Kaum jemand griff Trump schärfer an als Colbert

US-Late-Night nach Trump vor neuen Zeiten

Mittwoch, 18. November 2020 | 09:08 Uhr

Der König der US-Late-Night hatte an diesem Abend keine Lust auf Witze. Stephen Colbert, Moderator der “Late Show”, ging auf Sendung, da waren die Monstrositäten Donald Trumps kaum verklungen. Es war Donnerstag, zwei Tage nach der US-Wahl, ein Sieger war noch nicht verkündet. Außer von Trump – der sich selbst ausrief. Colbert schimpfte, Trump wolle die Demokratie “töten”. Keine Scherze mehr, kein Augenzwinkern kein schelmisches Lächeln, keine Metaebene.

Colbert fiel aus der Rolle – vielleicht gewollt – und das Video davon verbreitete sich viral. Wie seine Moderatoren-Kollegen der US-Abendshows wurde er in den vergangenen vier Jahren zu einem liberalen Bollwerk gegen Trump. Nach dessen Wahlniederlage könnte auch bei ihnen eine neue Zeit anbrechen.

Colbert trägt an diesem Abend schwarz. Wie bei einer Beerdigung, sagt er. “Wie Sie bin ich erschöpft”, fährt er scheinbar konsterniert fort, setzt zwischendurch 12 Sekunden aus, nennt Trump einen “Faschisten” und den “fetten Typ mit dem roten Hut”. Das undemokratische Verhalten, das Trump nach der Wahl an den Tag lege, sei zwar erwartet worden. “Was ich aber nicht wusste, ist, dass es so sehr weh tun würde. Ich hätte nicht erwartet, dass es mir das Herz bricht.”

Kaum einer griff Trump in den vergangenen Jahren mit schärferem Spott an als Colbert, was sich auch an seinen in die Höhe schnellenden Zuschauerzahlen spiegelte. Genau wie seine Kollegen, Trevor Noah von der “Daily Show” oder Jimmy Kimmel (“Jimmy Kimmel Live!”), enttarnte er die Lügen nachhaltiger und führte die Absurditäten der populistischen Trump-Jahre direkter vor als jede Nachrichtensendung.

Die Shows nutzen dabei ihre Freiheiten gegenüber den Journalisten, gaben sich betont subjektiv und hielten sich sprachlich nicht zurück. Anders als die Nachrichten sprachen sie nicht von “Unwahrheiten”, sondern von “Lügen”, nicht von “skurrilen Auftritten”, sondern “Peinlichkeiten”. Colbert, Noah oder auch Seth Myers trugen ihre Abneigung gegenüber Trump offen vor sich her. Für viele der Amerikaner, die Trump verabscheuen, war der beißende Spott das Einzige, was ihnen noch blieb, um die Realität zu ertragen.

Doch was nun kommt, weiß keiner so genau. Nicht, dass die Late-Night-Shows nicht schon seit Jahrzehnten Witze auf Kosten der führenden Politiker gemacht hätten, das wird auch unter Joe Biden weitergehen. Doch der Aktivismus während der Trump-Jahre dürfte damit nicht zu vergleichen sein.

“Ich sehe sich viel verändern”, sagte Produzent Daniel Kellison, der bereits mit den Branchengrößen David Letterman und Jimmy Kimmel zusammenarbeitete, der “Washington Post”. “Viele Menschen haben sich als Erleichterung von stressigen Nachrichten Late Night geschaut, und die Frage ist, ob sie das noch tun werden, wenn die Nachrichten weniger stressig sind.” Die Shows könnten seiner Einschätzung zufolge unpolitischer werden. Ein Trend, der auch nach dem Übergang von der Bush- zur Obama-Regierung zu beobachten war.

Doch 2020 könnte auch deswegen anders werden, weil Donald Trump sich aller Voraussicht nicht wie ein klassischer Ex-Präsident verhalten wird. Momentan sieht er sich noch im aussichtslos erscheinenden Machtkampf ums Weiße Haus. Doch Medien berichten bereits davon, dass er 2024 erneut antreten will. Auch gibt es Spekulationen, Trump könnte seinen eigenen TV-Sender gründen. Für die Late-Night-Shows dürfte er als Witzfigur bleiben. Doch sie müssen sich gut überlegen, wie viel Raum sie ihm noch geben wollen.

Stephen Colbert, so wird ein anonymer Vertrauter von der “Washington Post” zitiert, ist glücklich über das Wahlergebnis. Auch beruflich, obwohl Trump ihm Traumquoten bescherte. Er wolle sich nicht weitere vier Jahre an ihm abarbeiten. In seiner nun berühmten Wutrede sagt Colbert, dass er so wie alle Anderen nur Eines wolle: “Einen langweiligen Präsidenten”.

Von: APA/dpa

Kommentare

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4 Kommentare auf "US-Late-Night nach Trump vor neuen Zeiten"


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Staatsfeind
Staatsfeind
Tratscher
7 Tage 3 h

Nicht übertreiben, Trump bleibt im Amt, dann habt ihr wieder 4 Jahre Zeit sich an ihm abzuarbeiten.

Doolin
Doolin
Grünschnabel
7 Tage 3 h

…na sicher…der orange Proll holt Nachhilfe bei Lukaschenko oder er macht frisch an Militärputsch…seine proud boys stehn auch schon Gewehr bei Fuss…
🤪

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Superredner
6 Tage 23 h
Als die Barbaren nicht kamen: “Konnte es sein, dass ich in ein Loch falle, nun, wo Trump hoffentlich verschwinden wird? Ist das der einzige Fluch, den er mir hinterlässt? Vier Jahre waren eine lange Zeit, in der wir unser Denken und Tun, so unterschiedlich und gegenläufig es auch sein mochte, entlang derselben Linie ausgerichtet hatten, die von heute auf morgen nun zu verschwinden droht. Auch wenn wir uns sagen, dass die Grenze, die sie markiert, bleiben wird, dass man sie bloß nicht mehr so leicht ausmachen kann im Nebel – das ist, es tut mir leid, einfach nicht das Gleiche.… Weiterlesen »
Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Superredner
7 Tage 4 h

Ja, ein “langweiliger Präsident” ist den USA zu wünschen.
Und die Abkehr von gegenseitiger “Hate Speech”.

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