Lotte Ingrisch ist tot

Schriftstellerin Lotte Ingrisch 92-jährig gestorben

Montag, 25. Juli 2022 | 14:20 Uhr

Die österreichische Schriftstellerin Lotte Ingrisch ist tot. Die Witwe Gottfried von Einems starb Sonntagabend kurz nach ihrem 92. Geburtstag und wenige Tage nach einem Sturz, teilte die Gottfried von Einem und Lotte Ingrisch Gesellschaft mit. Mit der Schöpferin von Unterhaltungsromanen, Theaterstücken, Fernseh- und Hörspielen habe Österreich eine “einprägsame Persönlichkeit verloren”, würdigte sie Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Ingrisch wurde am 20. Juli 1930 als Charlotte Gruber in Wien geboren. Von 1949 bis 1965 war sie mit dem Philosophen Hugo Ingrisch verheiratet und veröffentlichte in dieser Zeit unter dem Pseudonym Tessa Tüvari drei Unterhaltungsromane. Größeren Publikumserfolg erzielte sie mit ihren eingängigen Theaterstücken, meist Einaktern, darunter “Damenbekanntschaften” und die im Akademietheater aufgeführten “Vanillekipferln”. Mitte der 60er-Jahre lernte sie den Komponisten Gottfried von Einem kennen, den sie 1966 heiratete.

Die gemeinsam konzipierte Mysterien-Oper “Jesu Hochzeit” löste 1980 bei ihrer Uraufführung im Theater an der Wien wegen “blasphemischer Textstellen” einen Skandal aus. Die bereits darin vertretene Idee der Einheit von Leben und Tod manifestierte sich in weiterer Folge in Ingrischs esoterischen, sehr persönlichen Texten der 80er-Jahre, dem Bestseller “Reiseführer ins Jenseits” (1980), dem “Nächtebuch” (1986) und vor allem dem “Donnerstagebuch” (1988), das ihr, so erklärte sie, vom 1986 verstorbenen Wiener Stadtrat Jörg Mauthe “aus dem Jenseits diktiert worden” sei.

Mit der Kinderoper “Tulifant” sowie “Luzifers Lächeln” folgten noch zwei weitere gemeinsame Arbeiten des Ehepaares. 1993 gründete die Grenzgängerin eine “Schule der Unsterblichkeit”, um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen: “Sterben für Anfänger”, “Sterben für Fortgeschrittene” und “Gespenster-Knigge” lauten Auszüge aus dem Kursprogramm. Ingrisch unterhielt sich laut eigenen Angaben nicht nur mit Hexen, Hausgeistern, Feen und Engeln, sondern auch mit ihrem 1996 verstorbenen Mann. Ihre Dialoge mit von Einem gab sie 1997 unter dem Titel “Ratte und Bärenfräulein – Die Jenseitsreise des Gottfried von Einem” heraus, 2004 folgte ihre “Physik des Jenseits”.

Dem Gedenken ihres Mannes und der Pflege seines Werks widmete sich Ingrisch auch mit der Gottfried von Einem Stiftung. Sie schenkte das Haus in Oberdürrnbach, in dem von Einem seinen Lebensabend verbracht hatte, der niederösterreichischen Gemeinde Maissau. Seit 1999 ist die Gedenkstätte zudem Schauplatz der jährlichen “Gottfried von Einem Tage”. Im Jahr 2002 erhielt die Schriftstellerin das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, vier Jahre später das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich.

Neben Bundespräsident Van der Bellen, laut dem Ingrisch als “einzigartige und unverwechselbare Künstlerin und als einfühlsamer und humorvoller Mensch in Erinnerung bleiben” werde, zeigte sich auch Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) betroffen. Sie würdigte Ingrisch als “vielfältige Schriftstellerin”, die den Tod als selbstverständlichen Teil des Lebens betrachtete. Für Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) habe sie “die Menschen mit ihren Worten stets beeindruckt.”

“Mit ihrer unverwechselbaren Art hat die vielseitige Schriftstellerin Lotte Ingrisch das kulturelle Leben Wiens und Österreichs über Jahrzehnte bereichert”, ehrte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) die Verstorbene. SPÖ-Kultursprecherin Gabriele Heinisch-Hosek gedachte der “sehr humorvollen und interessanten Persönlichkeit”, “die einen ganz besonderen Umgang mit dem Tod pflegte”. Und auch Grünen-Kultursprecherin Eva Blimlinger erinnerte an Ingrisch: “Ihr gelang es, Menschen zu unterhalten, aber auch ernsthafte Diskussion zu den unterschiedlichsten Themen zu initiieren und zu führen.”

Von: apa

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