Joel Meyerowitz fotografiert noch immer

Star-Fotograf Joel Meyerowitz wird 80

Dienstag, 06. März 2018 | 11:55 Uhr

In den USA gehört Joel Meyerowitz. der am 6. März 80 Jahre alt wird, zu den Stars der Fotografie. Neben William Eggleston und Stephen Shore gehört er zu den wichtigsten Wegbereitern der künstlerischen Farbfotografie in den USA. Und er war der einzige Fotograf, der direkt in das Trümmerfeld von Ground Zero nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 gelassen wurden.

Die Bilder der Rettungskräfte, die in den rauchenden Überresten der Zwillingstürme nach Spuren von Leben suchen, treffen mitten ins Herz. Diese Aufnahmen haben auch Joel Meyerowitz verändert: “Er ist nicht rausgegangen, um dort ‘Joel Meyerowitz’-Bilder zu machen, sondern um Historisches festzuhalten”, sagte seine Frau Maggie Barrett in einem Interview mit “fotoMAGAZIN”. “Ich habe gesehen, wie sich Joels Herz in dieser Zeit geöffnet hat und seitdem immer weiter öffnet.”

Eine ganz besondere Technik der Straßenfotografie erfand Meyerowitz auf seiner großen Europa-Reise in den 60er Jahren – er fotografierte aus dem Autofenster heraus. In den 70er Jahren fotografierte er Straßen und Städte in den USA – die nüchtern-sachlichen Aufnahmen waren stilbildend für die berühmte Düsseldorfer Becher-Schule.

Die Fotos seiner Europareise 1966/67 zeigte das Museum of Modern Art (MoMA) in New York bereits 1968 in einer Einzelausstellung. “Viele Fotos habe ich aus dem fahrenden Auto heraus gemacht”, sagte Meyerowitz einmal der Deutschen Presse-Agentur. “Das Autofenster war wie eine Linse und das Auto die Kamera, und ich war in der Kamera.”

Meyerowitz dokumentierte mit seiner Leica das Nachkriegseuropa: archaisch wirkende Szenen in Südspanien, wo ein totes Pferd von einem Karren gehievt wird, Ausflügler in der Bundesrepublik, verschleierte Frauen in der Türkei, Straßenleben in Paris, mal brutal, dann wieder beschwingt. Nichts ist gestellt in diesen Bildern, Meyerowitz fing unwiederbringliche Momente aus dem Strom des Alltags ein. “Es war auch riskant, weil man die Kontrolle über die Aufnahme aufgibt”, sagt er. Oft habe er eine interessante Szene gesehen, aber nicht rechtzeitig auf den Auslöser drücken können.

Sein Jahr in Europa bezeichnet Meyerowitz als “das reichste Jahr seines Lebens”. Zurück in den USA fotografierte er anders. “Nach Europa sah ich Amerika mit anderen Augen.” Die USA waren im Vietnam-Krieg, “das Leben aber ging weiter”. Meyerowitz’ Fotos aus New York oder Ohio haben nichts Unbefangenes mehr, sie wirken bedrückend, auch wenn vom fernen Krieg in Asien nichts zu sehen ist.

In eine ganz andere Richtung weisen jüngere Arbeiten des in New York und der Toskana lebenden Meyerowitz. Sie erinnern an die Stillleben Alter Meister. In Cézannes Atelier in Aix-en-Provence fotografierte Meyerowitz Küchenutensilien auf einem grauen Regal vor einer grauen Wand. Die Aufnahmen von Karaffen, Kännchen oder Silberleuchtern ordnete er am Computer zu einer Typologie mit 25 Objekten in Fünferreihen.

In seinem ganzen Fotografenleben hat er bis dahin keine Stillleben fotografiert. Heute sei er glücklich, sagte Meyerowitz. “Ich überschreite noch immer meine Grenzen.”

Von: APA/dpa