Für Fatih Akin war "Tschick" eine Herzensangelegenheit

“Tschick”-Regisseur Fatih Akin: “Ein Himmelfahrtskommando”

Freitag, 16. September 2016 | 16:35 Uhr

Mit der Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Kultroman “Tschick” ist Fatih Akin (“Gegen die Wand”) ein eindrucksvolles Roadmovie gelungen. Im Gespräch mit der APA erzählte er im Vorfeld des heutigen Kinostarts von seinem langjährigen Wunsch, den Stoff zu verfilmen, den Zweifeln, als er wenige Wochen vor Drehbeginn Regisseur David Wnendt ersetzte und Kindern, die ihre Abenteuer vor dem PC erleben.

APA: Laut eigener Aussage wussten Sie bereits während des Lesens des Romans von Wolfgang Herrndorf, dass Sie das Buch verfilmen wollten. Gab es eine bestimmte Stelle, an der Ihnen das bewusst wurde?

Fatih Akin: In der Mitte des Romans gibt es die Stelle, wo Maik und Tschick im Feld schlafen – ich glaube im Roman sind es Holunderbüsche – und in die Sterne schauen und über Paul Verhoevens “Starship Troopers” sprechen. Und da dachte ich, ich würde das gerne verfilmen.

APA: Der Stoff hat ja nicht nur Millionen von Lesern in seinen Bann gezogen, sondern ist auch am Theater ein Renner. Was macht das Faszinosum – und zwar für Jung und Alt – aus?

Akin: Ich vermute, es ist die Liebe von Herrndorf zu seinen eigenen Figuren. Vielleicht hat er irgendwann mal gemerkt, dass er keine Kinder mehr haben und sterben wird. Umso mehr hat er vielleicht begriffen, dass Maik und Tschick seine Kinder sind. Und diese Liebe von einem Autor zu seinen Figuren hat man nicht alle Tage. Und das ist das, was sich vermutlich vermittelt. Aber ich bin kein Medienforscher.

APA: War es eine Herausforderung, diese Liebe zu den Figuren im Film zu transportieren?

Akin: Ich fand das gar nicht so schwer, diese Liebe zu übernehmen. Die war einfach so da und ich konnte das so adaptieren. Und adaptieren klingt fast wie adoptieren. Herrndorf ist gestorben und hat mir seine Kinder weitergegeben. Man muss Kinder mögen, dann geht das schon.

APA: Haben Sie durch die enorme Popularität des Stoffs Druck verspürt, den Erwartungen gerecht zu werden?

Akin: Bevor ich das Projekt angenommen habe, schon. Ich habe das Angebot an einem Mittwoch bekommen und musste mich bis Sonntag entschieden haben. Vom Drehbuch gab es damals eine erste Fassung und die war wie viele erste Fassungen nicht so besonders. Man musste es komplett neu schreiben. In den vier Tagen dachte ich: Oh Mann, das ist Herrndorf, das ist “Tschick”. Wenn du das in den Sand setzt, nehmen dir die Leute das lange übel. Dann habe ich aber gesagt: Wenn ich es 2011 unbedingt machen wollte und es damals nicht bekommen habe und dann kommt es auf Umwegen auf dich zurück, dann ohrfeigst du eigentlich das Schicksal, wenn du es nicht machst. Das kann man nicht ablehnen. Wenn das Leben dir etwas anbietet, musst du manchmal auch so ein Risiko eingehen. Und danach habe ich keinen Druck mehr gespürt, bis der Film draußen war und ich die Rezensionen gelesen habe. Alle freuen sich. Und da merkte ich erst: Oh Gott, was hätte da alles schief gehen können?

APA: Entdecken Sie in Maik und Tschick auch etwas von sich selbst?

Akin: Ja, und zwar in beiden. Ich konnte – wie bei fast jedem Film und mit jeder Figur, aber mit ihnen etwas mehr – meine eigenen Gedanken, meine Philosophie und Sehnsüchte in sie projizieren. Ich habe mich in den beiden schon wiedergefunden. Und ich mag auch die beiden Schauspieler sehr gern. Das sind gute Jungs.

APA: Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den Kindern funktioniert? Tristan Göbel ist ein erfahrener Kinderdarsteller, für Anand Batbileg war es der erste Film…

Akin: Anand Batbileg ist ein Jahr älter als Tristan Göbel und hat in echt ein bisschen auf ihn aufgepasst. Er war schon ein bisschen der Anführer der beiden. Beim Spielen aber, unmittelbar vor der Kamera, war Tristan der, der geführt hat. Das hat sich auf einer schönen Ebene ausgeglichen.

APA: Wo lagen für Sie die Herausforderungen, das Buch zu adaptieren?

Akin: Dass der Erzählfluss bestehen bleibt, fand ich wichtig. Der Roman ist kurzweilig und dieses Gefühl ist schwierig zu realisieren. Der Film durfte sich nicht länger anfühlen als das Buch. Man liest das Buch an einem Tag, das liest sich so weg, ein sogenannter “Page Turner”. Es ging also darum, einen “Page Turner” auf der Filmebene zu machen. Das war die Hauptaufgabe.

APA: Sie hatten für “Tschick” vergleichsweise wenig Zeit zur Verfügung. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Akin: Es war etwas total Verrücktes, ein Himmelfahrtskommando, eine Kamikaze-Aktion. Ich hatte keine Vision von dem Film, als ich begonnen habe, ihn zu machen. 2011 habe ich das Buch gelesen und wollte es unbedingt machen, aber ich hatte mir nie eine Vision überlegt, da ich die Rechte nicht bekommen habe. Eine Vision zu haben, ist ja auch Arbeit. Ich wusste nicht, wie der Film aussehen soll. Ich habe den Film eigentlich erst entdeckt, während ich ihn gemacht habe. Im Schnitt, ganz spät, kurz vor Ende, da hat mir der Film zum ersten Mal gefallen. Ich fand vorher immer alles Scheiße, was ich gemacht habe. Und im Nachhinein habe ich gedacht: Ach, so ein Film ist das geworden.

APA: Sie haben diesmal auch nicht mitproduziert. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Akin: Einige Sachen sind von Vorteil, andere von Nachteil. Der Produzent Marco Mehlitz war hervorragend. Es fühlte sich nicht wirklich an, als würde ich mit einem Produzenten arbeiten. Einzig anders war, dass ich wichtige Sachen nicht entscheiden konnte, ohne sie vorher abgesprochen zu haben. Man muss halt mehr kommunizieren.

APA: Können Sie sich in Zukunft Auftragsarbeiten vorstellen?

Akin: Das war jetzt nicht das einzige Gastspiel, das ich machen werde. Aber das Angebot muss stimmen. Das war ja jetzt nicht ein “Tatort” oder so, das war “Tschick”! Aber wenn ich mal unbedingt Geld brauche – ich muss ja auch meine Familie ernähren – drehe ich auch eine “Lindenstraße”. Aber wenn ich die Freiheit habe zu entscheiden, was ich drehe, muss das Angebot auch attraktiv sein.

APA: Welche Rolle spielte die Zusammenarbeit mit Hark Bohm?

Akin: Er ist inzwischen ein sehr guter Freund von mir. Wir gucken viele Filme und diskutieren dann viel. Und wir lernen viel über Film, indem wir darüber reden. Hier war er oft ein Korrektiv. Beim Drehbuch waren wir ja zu dritt: Lars Hubrich, er und ich. Und immer wenn zwei einer Meinung waren, gab es eine Opposition, in unterschiedlichen Konstellationen. Das war sehr hilfreich.

APA: Viele Jugendliche finden ihr Abenteuer heute in den Sozialen Netzwerken oder in Computerspielen. Das richtige Abenteuer draußen scheint für die meisten (Stadt)kinder weit weg. Wie empfinden Sie das Leben der Kinder im Vergleich zu früher?

Akin: Vieles findet heute zu Hause statt. Und ich kann nur allen Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder mehr rausgehen, empfehlen, sich einen Hund zu kaufen. Dann muss das Kind raus und Verantwortung übernehmen. Ich glaube der PC hat die Hauptschuld dafür. Nicht nur, weil man die Möglichkeit hat zu spielen, sondern dass man auch kommunizieren kann, ohne sich sehen zu müssen. Ob die Welt unsicherer geworden ist, das weiß ich nicht.

APA: Sie konnten “Tschick” ja machen, weil Ihr anderer Film auf Warteposition war. Wie sieht es nun damit aus?

Akin: Das mache ich jetzt. Der Dreh startet in einem Monat mit Diane Kruger im Hamburg. Und dann mache ich etwas von Heinz Strunk, “Der Goldene Handschuh”. Es läuft im Moment gut.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

Von: apa

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