Kaiser gelang mit "Rückwärtswalzer" ein turbulenter Familienroman

Vea Kaiser über ihren neuen Roman “Rückwärtswalzer”

Dienstag, 05. März 2019 | 09:52 Uhr

In Vea Kaisers neuer Schreibstube nahe des Karmelitermarkts stehen die alten Griechen neben dem Ratgeber “Die vollkommene Ehe”, Balkan-Reiseführer neben Zeitgeschichtsbänden und einer Tito-Biografie: Recherche-Reste für den dritten Roman der 30-Jährigen. “Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger” erscheint am Donnerstag. Von ihren ersten beiden Büchern wurden 230.000 Stück verkauft.

APA: Frau Kaiser, Ihr neues Buch ist wieder ein turbulenter Familienroman. Wie weit haben Sie dabei aus der eigenen oder Ihrer angeheirateten Familie geschöpft?

Vea Kaiser: Tatsächlich findet sich ein bisschen etwas aus der eigenen Familiengeschichte. Meine Familie stammt aus Niederösterreich. Die Nachkriegszeit und die russischen Besatzungssoldaten haben mich in den Geschichten meiner Großeltern mein Leben lang begleitet. Für mich war schon lange klar, dass ich mich mit dieser Zeit intensiver beschäftigen möchte, weil sie gerade im Osten Österreichs so extreme Erinnerungen hinterlassen hat.

APA: Und die große Bedeutung des Essens für die Familie Prischinger, von der sie erzählen?

Kaiser: Es ist ja total interessant, dass süditalienische und niederösterreichische Großfamilien relativ ähnlich funktionieren. Meine Verwandtschaft und die Verwandtschaft meines Mannes haben keine gemeinsame Sprache, verstehen sich aber blendend. Da wirken noch ein bisschen archaischere Strukturen – vom Respekt vor den Älteren bis zum unbändigen Essen als soziales Bindeglied, aber auch als Zeichen für einen gewissen Wohlstand. Von den Leuten in meinem Alter hat ja niemand mehr einen normalen Speiseplan. Ich habe vor einiger Zeit ein Abendessen gegeben, es waren ungefähr zwölf Gäste, und ich musste sieben verschiedene Diäten berücksichtigen. In der Generation meiner Großeltern ist das völlig unverständlich. Für die ist es luxuriös, überhaupt Essen zu haben.

APA: Die Familie Prischinger ist recht unübersichtlich. Ich habe mich sehr nach einem beigefügten Stammbaum gesehnt, ähnlich dem gezeichneten Ortsplan von St. Peter am Anger in “Blasmusikpop”.

Kaiser: Das hat mir der Verlag ausgeredet. Ich hätte auch gerne eine Balkan-Karte drinnen gehabt, da ich festgestellt habe, dass viele Leute Schwierigkeiten haben, die Länder dort auseinanderzuhalten.

APA: Im Roman wechseln Rückblenden in die Geschichte der Familie mit einem turbulenten Roadmovie von Wien nach Montenegro. Eine gezielte Verwirr-Strategie?

Kaiser: Ich war beim Schreiben so damit beschäftigt, dass die Geschichte irgendwie gut lesbar ist, dass ich mir gar nicht so große Gedanken gemacht habe, was ich jetzt damit will. Zumal ich nach drei Büchern festgestellt habe: Das funktioniert sowieso nicht, weil man ja als Autor ein Buch ganz anders wahrnimmt als die anderen Leser. Ich habe schon festgestellt, dass es Leser gibt, die meine Bücher viel gründlicher lesen als ich selbst. Das ist ja ein Mythos, dass der Autor die objektive Deutungshoheit hat. Diese Kapitel-Verschränkungen haben sich erst beim Schreiben ergeben. Seit ich Bücher schreibe, nehme ich mir ja vor, nicht mehr als 300 Seiten zu schreiben…

APA: … und sind schon wieder gescheitert…

Kaiser: Ja. Aber mein Erstroman hatte 500 Seiten, der zweite 460, jetzt sind es 425 – ich bin urstolz, ich finde, ich mache Fortschritte. Am Anfang wollte ich wirklich nur eine kleine Geschichte schreiben. Am Anfang war’s eine junge Frau mit drei Tanten oder Omas, jedenfalls drei älteren Damen, die mit einer Leiche den Balkan entlang fahren. Wohin, das war nicht ganz klar, mir ging’s nur um diese Reise und diese Figurenkonstellation.

APA: Es gibt ja den einen oder anderen Film mit einem ähnlichen Thema, und Sie selbst haben am Ende von “Rückwärtswalzer” eine mögliche Verfilmung des Buches gleich mit eingearbeitet. Wie geht’s denn der angekündigten “Blasmusikpop”-Verfilmung?

Kaiser: Ich weiß es nicht. Mit mir redet ja keiner. Ich bin immer diejenige, die alles als Letzte erfährt. Da bin ich aber auch nicht traurig darüber. Beim ersten Buch wollte ich alles mitverfolgen, überall dabei sein, an allem Anteil haben. Dann habe ich gemerkt: Ich bin da leider nicht der Typ dazu, weil ich nicht teamfähig bin und den Leuten dreinrede, wo ich mich nicht auskenne. Was soll ich meinem spanischen Verlag erklären, wie das Cover aussehen soll? Jetzt sag’ ich immer: Wenn jemand was von mir wissen will, kann er sich melden.

APA: Die Chance ergreife ich gerne: Was sind denn die “Manen” im Untertitel Ihres Buches?

Kaiser: Die Manen sind in der römischen Mythologie die Geister der Toten. Das ist ein Wort, das es nicht im Singular gibt und vom altlateinischen “manus” für “gut” kommt. Es ist eigentlich ein kleiner Euphemismus, denn in der römischen Mythologie sind die Manen nicht unbedingt was Gutes. Wenn man sie richtig versöhnt, wenn man sie gut behandelt, sind sie einem wohlgesonnen, dann können sie auch einem erscheinen oder vor Unheil beschützen. Aber wenn man sie nicht gut behandelt, wenn man sie nicht versöhnt, wenn man ihnen nicht opfert, dann können sie furchtbare Dinge bewirken und einen heimsuchen. Die Römer hatten große Sorge, ob sie ihre Toten gut behandeln.

APA: Wie viel Raum nimmt eigentlich die Altphilologin in Ihnen noch ein?

Kaiser: Ich habe eigentlich felsenfest vorgehabt, das wird jetzt einmal ein Buch, in dem es nicht um Altphilologie geht, sondern um die Geschichte Österreichs, um die Nachkriegszeit und ein bisschen um den Balkan, das ist ja irgendwie ein Kulturraum. Ich merke ja immer wieder, dass ich in Kroatien besser funktioniere als in Norddeutschland. Aber Fragen wie “Was passiert nach dem Tod?”, “Wie geht man mit dem Tod um?” stellen wir uns ja immer wieder. Die Römer haben ihren Toten sehr viel Zeit und Raum gegeben. Ich habe das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der Tod ein Tabuthema ist. Er passt gar nicht zu unserem Jugendkult, zum Schönheitswahn. Die Frage, wie man trauert, ist eine Frage, der sich leider jeder Mensch immer wieder stellen muss. Das war ein bisschen auch der Auslöser für diesen Roman: Ich habe 2016 binnen drei Wochen drei sehr, sehr enge Menschen verloren. Mich hat’s wirklich aus der Bahn geworfen. Ich habe dann gemerkt, mir hilft es am besten, Erinnerungen zuzulassen. Ich habe dann eine Kolumne geschrieben mit Erinnerungen an meine verstorbene Großmutter, die eine dieser drei Verstorbenen war, die ich damals beklagt habe. Da meldete sich ein alter Freund bei mir, dessen Mutter kürzlich gestorben war und der mit mir über diese Trauer gesprochen hat. Mit ihm bin ich jetzt ein halbes Jahr verheiratet.

APA: Dann schreiben Sie in Ihrer Kolumne “Fabelhafte Welt” doch nicht über eine Kunstfigur, sondern geben tatsächlich etwas von sich preis?

Kaiser: Das ist eine gute Frage. Es ist sicherlich so, dass es für meine Generation ein weniger großer Schritt ist, etwas preiszugeben, als für frühere. Um ehrlich zu sein, ertappe ich mich selber dabei, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, bei der Wahrheit zu bleiben. Und grundsätzlich bin ich der Meinung: Wir Schriftsteller werden doch fürs Lügen bezahlt. Traue niemals einem Schriftsteller! Auch dann nicht, wenn sie Kolumnen schreiben.

APA: Menschen bei bisher über 41 angekündigten Leseterminen vertrauen aber darauf, dass Sie auch wirklich kommen und aus “Rückwärtswalzer” lesen werden.

Kaiser: Tatsächlich werden es sogar an die 100 werden bis Jahresende. Es ist so ein Privileg, all’ diesen Leuten mein Buch vorstellen zu dürfen und ihnen vor allem die ganzen Geschichten zu erzählen, die ich nicht ins Buch hineingeschrieben habe. Aber ich merke, dass ich nicht mehr die Energie von früher habe. Mit 23 beim “Blasmusikpop” habe ich nur drei Stunden Schlaf gebraucht, das geht leider nicht mehr so. Nach “Makarionissi” hatte ich das, was man beinahe einen Nervenzusammenbruch nennen könnte, weil ich mich einfach zu sehr überarbeitet habe. Ich habe das Buch fertig geschrieben, bin auf Lesereise mit 150 Terminen gegangen und habe sofort wieder einen neuen Roman angefangen – mit dem Ergebnis, dass ich ein halbes Jahr ziemlich beieinander war. Daher habe ich mir vorgenommen, mit dem vierten Roman zu warten, bis der “Rückwärtswalzer” quasi abgehakt ist. Dabei macht es mich wahnsinnig, gerade kein Buch zu haben, an dem ich schreiben kann. Also stürze ich mich manisch auf anderes, gehe vier Mal die Woche laufen und zwei Mal zum Yoga…

APA: Aber eine Idee für das nächste Buch haben Sie schon?

Kaiser: Natürlich. Ich habe eher das Problem, dass ich so viele Ideen in mir habe, dass ich jetzt schon weiß: So lange werde ich nicht leben. Nach drei Romanen habe ich plötzlich entdeckt, wie groß die Welt der Literatur ist. Ich könnte einen Krimi schreiben, ich habe eine super Idee für ein Kinderbuch oder einen Jugend-Fortsetzungsroman. Theaterstücke habe ich sowieso zwei fertige im Kopf. Ich träume davon, einmal ein Sachbuch zu schreiben: “Das kleine Graecum – Vea Kaiser erklärt die griechische Antike auf 700 Seiten”, das ist so ein Traumprojekt von mir. Gleichzeitig würde ich wahnsinnig gerne ein Sozialprojekt machen, zur Lese- und Schreibförderung von Jugendlichen.

APA: Also kommt jetzt ein Genre-Wechsel?

Kaiser: Nein. Der vierte Roman ist wieder ein Familienroman. Da geht’s aber dieses Mal um drei Geschwister in ihren 30ern. Die leben in sehr verschiedenen, aber sehr klassischen 2018er-Welten und werden sehr durcheinandergebracht, weil ihre Eltern in Pension gehen und ihnen eröffnen, dass sie jetzt endlich ihr inneres Ich verwirklichen und als Druiden leben wollen.

APA: Da werden sich die Freunde von “Asterix und Obelix” freuen!

Kaiser: Wissen Sie überhaupt, dass Druiden echt ein Ding sind im Waldviertel? Man kann heutzutage auch druidisch heiraten. Bei diesen alternativen Heiratszeremonien sind Druiden als Zeremonienmeister sehr beliebt. Und wir brauchen gar nicht reden von diesem ganzen Hexenkram, von Drogen, Seancen, von Kräuterseminaren, von alternativer Heilkunde… Man schaue sich nur die Rückkehr der Masern an oder von Keuchhusten. Plötzlich hängen auch sehr gebildete Menschen den obskursten esoterischen Theorien an. Und es wird im neuen Buch auch um die Frage gehen, welche Pflichten erwachsene Eltern in der Pension gegenüber ihren erwachsenen Kindern haben. Viele Menschen wollen sich heute in der Pension oder am Ende des Berufslebens nochmals komplett neu verwirklichen. Die weigern sich, als brave Vorzeigeopas und brave Vorzeigeomas auf die Enkerl aufzupassen, weil sie selbst noch Pläne haben. Die gehen dann auf Weltreise – oder werden Druiden. Ich finde das spannend.

Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA

Mit ihrem in einem fiktiven Dorf im österreichischen Alpenvorland spielenden Debütroman “Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam” ging 2012 am Literaturhimmel der Stern der 1988 geborenen Niederösterreicherin Vea Kaiser glanzvoll auf. Die Leser rissen sich um ihr Buch, die Journalisten um die Jungautorin: Gezählte 263 Interviews habe sie gegeben, erzählte sie später. Ihr Altgriechisch-, Latein- und Germanistik-Studium bekam durch diesen Erfolg ernsthafte Konkurrenz. Ihr ebenfalls erfolgreicher Zweitling “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” (2015) spielte in Griechenland. “Rückwärtswalzer” führt nun von Niederösterreich nach Wien-Liesing und von dort nach Montenegro.

INFO: Vea Kaiser: “Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger”, Kiepenheuer&Witsch, 432 Seiten, 22,70 Euro. Buchpräsentation am 11. März, 20 Uhr, im Rabenhof Theater, Wien 3, Rabengasse 3

Von: apa