Zombiemädchen rettet Jugendlichen

“The Dark”-Regisseur: “Film aus Perspektive des Monsters”

Freitag, 05. Oktober 2018 | 15:56 Uhr

Mit “The Dark” hat US-Regisseur Justin P. Lange ein ungewöhnliches Debüt vorgelegt: Ein Horrorfilm, der Entführung, Missbrauch und Einsamkeit behandelt. Darin treffen das Zombiemädchen Mina und der gekidnappte, geblendete Alex aufeinander und finden nur zaghaft Vertrauen in ihr Gegenüber. Produziert hat die heimische Dor Film, in Nebenrollen sind auch Karl Markovics und Margarethe Tiesel zu sehen.

Nach bejubelten Premieren beim Tribeca Filmfestival oder dem heimischen /slash, startet das intensive Werk am 12. Oktober in den österreichischen Kinos. Zuvor sprach Lange, der auch das Drehbuch verfasste, mit der APA über Konventionen des Genres, das Spiel mit Erwartungen und die Suche nach dem richtigen Monster.

APA: Sie beschäftigen sich mit dem Thema Missbrauch – und das im Horrorgenre. Eine eher ungewöhnliche Kombination, oder?

Lange: Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht. Der Film ist für mich auf verschiedenen Ebenen sehr persönlich, und letztlich repräsentiert er genau die Art und Weise, wie ich darüber sprechen möchte. Natürlich kann man sich in einem Drama mit Missbrauch beschäftigen, aber für mich ist dieser Film zugänglicher und kathartischer. Ich habe “The Dark” für die Opfer und Überlebenden von Missbrauch und Übergriffen gemacht. Ich wollte mich ihrer Erlebnisse annehmen, und dafür schien er ein gutes Vehikel. Ich spreche vielmehr mit ihnen, als nur über sie.

APA: Wie haben Sie entschieden, wie viel von der Vorgeschichte Ihrer Hauptcharaktere Mina und Alex Sie preisgeben?

Lange: Meine Richtlinie war, diesen Kindern gerecht zu werden – und zwar bei jeder Entscheidung, die ich treffe. Sie reden aber nicht viel, vertrauen niemandem – auch nicht einander. Das bereitet dir als Autor und Regisseur natürlich Schwierigkeiten. Ich war nie ein großer Fan von Flashbacks. Aber da sich der Film ganz auf Mina fokussiert und Filmemachen für mich immer mit Subjektivität zu tun hat, befinden wir uns in ihrer Welt. Deshalb haben die Flashbacks auch funktioniert. Alex hingegen ist von Beginn weg sympathisch, bewegt sich aber immer mehr in eine dunkle Richtung. Mina wiederum lernen wir kennen, als sie jemanden tötet. Sie ist das Monster. Doch Schritt für Schritt können wir uns mehr in sie hineinfühlen, sind also bereit, mit ihr auf diese Reise zu gehen. Daher war es zentral zu zeigen, was sie zu dem machte, was sie nun ist.

APA: Wie groß war die Herausforderung, die richtigen Darsteller für diese zwei komplexen Figuren zu finden?

Lange: Es war sehr, sehr schwierig. Wir haben uns zuerst nach einer Mina umgesehen, wobei mir wichtig war: Ich wollte ein Monster casten. Dass wir eine tolle Schauspielerin für das Mädchen finden würden, war mir eigentlich klar. Wer kann aber auch den düsteren Part spielen? Wir müssen Angst vor ihr haben! Beim Vorsprechen ging es dann um die Szene, in der Mina Alex attackiert. Und als Nadia Alexander kam, sagte sie nur: Ich verwende jetzt diesen Sessel für den Angriff, und ich werde ihn zerbrechen. (lacht) Also sagten wir: Gut, mach das! Sie hatte einfach diese Intensität, die perfekt für Mina war. Als wir dann Toby Nichols gefunden haben, hat die Chemie zwischen ihm und Nadia einfach gestimmt. Dabei war mir lange nicht klar, wie gut er wirklich ist. Er hat einen tollen Humor und ist unglaublich klug.

APA: Wie hinderlich waren die darstellerischen Handicaps, also die Masken und das aufwendige Make-up, für die beiden?

Lange: Man vergisst manchmal, was es bedeutet, wenn du als Schauspieler deiner wichtigsten Sinne und Ausdrucksmöglichkeiten beraubt wirst – seien es das Gesicht und ein Teil der Mimik bei Mina oder die Augen bei Alex. Und dann musste ich auch noch sagen: Ihr bekommt so gut wie keinen Text, aber legt los! (lacht) Es war toll, was diese jungen Darsteller unter diesen Umständen abgeliefert haben.

APA: Ursprünglich hätte der Film in Österreich gedreht werden sollen. Weshalb gingen Sie dann nach Kanada?

Lange: Ich bin extra hierher gezogen und wollte den Film in Österreich machen. Auch die Vorproduktion hat hier begonnen. Aber die Finanzierung ist immer knifflig, da muss man Stück für Stück aneinanderreihen und schauen, ob es sich ausgeht. Und ganz ehrlich: Dieser Film funktioniert nur, wenn das Make-up und die Masken passen. Das kostet aber. Zudem war Toby beim Dreh 14 Jahre alt, was uns natürlich in den Arbeitszeiten beschränkte. Über Robert Eggers, der “The Witch” in Kanada gedreht hat, bin ich dann auf die Locations in Ontario gestoßen. Immerhin gibt es dort viel Wald. (lacht) Gemeinsam mit meinem Kodirektor und Kameramann Klemens Hufnagl haben wir uns Locations in Österreich angeschaut, ich war dann wieder in Kanada – und letztlich ist es sich dort mit der Finanzierung ausgegangen. Es war wie ein Pferderennen, bei dem du darauf wartest, wer zuerst ins Ziel kommt. (lacht) Aber es blieb trotzdem eine österreichische Produktion.

APA: Wie ist dieser Konnex eigentlich zustande gekommen?

Lange: Ich habe Florian Krügel (Produzent bei Dor Film, Anm.) im Studium an der Columbia University in New York kennengelernt und arbeite schon lange mit ihm. Er war zwar nur ein Semester dort, aber wir haben uns auf Anhieb verstanden und verbrachten viel Zeit miteinander. Später kam dann auch Klemens dazu. Es gab also diese kleine österreichische Filmfamilie, mit mir als einzigem Amerikaner. Wir sprechen einfach die selbe Sprache, jedenfalls visuell. (lacht) Und wir wollten diesen Film gemeinsam machen. Ich habe über den Zeitraum von drei Jahren immer wieder in Wien gelebt, es fühlt sich wie mein Film-Zuhause an. Bei einem Meeting mit den Produzenten kam dann plötzlich der Name Karl Markovics ins Spiel, als es um die Besetzung des Entführers Josef ging. Ich dachte nur: Der würde das machen? Wahnsinn! Das Leben ist manchmal voller Überraschungen.

APA: Mehrfach wurden schon Parallelen zu “So finster die Nacht” gezogen. Wie schwierig ist es, sich von Einflüssen zu lösen?

Lange: Ich war bis zur Columbia University eigentlich kein Genre-Typ. “So finster die Nacht” war gewissermaßen meine Einstiegsdroge, weil er mir gezeigt hat, dass man in diesem Bereich auch andere Geschichten erzählen kann. Dabei fragte ich mich immer: Wie hätte dieser Film ausgesehen, hätte man ihn aus der Perspektive des Vampirs erzählt? Das war der Samen, deshalb wollte ich einen Film aus der Perspektive des Monsters drehen. Aber weiter gehen die Parallelen nicht. Ich liebe es einfach, mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Wie stellt man das Monster vor, wenn es dein Hauptcharakter ist? Damit setze ich mich in den ersten 20 Minuten auseinander, die eine reine Charaktereinführung sind. Ansonsten gibt es wenig Einfluss, der sich direkt bemerkbar macht. Ich erfinde aber natürlich keine Schockmomente, sondern vertraue eher auf meinen Instinkt.

Von: apa

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