese Geschichte gelegt worden. So wie auch der Bau des Sühnhauses als mildtätige Geste des Kaisers verkauft wurde. Der Kaiser ist als tröstender Vater aufgetreten, der den Kindern zu Seite steht, man pustet auf die Wunde und es ist schon wieder gut. Wie aber die Wunde eigentlich entstanden ist, darüber hat man nie gesprochen. Das wurde auch zensiert.

APA: Sie haben Inserate geschaltet, um Menschen zu finden, die über das Geschehen berichten konnten, etwa durch Aufzeichnungen ihrer Vorfahren.

McKechneay: Es haben sich hauptsächlich Leute gemeldet mit Geschichten über Menschen, die Karten hatten, aber nicht ins Theater gegangen sind, und zwar so viele, dass ich mir sicher bin, dass die Geschichten nicht alle stimmen können. Weil Theaterkarten waren auch damals nicht ganz billig, so dass man, wenn man sie hat, normalerweise auch hingeht. Die Leute, deren Vorfahren dort umgekommen sind, waren wirklich sehr schwer zu finden. Das Ringtheater war immer sehr stark jüdisch konnotiert. Die Aktiengesellschaft, die das gegründet hat, bestand vorwiegend aus jüdischen Kunstmäzenen und wohlhabenden jüdischen Bankiers. Es gab auch sehr viel antisemitische Presse gegenüber dem Theater. Ich hatte ja die Namensliste der Toten und man hat schon an den Namen gesehen, dass das 75 bis 80 Prozent jüdische Namen waren. Und da noch Angehörige zu finden, das war sehr schwierig.

APA: Was hat Sie bei den Recherchen am meisten überrascht?

McKechneay: Was mich überrascht hat, ist, wie sehr das auseinanderklafft, nämlich die geschriebenen Berichte von Augenzeugen, die es gibt, und die offizielle Version. Das finde ich schon erstaunlich.

APA: Wann ist die Entscheidung gefallen, selbst als Sprecherin in Erscheinung zu treten?

McKechneay: Ich habe lang überlegt, da musste ich mich wirklich durchringen und es hat tatsächlich viel mit männlich/weiblich zu tun. Gerade das Genre des Essayfilms, der versucht, den eigenen Blick auf die Welt zu zeigen, ist sehr stark männlich besetzt. Und das gilt auch für die Geschichte des Brandes: Männer waren verantwortlich, haben den Beerdigungszug angeführt, aber viele Opfer waren weiblich. Weil mit dem Korsett und dem ausladenden Gewand ist man schneller ohnmächtig. Ich finde es ganz wichtig, diese Geschichte aus weiblicher Perspektive zu erzählen.

Das Gespräch führte Gerald Mackinger/APA

Von: apa

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