Udo Kier drehte seinen ersten Film in Wien

/slash-Gaststar Udo Kier mag den Wiener Humor

Samstag, 22. September 2018 | 12:53 Uhr

Dem Kultschauspieler Udo Kier widmet das /slash Filmfestival heuer eine Retrospektive. Da seine Spielfilmkarriere, die von Trash- bis Kunstfilm reicht, vor 50 Jahren in Wien mit “Schamlos” begann, hat er zu der Stadt ein ganz besonderes Verhältnis. Im APA-Interview spricht der 73-jährige Kölner über die Ungewöhnlichkeit als Konstante, Titos Papagei und die Schwierigkeit, Dinosaurier zu reiten.

APA: Sie haben Ihre erste Spielfilmrolle in Wien gedreht. Die Stadt hat sicherlich einen besonderen Stellenwert für Sie?

Udo Kier: Das ist mittlerweile 50 Jahre her. Meinen ersten Spielfilm überhaupt, “Schamlos”, habe ich in Wien gedreht. Danach kam direkt “Hexen bis aufs Blut gequält” in Mauterndorf. Hinzu kommt auch noch, dass David Schalko der erste Regisseur war, der mir eine Rolle in einer Serie (“Altes Geld”, Anm.) angeboten hat. Ich sollte ja damals für Gert Voss einspringen. Ich habe das abgelehnt – den Knecht vom Burgtheater ersetzt man leicht, den König nicht. Ich habe um ein paar Tage Bedenkzeit gebeten, aber am nächsten Tag war Gert schon tot. Ein Hammerschlag. Ich dachte mir dann, warum nicht. Ist doch ein Kompliment, dass ich für einen so großen Schauspieler der Ersatz bin.

Der Wiener Humor ist außerdem etwas ganz Spezielles. Das mag ich, das hat so was von “komm wir trinken einen, es ist sowieso nichts los”. Ich finde Wien als pittoreske Stadt sehr interessant. Ich wohne immer im Sacher. Dann gehe ich immer Abends um die Ecke in die Loosbar zur Marianne. Da ist’s schön.

APA: Sie haben in den unterschiedlichsten Projekten mitgearbeitet. Das ging von “Schamlos” über “Ace Ventura” bis hin zu Arbeiten mit Lars von Trier und Videosequenzen für Computerspiele.

Kier: Ja, im neuen “Call of Duty” spiele ich den Bösen mit deutschem Akzent. Da arbeite ich für Adolf und habe den perfekten Übersoldaten. Es war witzig zu sehen, wie man animiert wird. Das habe ich ein Jahr lang gemacht. Ich mache verschiedene Sachen. Ich finde es auch schön, ein Sexbuch oder Video mit Madonna zu machen. Warum nicht?

APA: Da gibt es keine festen Kriterien, nach denen Sie einen Film auswählen?

Kier: Nein. Ich fand auch die Karriere von Pamela Anderson wunderbar und als man mir angeboten hat, in “Barb Wire” ihre rechte Hand zu spielen, habe ich sie als ganz kluge und liebe Frau kennengelernt. Die anderen Schauspieler haben sie immer belächelt. Ich habe die dann gefragt, wieso sie dann die Rolle in einem Film mit ihr angenommen haben. Ich sage seit 50 Jahren, dass die guten Schauspieler die nettesten Menschen sind. Die anderen nenne ich die Trailer-Stars, die sich bei Filmproduktionen darüber beschweren, dass der Wohnwagen zu klein oder zu heiß ist. Wieso verschleudert ihr denn die ganze Energie für sowas? Seid froh, dass ihr überhaupt in einem Film seid. Und so Leute wie Bill Pullman oder Christoph Waltz, mit dem ich in “Downsizing” eine tolle Zusammenarbeit hatte, sind auch hervorragende Menschen.

APA: Sie haben einen ganz bestimmten, unverwechselbaren Schauspielstil. Wie bereiten Sie sich darauf vor, gibt es da ein Geheimnis?

Kier: Das ist kein Geheimnis. Ich versuche immer etwas Persönliches zu finden – mit Absprache natürlich. Das können Kleinigkeiten sein. Zum Beispiel hat mir Lars von Trier beim Dreh von “Melancholia” gesagt: “Udo, ich möchte, dass Du durch den Raum gehst, Du möchtest aber Kirsten (Dunst, Anm.) nicht sehen, was würdest Du denn machen?” Ich habe dann, als Linkshänder, meine linke Hand vors Gesicht gehalten. Als der Film dann in Cannes Premiere hatte, haben viele Zeitungen über diese Handbewegung geschrieben. Für “The Barefoot Emperor”, den wir ab Dienstag in Kroatien drehen werden, habe ich mit den Regisseuren abgesprochen, dass ich gerne einen Vogel hätte. Der heißt Faust und dem füttere ich, wenn ich wichtige Gespräche führe, rohes Fleisch. Am Ende des Gesprächs will ich die Störgeräusche gern mit Vogelgeschrei ersetzen. Ich habe außerdem gestern erfahren, dass Tito einen Papagei hatte, der heute noch lebt. Den hätte ich gern für den Film und würde ihn auch Tito nennen. Es ist also immer das Unerwartete, was zählt. Es gibt die Methode, die viele Engländer haben – ich nenne das immer das Oscargespräch – mit dem Rücken zur Kamera anzufangen, sich langsam umzudrehen und dabei mit dem Boden weiterzusprechen, bevor sie auf Augenhöhe kommen. So etwas mache ich nicht, würde ich auch gar nicht. Für mich ist das Unerwartete interessant. Ich muss mir da auch immer was überlegen.

APA: Sie haben in vielen fantastischen Filmen mitgespielt und sind nun Ehrengast des /slash Festivals für fantastischen Film. Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesem Genre?

Kier: Alles, was nicht in der realen Welt spielt, ist doch viel interessanter. So wie in “Iron Sky”, wo ich einen Nazi auf dem Mond spiele, der Korzfleisch heißt. Im zweiten Teil spiele ich eine Doppelrolle, also Korzfleisch und seinen Bruder als Adolf Hitler. Der reitet zum Schluss am Mond auf einem Dinosaurier und schreit “Heil ihr Mutterficker!” Die Bewegungen fürs Dinosaurierreiten musste ich auch erst lernen. Ich finde, dass der Fantasie bei solchen Filmen keine Grenzen gesetzt sind. Auch wenn man Vampire spielt.

APA: Sie haben schon von Hitler über Dracula alle möglichen Figuren gespielt. Wen würden sie denn gern noch spielen?

Kier: Ich würde gern einen ganz normalen Bankangestellten spielen, der von der Arbeit nach Hause kommt, die Frau winkt vom Fenster mit Kind. Also ein ganz normaler Familienvater. Nachts um zwölf wird er zum Vampir und bringt in der Stadt die Huren um und sitzt am nächsten Morgen wieder in der Bank am Schreibtisch. So etwas. Der Wechsel in einem Film zwischen zwei Personen interessiert mich. Beim /slash läuft ja auch “Dr. Jekyll et les femmes” von Walerian Borowczyk. Da spiele ich aber nur Dr. Jekyll, nicht Mr. Hyde. Das wollte der Regisseur nicht. Eine Doppelrolle ist immer gut. Die Gegensätze sind interessant.

Das Interview führte Martin Auernheimer/APA

INFO: www.slashfilmfestival.at

Von: apa