Selge steht gerne auf der Bühne

TV-Star Edgar Selge wird 70

Dienstag, 27. März 2018 | 16:06 Uhr

Als TV-Kommissar Jürgen Tauber wurde Edgar Selge zu einem der bekanntesten deutschen Fernsehgesichter. Doch der Schauspieler, der am 27. März seinen 70. Geburtstag feiert, ist viel mehr als ein Serienstar.

Edgar Selge mag keine Telefoninterviews. Er sieht beim Gespräch gerne seinem Gegenüber in die Augen und schlürft dabei einen Caffè Lungo bei einem Münchner Italiener. Die Leute im Restaurant schauen immer wieder etwas verstohlen herüber, sie wissen, dass dieser Mann kein Unbekannter ist. Doch hat er nicht einen Arm zu viel?

Als einarmiger Kommissar Tauber im “Polizeiruf” wurde der Schauspieler eines der bekanntesten TV-Gesichter der Republik. Nach 20 Episoden beerdigte Selge 2009 die Kult verdächtige Serienfigur: “Je mehr ich mit dieser Rolle in der Öffentlichkeit identifiziert wurde, desto wichtiger war es aufzuhören”, sagt er. Selge verkörperte den vor allem an sich selbst leidenden Kriminalisten so überzeugend, dass er noch nach seinem Abschied auf der Straße von Menschen angesprochen wurde, die sich darüber freuten, dass er zwei Arme habe, wie er einmal dem “Playboy” erzählte.

Seit er den Serienjob aufgab, spielt Selge wieder mehr Theater. Ein fulminanter Erfolg war die Theater-Adaption von Michel Houellebecqs umstrittenem Roman “Unterwerfung” am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Darin spielt er in einem dreistündigen Monolog alle fünf handelnden Figuren, ein Kraftakt. “Die Leute rennen geradezu hinein, das Stück war von Anfang an ausverkauft”, sagt Selge. 2016 wurde er für diesen Abend von der Zeitschrift “Theater heute” zum “Schauspieler des Jahres” gewählt und erhielt obendrein den Deutschen Theaterpreis “Der Faust”. Zwei von zahlreichen Auszeichnungen, die er im Verlauf seiner nun schon mehr als 40 Jahre währenden Karriere eingeheimst hat

Vor kurzem wurde “Unterwerfung” für die ARD verfilmt (Sendung im Juni), mit ihm in der Hauptrolle des Literaturwissenschaftlers Francois. Das Thema, um das es geht, könnte aktueller nicht sein. Houellebecq zeichnet in seinem Buch das Bild eines von Islamisten beherrschten Frankreichs im Jahr 2022 und spielt ebenso virtuos wie unterhaltsam mit den Ängsten vieler Menschen in Europa: Angst vor Masseneinwanderung, vor Identitätsverlust, aber auch vor einer rechten Gegenbewegung und einem Erlahmen der demokratischen Kräfte. “Die Leute werden in diesen Ängsten und Phobien abgeholt und zwar auf eine komödiantische Art und Weise. Dass man mit diesen Gefühlen auch spielen kann, ist für viele Leute wie eine Erlösung.”

Schauspielerei war Selge, Sohn eines Gefängnisdirektors im westfälischen Herford, nicht in die Wiege gelegt. Nach einem Philosophie- und Klavierstudium gelang ihm der Sprung an die renommierte Otto-Falckenberg-Schule in München, die deutsche Theater-Talentschmiede schlechthin. Sein erstes Engagement führte ihn 1975 ans Berliner Schillertheater, anschließend arbeitete er fast 20 Jahre an den Münchner Kammerspielen und gastierte am Wiener Burgtheater, am Münchner Resi, am Zürcher Schauspielhaus und bei den Salzburger Festspielen.

Zuletzt war er fester Gast am Schauspiel Stuttgart, zusammen mit seiner Frau Franziska Walser, Tochter des Schriftsteller-Granden Martin Walser. Die beiden hatten sich während des Schauspielstudiums kennen und lieben gelernt. Selge und Walser haben einen Sohn und eine Tochter. Jakob ist ebenfalls Schauspieler und derzeit am Schauspiel Bielefeld engagiert, Maria feiert Erfolge als Tänzerin.

Mit einer Rolle in Helmut Dietls “Rossini” begann 1997 Selges Karriere als TV- und Filmdarsteller. Er war regelmäßiger Gast in Krimiserien wie “Tatort”, “Der Alte” oder “Derrick”, spielte in Streifen wie “Angsthasen”, der 2007 als Komödie des Jahres gefeiert wurde, oder “Feuchtgebiete” nach Charlotte Roche. Jetzt präsentiert sich Selge mit Michel Houellebecq, der sich selbst als Autor der “absoluten Schlaffheit” bezeichnet hatte, einmal mehr auf der Höhe der Zeit. “Er lässt uns zivilisierte Westeuropäer unsere eigene spirituelle Leere fühlen. So wie er kann das niemand anders.”

Am Ende des Gesprächs, der Caffè Lungo, ein mit etwas Wasser getreckter Espresso ist längst ausgetrunken, wird Selge noch einmal politisch und fast zornig: “Wir brauchen noch viel mehr Empathie. Die Menschen, die gerade zu uns kommen, sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, wie es (der Autor) Uwe Tellkamp in dem gerade so kontrovers diskutierten Gespräch mit (dem Schriftsteller) Durs Grünbein gesagt hat. So kann man nur denken, wenn man keinen Kontakt zu diesen Leuten hat. Warum können wir nicht viel mehr von ihnen profitieren, von dem, was sie geleistet haben, allein schon, um hierher zu kommen?”

Von: APA/dpa