"A wop bop a loo lop a lop bam boo"

Rock’n’Roll-Legende Little Richard wird 85

Dienstag, 05. Dezember 2017 | 12:35 Uhr

Aus armen Verhältnissen stammend wurde Little Richard zum Superstar: Er erfand in den 50er Jahren den Rock’n’Roll, für Funk und Soul legte er die Grundsteine. Am 5. Dezember wird der “Gott des Rock’n’Roll” 85 Jahre alt – widmet sein Leben inzwischen aber hauptsächlich der Religion.

Der Tod von Fats Domino im Oktober hat Little Richard schwer getroffen. “Er hat mich als Entertainer beeinflusst”, sagte Little Richard danach in einem seiner extrem seltenen Interviews dem Magazin “Rolling Stone”. “Ich habe ihn geliebt, seine Kinder, seine Ehefrau, sie alle. Er war ein guter Mann, wir waren sehr enge Freunde.” Zudem seien jetzt fast alle großen Musiker aus den Anfängen des Rock’n’Roll tot – “nur noch ich und Jerry Lee Lewis sind übrig”.

Auch um die Gesundheit von Little Richard, der seit Jahren sehr zurückgezogen und nach einer Hüftoperation angeschlagen im US-Bundesstaat Tennessee lebt, gibt es immer wieder Spekulationen – aber es gehe ihm gut, stellt der Musiker klar. “Gott war gut zu mir. Jeden Samstag gehe ich in die Kirche, jeden Samstag, das verpasse ich nie. Und freitags eröffne ich den Sabbattag. Ich fühle mich wunderbar.”

Mit einem einzigen unverständlichen Schrei hatte er vor mehr als einem Jahrhundert die Musikwelt in den Rock’n’Roll katapultiert: “A wop bop a loo lop a lop bam boo”, rief Little Richard 1955 bei den Aufnahmen zu seinem längst legendären Song “Tutti Frutti” in einem Tonstudio in New Orleans ins Mikrofon. Auf der Bühne war ihm kurz zuvor die Idee zu dem Ausruf gekommen, ein Schlagzeug-Rhythmus hatte ihn inspiriert. “Tutti Frutti” kletterte hoch in die Charts und der bis dahin unbekannte Musiker wurde zum Superstar. Das Lied habe “eine neue Ära der Musik” eingeleitet, heißt es sogar in der US-Nationalbibliothek, die den Song aufgenommen hat.

Geboren wurde Richard Wayne Penniman 1932 in äußerst ärmliche Verhältnisse einer afro-amerikanischen Familie im südlichen US-Bundesstaat Georgia – mitten in die brutale Rassentrennung hinein. “Ich komme aus den Slums – das vergisst man nie”, sagte der als Kind sehr schmächtige und deshalb “Little Richard” gerufene Musiker einmal. Sein Vater war Schmuggler und wurde ermordet, als Little Richard – das dritte Kind unter zwölf Geschwistern – 19 Jahre alt war. “Alles in mir brach damals zusammen.” Aber das Erlebnis gab ihm auch Kraft, “und die Überzeugung und die Beharrlichkeit zu wissen, dass ich es eines Tages schaffen würde”.

Schwarze hätten in Georgia damals nur in den unerträglich lauten Gegenden direkt neben den Bahngleisen gelebt, erinnert sich der vielfach preisgekrönte Künstler. “Die Züge haben ihre Häuser nachts durchgeschüttelt. Als Kind habe ich das gehört und gedacht: ‘Irgendwann mache ich einen Song, der sich genau so anhört’.” Little Richard schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, beginnt mit Gospel, singt sich von Auftritt zu Auftritt und bekommt schließlich einen ersten Plattenvertrag. Neben “Tutti Frutti” veröffentlicht er in den Jahren darauf Songs wie “Good Golly, Miss Molly” und “Lucille”, die von Stars wie Elvis Presley gecovert und weiterentwickelt werden – der Rock’n’Roll ist geboren.

Knapp drei Jahre lang schwimmt Little Richard auf der Erfolgswelle, tourt durch die Vereinigten Staaten und feiert offen bisexuell wilde Partys mit Männern, Frauen und Alkohol. Seine Konzerte, bei denen der häufig als “Gott des Rock’n’Roll” gefeierte Musiker mit dünnem Schnurrbart, hochtoupierten Haaren, greller Schminke, falschen Wimpern und wilden Kostümen auftritt, bringen mitten in der Rassentrennung Weiße und Schwarze zusammen – zum Entsetzen radikal-konservativer Politiker und Vereine.

Aber dann ist plötzlich Schluss. Bei einer Konzertreise nach Australien 1957 entscheidet sich Little Richard spontan, die Musik hinzuschmeißen und Priester zu werden. Seitdem lebt der schrille Künstler zwischen zwei Welten – der Kirche und der Musik. Immer wieder startete er Comeback-Versuche, kämpfte gegen das abebbende Interesse am Rock’n’Roll, verhalf dem jungen Jimi Hendrix zum Karrierestart, tourte mit den damals noch weitgehend unbekannten Rolling Stones durch Europa, versuchte sich als Schauspieler und veröffentlichte grundsteinlegende Funk- und Soul-Alben. Aber immer wieder zog er sich auch in seine religiöse Welt und den Gospel zurück.

Stars von Elvis Presley über Otis Redding, Jerry Lee Lewis, Tina Turner, Prince, Mick Jagger, Rod Stewart, David Bowie, Elton John, Paul McCartney, Bob Dylan und Freddie Mercury bis hin zu Bruno Mars geben Little Richard als ihr musikalisches Idol an. Aber nach der Grundsteinlegung für den Rock’n’Roll traten andere in den Vordergrund. An den Welterfolg von “Tutti Frutti” konnte keines der Lieder von Little Richard mehr anschließen – aber vielleicht brauchte es das ja auch gar nicht. “Ich habe immer gedacht”, schrieb Bob Dylan einmal, “dass ‘A wop bop a loo lop a lop bam boo’ alles gesagt hat.”

Von: APA/dpa

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