Kurzfilm begleitet Platte

US-Gruppe The National mit Film und Album

Mittwoch, 15. Mai 2019 | 15:35 Uhr

The National hatten schon immer einen cineastischen Zugang: Die Musik der US-Gruppe um Sänger Matt Berninger, die sich in den vergangenen Jahren vom Indie-Geheimtipp zur Konsensband für allerlei Geschmäcker gemausert hat, war stets weit, offen und üppig. Für “I Am Easy To Find” ist man nun noch einen Schritt weitergegangen und stellt der Platte einen Kurzfilm zur Seite.

Ausgegangen ist die Idee von Regisseur Mike Mills (Oscar-nominiert für das Drehbuch von “Jahrhundertfrauen”). Er wollte unbedingt mit The National zusammenarbeiten, und so tat man sich bereits 2017 zusammen, um erste Ideen auszutauschen. Songs und Film, sie gingen in der Folge Hand in Hand, bedingen einander in gewisser Weise, können aber auch einzeln genossen werden. Im Kern geht es um das Leben selbst, mit allen Höhen und Tiefen, Nebensächlichkeiten und schwerwiegenden Entscheidungen.

Was auf Platte äußerst reichhaltig ausfällt – die 16 Songs kommen auf eine Spielzeit von über einer Stunde -, begegnet uns im Schwarz-Weiß-Film in kurzen 26 Minuten. An Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander liegt es, in dieser Zeit ein ganzes Leben durchzuspielen, von der Geburt über das erste Lachen oder den ersten Kuss bis zu den Problemen des Alltags und dem unausweichlichen Ende. Während sich die Personen um sie herum verändern, älter werden, bleibt Vikanders namenlose Figur stets gleich – nur die Kleidung oder ihre Gestik geben Auskunft über die Stationen, während jede Szene mit kurzen eingeblendeten Sätzen beschrieben wird.

Meint man zu Beginn einen Trailer für ein weit größeres Vorhaben vor sich zu haben, schwindet dieser Eindruck mit der Zeit. Die lose aneinandergereihten Songs von The National, die den Soundtrack liefern und für eine reichlich melancholische Atmosphäre sorgen, dringen dabei wie nebenbei ans Ohr. Mal werden Wörter aus dem Film aufgenommen, mal scheint es umgekehrt. Die Beiläufigkeit, mit der Mills erzählt, sie lässt sukzessive die eigenen Gedanken kreisen und Fragen aufkommen wie: Geht es mir auch so? Ist man gleichzeitig glücklich, verzweifelt, verloren? Wohin führt all das?

Andererseits darf man dem Kurzfilm “I Am Easy To Find” auch nicht zu viel Gewicht zusprechen, dafür ist das Ergebnis beinahe zu flüchtig. Als Ergänzung zur Musik von The National, die auf diesem Album noch epischer als gewohnt daherkommt, funktionieren die Bilder aber natürlich bestens. Wobei es eigentlich an einem anderen Aspekt liegt, dass die Stücke berühren wie zu den besten Zeiten der Band: Das Quintett setzt nicht nur ausgiebig auf Streicherarrangements (Gitarrist Bryce Dessner ist auch zeitgenössischer Komponist), sondern hat sich viele Gastsängerinnen geladen.

Die Auswahl reicht von Lisa Hannigan über Sharon Van Etten bis zu Gail Ann Dorsey, die lange Zeit in der Band von David Bowie war. So stark Berningers Stimme auch diesmal ist, die gesamte Spielzeit nur seinem in klar abgesteckten Grenzen bleibenden Vortrag zu lauschen, wäre deutlich zu ermüdend. So aber gibt es unterschiedlichste Farben, die mal kurz aufblitzen, mal länger im Rampenlicht bleiben dürfen. “I Am Easy To Find” mag zwar dennoch überwältigen, was das schiere Überangebot betrifft. Aber es ist eine Überwältigung, in die man gerne tiefer eintaucht – so man Zeit und Muße hat.

Von: apa