Mira Lu Kovacs hat guten Grund, wütend zu sein

Schmieds Puls zeigen auf “Manic Acid Love” ihre Wut

Dienstag, 04. September 2018 | 11:25 Uhr

Mira Lu Kovacs hat ein Anliegen. “Ich wollte direkt und offensiv sein”, sagt die Musikerin über das neue Album ihrer Band Schmieds Puls. “Ich kann nicht verstehen, wie jemand gerade nicht wütend ist. Es gibt viel Grund.” Auf “Manic Acid Love”, dem dritten Werk der Gruppe, drückt sich das auf höchst unterschiedliche Weise aus. Denn auch in den ruhigen Momenten liegt hier enorme Kraft.

“Es geht um die Basis von allem”, umreißt Kovacs im APA-Interview nochmals ihren Antrieb und die Grundstimmung der elf neuen Stücke. “Auch darum, wie wichtig es mir ist, verstanden und nicht missverstanden zu werden. Es gibt nichts Schlimmeres.” Natürlich sind es feministische Themen, die sie antreiben, aber letztlich greifen diese weiter. “Es geht immer um viel, aber vielleicht war mir nie so bewusst, dass ich so viel Grund habe, wütend zu sein.” Zum Glück gebe es aber Räume, in denen man verstanden werde.

Und wenn das nicht der Fall ist, ließe sich ja “Superior” heranziehen. Der im Refrain laute und gitarrenlastige Song mit dem eindeutigen Untertitel “Fuck You” bringt die Wut von Kovacs gut zum Ausdruck. So passiere es, “dass man mir meinen Verstand abspricht oder mich nicht für voll nimmt. Dabei bin ich niemand, der leise im Eck steht.” Dabei gehe es ihr keineswegs nur um “alte Männer” mit Machosprüchen, sondern um jene aus “meiner Generation, die glauben, nur weil sie nach 1985 geboren wurden, dass sie deswegen automatisch ein moderner Mann sind”.

Kovacs spricht sich für Reflexion der eigenen Situation aus. “Es macht mich wütend, wenn man sein eigenes Privileg nicht wahrnimmt. Die Leute handeln danach.” In einem sicheren Land wie Österreich geboren worden zu sein, womöglich mit heller Hautfarbe und in ein gefestigtes, familiäres Umfeld – das seien Dinge, derer man sich bewusst sein müsse. Leider sei das oft nicht der Fall: “Wenn man etwa einen Bettler als lästig empfindet oder geflüchtete Menschen als Schmarotzer bezeichnet. Das ist doch eine ziemlich krasse Ignoranz.”

Letztlich bedeutet das für die Sängerin, Gitarristin und Songwriterin, “dass Politik etwas persönliches ist. Sie ist sogar intim. Ich mache Politik, und mein Leben sollte ausschlaggebend dafür sein, wie die Politik ausschaut.” Die selbstbewusste Frau bringt dazu ein weiteres Beispiel aus ihrer Jugend. “Es gab einen Tag, da war ich noch nicht mal in der Pubertät, da wurde ich betrachtet – und nicht gesehen. Das ist eigentlich hochdramatisch, aber es hat niemand mit mir darüber geredet.” All diese Aspekte beschäftigen sie “jeden Tag, immer wieder kommt eine Nuance daher”, so Kovacs. “Deswegen ist auch die Wut konstant.”

Die musikalische Bandbreite hat das allerdings nicht beeinflusst – und wenn, dann höchst positiv. Während etwa “The Plan” und “Run” als wunderbar eingängige Indie-Songs um die Ecke biegen, dröhnen im schon angesprochenen “Superior” die Grunge-Gitarren und ist “Exhausted” eine spröde, atmosphärische Großtat. Mit “The Walk” knüpfe man am ehesten an alte Zeiten an, glaubt Kovacs. “Diese Nummer hat so viel Platz. Das ist das, was ich am ehesten als Essenz von uns begreife, weil wir die Stille so zelebrieren. Dann sind die wenigen Töne, die kommen, total groß.”

Wir, das sind auch Schlagzeuger Christian Grobauer und Bassist Walter Singer, die Kovacs seit dem Debüt “Play Dead” zur Seite stehen. Die kreative Partnerschaft schätze sie sehr, wobei die Künstlerin gleichzeitig klarstellt: “Ich sehe Schmieds Puls als mein Lebenswerk, als etwas, das es in meinem Leben immer geben wird – egal, ob ich etwas dann auch veröffentliche oder nicht.” So möchte sie das Projekt gerne “befreien”, wie sie sagt. “Ob Chor, Bläser, solo oder ganz laut: Ich weiß es nicht, aber darauf habe ich viel Lust. Es ist mein Baby.”

Wie persönlich die Musik für Kovacs ist, belegt auch ein anderer Song: Das intensiv-schwebende “Oh (You Lose Me)”, mit dessen erster Zeile sich Kovacs an ihren Vater richtet. “Es ist ein Grenzensetzen-Album. Bin ich bei ‘Superior’ leichtfüßig unterwegs und sage den Leuten, dass sie mir nicht einmal egal sind, ist mir die Person bei ‘Oh’ eben nicht wurscht. Die Stadien von Wut, Loslassen, Unverzeihlichkeit, aber auch die Möglichkeit einer Versöhnung – all diese Dinge kommen auf der Platte vor.” Nicht nur deshalb ist “Manic Acid Love” ein ziemlich forderndes, aber durchwegs lohnendes Unterfangen geworden. Live stellt das Trio die neuen Songs dann im Oktober vor.

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

INFO: Schmieds Puls auf Tour: 10.10. Linz, 11.10. Bludenz, 12.10. Salzburg, 18.10. Graz, 19.10. Innsbruck, 20.10. Krems, 25.10. Wien; www.schmiedspuls.com

Von: apa