Will Burgtheater-Ensemble nach fast 20 Jahren verlassen

Simonischek will kein “Leibeigener des Theaters” sein

Freitag, 23. Februar 2018 | 12:21 Uhr

Peter Simonischek zieht es vermehrt vor die Kamera. Weil der 71-Jährige seit “Toni Erdmann” so gute Angebote bekommt, stellt er im APA-Interview einen baldigen Abschied vom Burgtheater in Aussicht. Auch die Rolle neben der tschechischen Kinolegende Jiri Menzel im Roadmovie “Dolmetscher”, das heute Abend Weltpremiere bei der Berlinale feiert, hat der Grazer dem Überraschungserfolg zu verdanken.

APA: “Dolmetscher”-Regisseur Martin Sulik hat Sie in der Rolle des Lebemanns Georg Graubner besetzt, nachdem er “Toni Erdmann” gesehen hat. Ist Ihnen das seither mehrfach passiert?

Peter Simonischek: Ich habe wirklich viele Angebote im Moment durch “Toni Erdmann”. Die hatte ich vorher auch, nur nicht so gute. International gibt es Einiges, das ich nicht wahrnehmen kann, weil ich immer noch am Theater bin. Ich werde das jetzt aber wahrscheinlich auslaufen lassen.

APA: Sie wollen das Burgtheater-Ensemble nach fast 20 Jahren verlassen, um mehr Kinofilme zu drehen?

Simonischek: Ja, und um nicht den jeden Tag ran zu müssen. Als Bühnenschauspieler ist man eigentlich ein Leibeigener des Theaters. Das wissen die Wenigsten. Man muss jeden Tag bis 14 Uhr erreichbar sein, nicht nur, wenn man Vorstellung hat. Und wenn ich hierher (zur Berlinale, Anm.) fahre, muss ich mich mit Urlaubsschein abmelden, und mir werden die Tage, die ich hier bin, von der Gage abgezogen. So schaut’s aus.

APA: Ist Ihr Plan, mit dem Intendantenwechsel 2019 aus dem Ensemble auszuscheiden?

Simonischek: Das weiß ich noch nicht, ich habe mit ihm (Martin Kusej, Anm.) noch nicht geredet. Aber wenn das auslaufen würde, wäre das auch ok.

APA: In “Dolmetscher” verkörpern Sie einen pensionierten Lehrer, der sich nie mit den Gräueltaten seines Vaters, eines im Zweiten Weltkrieg in der Slowakei stationierten SS-Sturmbannführers, beschäftigt hat. Eines Tages steht der jüdische Übersetzer Ali Ungar (Jiri Menzel), ein Nachfahre möglicher Opfer des Vaters, vor der Tür, und Georg folgt ihm auf einen Roadtrip in die Slowakei. Was veranlasst ihn dazu, sich dieser Vergangenheit doch zu stellen?

Simonischek: Ich glaube, die Begegnung mit Ali war der letzte Kick. Er hatte ja 40 Jahre keinen Kontakt zum Vater, weil der damals aus dem Knast zurückkam und sich überhaupt nicht verändert hatte. Da hat er mit dem Vater gebrochen und hat, was wir Österreicher vielleicht besser können als manch andere, verdrängt. Nun ist er mit dem Buch konfrontiert, das der Vater hinterlassen hat, und durch das der Jude rekonstruieren will, wo seine Eltern umgekommen sind. Erst dadurch versteht Georg, auf welch fatale Art dieses Buch doch authentisch ist, auch wenn darin sicher viel gelogen und beschönigt ist. Dann machen die beiden sich auf und lernen was dabei.

APA: Teilen Sie den Eindruck, dass sich die Nachgeborenen der Kriegsgeneration lange nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben?

Simonischek: Ich habe Kriegserzählungen gehört, jedoch nicht von meinem Vater. Mein Vater war zwar sechs Jahre bei der deutschen Wehrmacht, aber er war Dentist und Zahntechnikermeister, kein Akademiker. Dadurch hatte er keinen hohen Dienstrang und während des Krieges die meiste Zeit in der Zahnstation gearbeitet. In den letzten Kriegsmonaten hatte er Scharlach, dadurch war er im Lazarett und ist nicht in Gefangenschaft gekommen, da hatte er Riesenglück. Was er mir hinterlassen hat, war eine flammende Aufforderung, alles daran zu setzen, dass es nie wieder Krieg gibt. Er hat gesagt, diese sechs Jahre seiner Jugend, diese wichtigste Zeit, hat er vergeudet für den Blödsinn.

APA: Und abseits Ihres Vaters?

Simonischek: Es gab schon Leute, die ganze Abende lang von ihren “Heldentaten” erzählt haben. Das hört man sich dann an, so wie junge Leute sich heute brutale Videos angucken. Es ist leider irgendwie losgelöst, abstrakt. Man kann sich das nicht wirklich vorstellen. In dem Moment, wo man wirklich Zeuge wird – und sei es nur durch ein Indiz, mit dem man sich identifiziert, zum Beispiel wenn es jemanden getroffen hat, den man kennt -, bekommt das ganze Realitätswert. Gewusst hat man das alles. Ich finde, das Entscheidende ist, wie man nach dem Krieg damit umgeht. Es gibt Leute, die sofort die Konsequenz gezogen haben und diejenigen, die bis heute alles leugnen und nur das sagen, was salonfähig ist. Deswegen ist so ein Film gut: Weil er das nochmal anstößt, und zwar in dieser Generation. Georg hat ja auch als Verdränger gelebt, aber gerade noch die Gelegenheit wahrgenommen, sich der Vergangenheit zu stellen.

APA: Laut Martin Sulik sind Sie und Jiri Menzel sich wie Georg und Ali während der Dreharbeiten näher gekommen. Haben Sie mit Ihrem Co-Darsteller den Kontakt gehalten?

Simonischek: Ja, aber leider ist er jetzt krank. Ich werde ihn nächste Woche in Prag sehen, da freue ich mich schon darauf. Aber ich fürchte mich auch ein bisschen, weil es ihm wirklich nicht gut geht. Er ist ein alter Mann, aber beim Dreh war er sowas von fit! Der hat sogar ein paar artistische Tricks drauf, er hat mir Videos gezeigt, vom Handstand bis zum Überschlag, das ist ein Feuerwerk! Aber jetzt hat’s ihn leider so erwischt.

APA: Seit die FPÖ mitregiert, wird Österreich in internationalen Medien in einem Atemzug mit Ungarn oder Polen genannt, wo Rechtspopulisten eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Haben Sie auch diese Befürchtung?

Simonischek: Die Befürchtung habe ich schon. Aber panisch bin ich nicht. Ich verbiete mir die Prophetie, dass es jetzt garantiert in die rechte Ecke geht. Jahrelang habe ich aus politischer Raison immer schön brav gewählt, was das große Übel verhindern soll. Und als Sebastian Kurz kam, dachte ich mir: Jetzt ist mal die Möglichkeit da, etwas zu riskieren und ihn zu wählen. Die Grünen, die ich immer wieder gewählt habe, wenn ich keine Lust mehr hatte, die SPÖ zu wählen, haben sich leider selbst wegradiert. Dass Peter Pilz weg ist, ist ein großer Verlust, gerade jetzt.

APA: Dass ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz die “rote Linie” bei der FPÖ erst beim Strafrecht zieht, greift für viele zu kurz – gerade zuletzt in den NS-Liederbuch-Skandalen. Hat er sich Ihrer Meinung nach deutlich genug positioniert?

Simonischek: Ich habe das aktuell nicht verfolgt, ich habe lang keine Nachrichten mehr gesehen. Aber er ist natürlich gut beraten, wenn er sich ganz klar distanziert. Man kann nur mit Angela Merkel sagen: Wir werden sie an ihren Taten messen.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

Von: apa