Helnwein ist für seine Schock-Bilder bekannt

“Schockmaler” Gottfried Helnwein feierte 70er

Dienstag, 09. Oktober 2018 | 09:26 Uhr

Erst letzten Sommer rief er sich seiner Heimatstadt gewaltsam in Erinnerung: Mit der Ringturm-Verhüllung, die ein kleines Mädchen mit einem Maschinengewehr Wien ins Visier nehmen ließ. Gottfried Helnwein, einer der erfolgreichsten lebenden Künstler österreichischer Herkunft, feierte am 8. Oktober seinen 70er. Er selbst lebt schon lange nicht mehr in Wien – sein Sehnsuchtsort heißt Entenhausen.

Gottfried Helnwein wurde am 8. Oktober 1948 in Wien geboren. Sein Handwerk hat er an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien gelernt, war Meisterschüler bei dem “phantastischen Realisten” Rudolf Hausner und wurde bereits früh mit Auszeichnungen wie dem Meisterschulpreis (1970), dem Kardinal-König-Preis (1971) und dem Theodor-Körner-Preis (1974) geehrt. Das Nachkriegs-Wien aber war ihm allerdings ebenso zuwider, wie es in seine Arbeit kroch, in der er sich sowohl mit der Hochglanzwelt der Werbung, als auch der dunklen, verdrängten Gegenwelt des häuslichen oder psychiatrischen Alltags auseinandersetzte.

Seine hyperrealistischen Bilder von verängstigten und gepeinigten Kinder oder schreienden, bandagierten Menschen fanden auch durch Magazinillustrationen und Plattencover große Verbreitung, sorgten immer wieder auch für heftige Diskussionen und für sein Image als “Schockmaler”. “Die Leute haben es als Schock empfunden, weil ich sichtbar gemacht habe, was ihnen unsichtbar lieber gewesen wäre”, erklärte er einmal gegenüber der APA. “Aber ich wusste, dass ich mich damit beschäftigen muss, es war eine Obsession.” Angesichts der jetzt ans Tageslicht kommenden Anzahl an Missbrauchsfällen in dieser Zeit, seien bei ihm “offenbar die Verdrängungsmechanismen nicht ganz so entwickelt” gewesen. Zum Kind – vor allem: zum Kind als Opfer – ist er immer wieder zurückgekehrt.

“Diese heile Welt, die man in der neuen jungen Republik der Hämmer und Dome zu verbreiten versuchte, das was so ekelerregend, so unattraktiv”, so Helnwein. “Für mich und meine Generation war die amerikanische Kultur die Zuflucht. Der Comicstrip, die direkte Übertragung, die Begeisterung.” Die Utopie von Entenhausen wurde zu einem der beherrschenden Themen seiner Arbeiten, später auch die japanischen Mangas – wiewohl er auch diese “heile Welt” immer wieder durch motivische Beziehungen zu Krieg oder dem von ihm in zahlreichen Werkgruppen aufgearbeiteten Nationalsozialismus konterkariert. Aktuell malt er Kriegsszenen aus Syrien, angereichert um Comic-Figuren.

Österreich hat Helnwein in den 1980er-Jahren verlassen und danach in Deutschland, Irland und den USA gelebt und gearbeitet. Seine Wahlheimat Los Angeles bezeichnet er gern als “Logenplatz” für den Untergang der westlichen Zivilisation. “Ich will der sein, der offenen Auges dabei ist, der sieht, das geht schlecht aus und die Flucht antritt.” Fluchtreflexe löste er womöglich durchaus auch bei seinem jüngsten Auftritt in der Heimat aus: “Sein” Ringturm zeigte ein Mädchen mit einem Maschinengewehr, das den Donaukanal ins Visier nimmt, daneben brennt eine Stadt lichterloh. “Ich wollte zeigen, in welcher Welt wir leben”, erklärte Helnwein seine Intention.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte Helnwein große Ausstellungen und Retrospektiven in aller Welt, darunter St. Petersburg, Los Angeles, San Francisco, Peking und Wien. Seine Verbindung mit der Albertina reicht weit zurück: Hier fand die erste große Einzelschau statt, hier zeigte man 2013, zum 65. Geburtstag des Künstlers, eine große und höchst erfolgreiche Retrospektive. Erst 2016 schenkte der Maler dem Haus sieben seiner Werke. Im selben Jahr erhielt er eine weitere, für einen zeitgenössischen bildenden Künstler eher ungewöhnliche, Verbindung in die alte Heimat: eine Wachsfigur bei Madame Tussauds. “Es ist befremdlich”, räumte er bei der Enthüllung ein. “Aber was ich loben muss, ist, dass sie mich zwischen Sigmund Freud und Einstein gestellt haben.”

INFO: www.gottfried-helnwein.at

Von: apa

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