Sänger Thom Yorke und Kollegen wussten die Fans zu begeistern.

The Smile lieferten in Wien solide Kost ohne Überraschungen

Mittwoch, 18. Mai 2022 | 07:17 Uhr

Die Spannung war groß: The Smile, das neue Projekt der Radiohead-Musiker Thom Yorke und Jonny Greenwood, hat Dienstagabend in Wien gespielt. Das Konzert im Gasometer war der zweite Stopp der aktuell laufenden Tour, mit der das vergangene Woche erschienene Debüt “A Light For Attracting Attention” in die Welt getragen werden soll. Komplettiert von Jazzschlagzeuger Tom Skinner an den Fellen, gab es solide Alternative-Kost, ohne aber zu überraschen oder gar zu glänzen.

Schon seit vergangenem Jahr geistern The Smile durch den Musikzirkus. Zunächst gab es beim legendären Glastonbury Festival in England ein überraschendes Liveset, bevor Anfang 2022 die ersten Singles veröffentlicht wurden. Was würden Sänger Yorke und Multiinstrumentalist Greenwood abseits ihrer Stammmannschaft, deren bis dato letztes Album “A Moon Shaped Pool” nun auch schon wieder sechs Jahre zurückliegt, fabrizieren? Wie man jetzt weiß: Liedgut, das sich nicht unbedingt außerhalb ihrer Komfortzone aufhält.

Wobei man den Musikern zugute halten muss, dass sie sich bisher kaum um Erwartungshaltungen oder Genregrenzen gekümmert haben. Die Geschichte von Radiohead ist schließlich auch eine von musikalischen Neuerfindungen und der Abkehr von Mechanismen des Mainstreams – von den diversen Soloarbeiten der Beteiligten ganz zu schweigen. Und Skinner, den man etwa von der Jazzcombo Sons of Kemet um Ausnahmesaxofonist Shabaka Hutchings kennt, muss ohnehin niemandem etwas beweisen.

Letztlich stürzte sich das Trio in ein aus den 13 Stücken des neuen Albums gezimmertes Set, das mit recht typischen Mustern ausgestattet war: Im zu Beginn gesetzten “Pana-vision” überzeugte Yorke mit fragilem Klavierspiel und Gesang, bevor er für “The Smoke” zum Bass griff und einen unwiderstehlichen Groove in die Halle stellte. Dass das fröhliche Instrument-wechsel-dich-Spiel nicht immer zum Vorteil der Nummern aufging, musste man bei “Speech Bubbles” erfahren, für das Greenwood zwar Piano und Harfe gleichzeitig bearbeitete, das zarte Stück aber in einem Soundbrei unterzugehen drohte. Regelmäßige Gasometer-Besucher wissen um die, nun ja, eigenwillige Soundästhetik dieser Location sicherlich Bescheid.

Aber auch erfahrene Künstler können mal daneben greifen, was sich beim herrlich sperrigen “Thin Thing” zeigte: Hier musste Greenwood sein halsbrecherisches Gitarrenriff zweimal beginnen, sehr zum Amüsement von Yorke. Ein wirkliches Highlight war die sehr reduziert dargebotene Ballade “Free in the Knowledge”, die wie ein unbekannter Klassiker aus den 1990ern die Besucher zum Träumen anregte. Gaben hier Gitarre und Klavier den Ton an, wurde für “Waving a White Flag” ganz auf Synthesizer-Klänge gesetzt, die durchaus kühl und distanziert aus den Boxen tropften.

Nach ziemlich genau einer Stunde und dem punkigen “You Will Never Work In Television Again” als lautstarkem Schlusspunkt war das reguläre Set vorbei und verließen Yorke und Co die Bühne unter dem Jubel ihrer Fans, um nur wenig später mit drei Zugaben im Gepäck zurückzukommen. Die erste davon, das offenbar erst gestern fertig gestellte “Friend of a Friend”, veranlasste den zwar offensichtlich gut gelaunten, aber wortkargen Sänger gar zu einem kurzen Kommentar über die derzeitige Teuerungswelle. “Ihr werdet alle verhungern”, schlussfolgerte er in seiner typisch zynischen Art.

Das mag man nun amüsant finden oder nicht, im Endeffekt passte die kurze Episode aber gut zum Gesamteindruck, den The Smile an den Tag gelegt haben: Hier haben drei hervorragende Instrumentalisten ihre Spielwiese gefunden, ohne sich dabei um Trends zu scheren. Immerhin ließ der Altersschnitt im Publikum nicht unbedingt auf eine TikTok-affine Zuhörerschaft schließen. Teils etwas skizzenartig, oft jedenfalls nahe an ihrer Hauptband angesiedelt, spielt das Trio wohl in erster Linie fürs eigene Vergnügen. Wer will es ihm verübeln. Die großen Experimente und Überraschungen muss man sich eben woanders abholen.

(S E R V I C E – www.thesmiletheband.com)

Von: apa

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