Ellie Rowsell ist das, was man eine echte Frontfrau nennt

Souveräne Wolf Alice in der Wiener Arena

Montag, 15. Januar 2018 | 11:04 Uhr

Wolf Alice sind in ihrer Heimat als “derzeit bester britischer Live-Act” abgefeiert worden. Am Sonntag spielte das Quartett aus dem Norden Londons in der Arena Wien zumindest ein großartiges Konzert, eine wunderbare Mischung aus Harmonie und Eruption: Sphärische Klänge prallten auf entfesselten Grunge, Pop mit elektronischem Einschlag auf zügellosen Punk – und alles passte zusammen.

War schon das Debüt von Wolf Alice, “My Love Is Cool”, schwer einzuordnen, gingen die Engländer mit dem Nachfolger “Visions Of Life” im vergangenen Jahr einen Schritt weiter und wandelten stilsicher zwischen den Rock-Jahrzehnten, griffen sich aus diesen Elemente heraus, um sie losgelöst von Genre-Strukturen neu zusammenzusetzen. Zwischen eingängigen Tracks wie “Don’t Delete The Kisses” oder “Beautiful Unconvention”, beiden live am gestrigen Abend durchaus Highlights und Crowd-Pleaser, platzierten sie etwas sperrigere Songs, die Zuhören erfordern, dann aber richtig erblühen.

“Heavenward” eröffnete wie das aktuelle Album auch das Konzert: Wie ein Nebel breitete sich der schwebende Gesang von Ellie Rowsell und der Klangteppich ihrer Band in der gut gefüllten Halle aus. Und dann, kaum war der atmosphärische Song verklungen, ging es ans Eingemachte: Das dreckige, zügellose “Yuk Foo” wurde heruntergebolzt, Brüllen (“No, I Don’t Give A Shit”) war nun angesagt, Springen statt coole Zurückhaltung hieß die Devise. Beides, das Ruhige und das Raue, stand Wolf Alice gut, beides fügte sich über die kommenden rund 80 Minuten zu einer wohltuenden, natürlichen Symbiose zusammen.

Ellie Rowsell ist das, was man eine echte Frontfrau nennt: Souverän und lässig sowohl an der Gitarre, die sie mal liebkost, mal malträtiert, wie auch am Mikrofon, in das sie haucht, harmonisch singt oder kreischt, und eine selbstbewusste Erscheinung zwischen feminin und Riot-Girl. Zum Erfolg von Wolf Alice gehören allerdings auch ihre männlichen Mitstreiter, die durchaus Druck erzeugen können (“Lisbon”), aber auch die kleinen, effektiven Zwischentöne beherrschen, die einem Song erst den richtigen Dreh verpassen.

Die durchhängerlose Darbietung der Briten gipfelte in ein furioses Finale. In “Visions Of Life” und “Fluffy” verschmolz zeitgeistiger Indie-Pop mit hemmungsloser 60er-Jahre-Psychedelia, Gegenwart mit Vergangenheit, eingängige Melodiebögen mit harten Riffs. Beim getragenen “Blush” galt es Luft zu holen, ehe ein atemberaubendes, retro-rockendes “Giant Beach” das Set beendete.

Von: apa