Steve Gunn erweist sich als Meister seines Fachs

Steve Gunn: Gut bei Stimme, ganz bei sich

Dienstag, 22. Januar 2019 | 09:57 Uhr

Bisher fehlte immer irgendetwas an den Platten von Steve Gunn. Sein Talent war offenkundig – doch mal klangen seine Songs und Sounds zu sperrig, mal sein Gesang zu farblos und seine Gitarren zu verspult. Gunn schien genügsam in der Indie-Nische zu verharren. Doch nun passt alles zusammen – auf “The Unseen In Between” (Matador/Beggars Group/Indigo), einem ersten Höhepunkt des Rock-Jahrgangs 2019.

Dabei legt der seit dem Debüt von 2007 sehr fleißige Musiker hier keineswegs ein Mainstream-Album vor, um den Erfolg zu erzwingen. Die neun Lieder sind immer noch für Gitarrenpop-Feinschmecker bestens geeignet – aber zugleich so sorgfältig produziert (vom langjährigen Geheimtipp-Kollegen und Jeff-Tweedy-Sidekick James Elkington) und melodisch zugänglich wie nie zuvor. Bei den Arrangements und beim Songmaterial gelingt hier der berühmte Quantensprung.

Steve Gunn stammt aus der US-Ostküstenszene um die derzeit höchst angesagten Folkrock-Songschreiber Adam Granduciel (The War On Drugs) und Kurt Vile (in dessen Band The Violators er zeitweise mitspielte). Diese drei Virtuosen beweisen schon seit längerem, dass in der klassischen Rockmusik mit E-Gitarren – trotz manch verfrühter Nachrufe der Popkritik – noch viel Leben steckt.

“The Unseen In Between” ist ein Album, auf dem Gunn nicht nur wieder feine Riffs spielt und viel besser als gewohnt singt, sondern auch als einfallsreicher Texter brilliert. So ist die akustische Ballade “Stonehurst Cowboy” seinem kürzlich an Krebs gestorbenen Vater gewidmet, die prächtige Smiths-Hommage “Vagabond” erzählt sensibel von rastlosen Zeitgenossen wie Mona und Jean-Pierre – und “Luciano” amüsant von einem Barbesitzer und seiner Katze.

Die teils psychedelisch ausfransenden Instrumentalpassagen sind fabelhaft, oft mit einem satten Standbass von Bob Dylans Begleiter Tony Garnier und Elkingtons Zaubereien. Schon wenn im Opener “New Moon” nach zwei Minuten eine Mundharmonika und dezente Streicher das Klangbild magisch erweitern, ahnt man: Steve Gunn ist auf dieser Platte endlich ganz bei sich – ein Meister seines Fachs.

Auf die Live-Präsentation dieser Lieder – und älterer Songs von den ebenfalls sehr respektablen Gunn-Soloalben “Way Out Weather” (2014) und “Eyes on the Lines” (2016) – darf man daher sehr gespannt sein.

Von: APA/dpa