Senta Berger findet Coronakrise niederdrückend

Senta Berger über ihren neuen Film “Martha und Tommy”

Montag, 22. Februar 2021 | 10:28 Uhr

Boxen ist nicht gerade der Sport, für den sich die Schauspielerin Senta Berger begeistert. Trotzdem spielt der Kampf in ihrem neuen Film “Martha und Tommy” (am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD) eine wichtige Rolle. Darin lernt Berger als hilfsbereite Martha den Studenten Tommy kennen, der den Lebensunterhalt für sich und seinen kleinen Bruder mit illegalen Kellerkämpfen verdient. Auch privat hat Berger schon Erfahrung mit Boxen gemacht, wie sie im dpa-Interview verriet.

Frage: Frau Berger, der Film handelt von schwierigen Themen wie Gewalt und Tod. Gleichzeitig ist er auch sehr bewegend und menschlich. Wie war es für Sie, sich damit auseinanderzusetzen?

Senta Berger: Es wird von zwei Menschen erzählt, die auf der Flucht sind. Tommy ist auf der Flucht vor seinem Vater, der ihm und seinem kleinen Bruder die Mutter genommen hat, totgeschlagen. Martha ist auf der Flucht vor sich selbst und bereitet ihren Abschied vom Leben vor. Obwohl beide ihre Fassade aufrechterhalten, erkennt der eine seine eigene Traurigkeit und auch Hilflosigkeit im anderen. Wenn man die Geschichte ernst nimmt und ernsthaft erzählt, aber nicht sentimental, ist sie doch gar nicht schwierig. Dann kommt sie einem nahe.

Frage: Es gibt einige harte Boxszenen, bei denen es ziemlich zur Sache geht. Wie haben Sie diese Szenen empfunden?

Berger: Ja, die sind hart und sie waren hart zu drehen. Jonathan Berlin, der Tommy spielt, hat sich auf die Kämpfe vorbereitet und eingelassen, als ginge es tatsächlich um sein Leben. Und so sah es auch aus. Ich hasse Boxen – schwierig in einer Familie, die sich morgens um 4.00 Uhr wecken lässt, um irgendwelche Boxkämpfe aus Amerika oder Afrika zu sehen. Mir wird erklärt, Boxen sei ein “Strategiesport”. Ich verstehe nicht. Meine Rolle bleibt also, morgens Kaffee oder Suppe zu kochen. Obwohl ich wusste, dass die Schaukämpfe in unserem Film choreografiert waren, zitterten mir die Knie und mir wurde schlecht.

Frage: Zentral ist die Frage, ob Gewalt Probleme lösen kann. Tommy bejaht das, Martha behauptet das Gegenteil. Wie stehen Sie dazu?

Berger: Wer übt wann und warum Gewalt aus, darum geht’s doch. Wenn man mit Gewalt Frauen und Kinder aus der Gewalt terroristischer Islamisten befreit, ist diese Gewalt unabwendbar und sogar entschuldbar, nicht wahr? Wenn ein Land ein anderes mit Waffengewalt überfällt, ist es das sicher nicht. Ich denke aber, in unserem Film geht es um häusliche Gewalt, die Tommy angetan worden ist und gegen die er sich nun mit Gewalt wehrt. Tommy wehrt sich auch gegen Marthas Nähe. Er will keine Gefühle mehr zulassen, in keine Abhängigkeit geraten. Wenn er das Klavier, ein Geschenk Marthas zerschlägt, schlägt er eigentlich Martha. Und das wissen sie beide.

Frage: Im Film geht es auch um Geheimnisse, die mit dem Tod zu tun haben. Martha fragt in einer Szene, “Wie lebt man mit den Toten?”. Welche Antwort gibt es darauf?

Berger: Wenn die Toten einem im Leben nahe waren, dann lebt man weiter mit ihnen. Sie sind immer da. Je älter ich werde, desto näher kommt mir wieder meine Kindheit und damit auch viele Menschen, die mir etwas bedeutet haben und es immer noch tun. Ich erzähle viel von ihnen und manchmal spreche ich auch mit ihnen. Unhörbar. Nur für mich.

Frage: Der Tod ist in unserer Gesellschaft immer noch oft mit einem Tabu behaftet. Viele Menschen haben Angst, darüber zu sprechen. Wie stehen Sie dazu, halten Sie es für wichtig, darüber zu reden?

Berger: Na, über die äußeren Umstände kann man, soll man sprechen. Mit den Kindern, mit Freunden. Welche Bestattung. Welcher Friedhof. Ein Sonnenplätzchen oder mehr im Schatten… Diese Festlegungen sind ja auch nur Versuche, dem Tod eine Form zugeben, ihn in Worte zu fassen, Humor zu zeigen. Über den Tod zu sprechen, hat ja nur den Sinn, das Leben in seiner Lebendigkeit zu erkennen und zu schätzen. Diese Gedanken sind aber auch nicht immer auszuhalten.

Frage: Also welchen Sinn hat es dann, über den Tod zu reden?

Berger: Wir versuchen, mit Verfügungen den Tod einzukreisen und wissen gleichzeitig, wie unendlich sinnlos das ist. In anderen Kulturen wird auch nicht viel über den Tod gesprochen, da lebt man mit den Toten unter einem Dach und schmückt ihre Skelette mit frischen Blumen, um ihnen zu sagen, ihr seid noch da, in unserem Leben.

Frage: Dieses Leben ist wegen der Pandemie momentan sehr stark eingeschränkt. Wie kommen Sie durch die Coronakrise?

Berger: Besser als so manche meiner Freunde, meiner Kollegen. Ich konnte noch bis letzten Oktober arbeiten an einem Kinofilm mit Florian David Fitz (“Oscar’s Kleid”, Anm.) und an einem Fernsehfilm mit Peter Simonischek (“An seiner Seite”, Anm.). Aber natürlich ist die ganze Situation niederdrückend.

Frage: Inwiefern?

Berger: Mir läuft die Zeit weg. Ich kann nicht nach Wien fahren, um meine Wiener Familie dort zu sehen, und ich kann nicht nach Berlin fahren, um meine Berliner Familie zu sehen. Aber ich kann meine Söhne und deren Söhne bei uns im Garten sehen, das macht mich glücklich. Und dann: wir haben einen wunderbaren vierten Enkel bekommen, mitten in den Coronazeiten! Er ist gesund, er ist schön, er lacht viel und wir also auch mit ihm.

Von: APA/dpa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz